leben in deutschland (20) Wie man in Deutschland als Paar lebt
Ein Leben zu zweit, mit oder ohne Kinder, ist noch immer die große Glückshoffnung. Doch auf Dauer zusammenzubleiben gelingt immer seltener
» Ich sah aus dem Auto in einer Passantenschar, die die Kreuzung überquerte, die geliebte N., mit der ich – einst! seinerzeit! damals! – gut drei Jahre lang die gemeinsamen Wege ging, sah sie über die Fahrbahn schreiten und auf irgendeine Kneipe zuhalten. Ihr Kopf, ihr braun gescheiteltes Kraushaar. Und das ist dieselbe, die ich im Tal von Pefkos auf Rhodos, als wir von verschiedenen Enden des Wegs über die Felshügel einander entgegengingen, so bang erwartet habe, in Sorge, es könne sie jemand vom Wegrand her angefallen und belästigt haben, da sie nicht und nicht erschien am Horizont. Das ist dieselbe Geliebte. Im halben Profil flüchtig erblickt, indem sie dahinging und ich vorbeifuhr. Mir ein unfassliches Gesetz, das so Vertraute wieder in Fremde verwandelt. Verfluchte Passanten-Welt!«
Das Lamento stammt von Botho Strauß, es erschien in einem Band namens Der kleine Text fiel dem Reporter ein, als er den Auftrag bekam, über Paare in Deutschland zu berichten. Steht bei Strauß nicht alles drin? Deutschland eine Wildnis von Fremden, die einander für eine gewisse Zeit paarweise zähmen, um sich dann wieder zu verlieren, zu verdrängen, zu vergessen.
Anthropologen untermauern Strauß´ Text. Es sei nämlich so, behaupten sie, dass die Menschen noch immer funktionierten wie Nomaden in der urweltlichen Steppe. Die seien in überschaubaren Horden unterwegs gewesen, Beute jagend, Früchte sammelnd, Nachkommen aufziehend. Die Paare damals seien nur etwa vier Jahre zusammengeblieben, eben so lange, wie ihr Nachwuchs sich an den Eltern festklammerte. Sobald die Jungen mit der Horde Schritt halten konnten, hätten sich die Paare umstandslos getrennt.
Der Blick in die Vergangenheit der Gattung hat etwas von einer Absolution. Wie soll es denn dauerhaft klappen mit dem Paarsein, wenn wir nicht dafür vorgesehen sind? So stilisieren sich viele als Jäger und Sammler der Liebe, führen Listen über vergangene Verhältnisse, und auf Kinder verzichten sie lieber.
Jeder zweite deutsche Haushalt ist ein Ein-Personen-Haushalt. In 65 Prozent aller Haushalte gibt es keine Kinder. Zwar ist das Paar, die Liebe, noch immer die Glückserwartung der Deutschen: Rund 90 Prozent der befragten jungen Erwachsenen streben eine feste Partnerschaft und Nachwuchs an. Aber die Paartherapeuten und Scheidungsanwälte lauern schon. Fast jeder zweite Deutsche in einer Paarbeziehung geht fremd. Und knapp 400000 Ehen, die jährlich in Deutschland geschlossen werden, stehen rund 200000 Scheidungen gegenüber. So zog der Reporter los, um zu den Umfragen die Gesichter, zu den Zahlen die Wunden zu finden. Er suchte die Lahmen, Versehrten und Verbitterten der verfluchten Passanten-Welt. Aber der Zufall (oder vielleicht die Sehnsucht nach good news) führte ihn in eine andere Richtung.
Er fand Paare, die zusammenhalten. Verschworene im Strom der Passanten. So fragte er nach deren Strategien für die größte Herausforderung, mit der die meisten, die zusammenbleiben wollen, täglich ringen: Wie schafft man das?
Er fand zwei, die im Namen Gottes zusammen sind. Zwei, die ihr Paarsein als Forschung und hohe Kunst verstehen. Zwei, die sich verschwistern. Zwei, die sich als Paar von Geschlechterrollen befreit haben. Und zwei, die in einer großen Familie aufgegangen sind.
Liebe im Gottvertrauen
Als Harald Geyer 16 Jahre alt war, ließ er seine Freunde wissen, er werde die Suche nach der Frau seines Lebens jetzt einstellen, er habe sie nämlich schon gefunden. Sabine. Ihre Bewegungen, ihre Vitalität, das schwarze lange Haar, ihr unverklemmtes Wesen – es hatte beim ersten Blick gefunkt. Auch Sabine, damals ebenfalls 16, war sich sofort sicher: »Ich sah ihn und war weg.«
Um ihre Liebe zu prüfen, trennten sie sich für ein Jahr. Er ging zum Studium nach Frankfurt, sie absolvierte ein soziales Jahr im Kloster. Sie telefonierten nicht miteinander, sie schrieben sich nicht. »Wir waren wie versiegelt«, sagt Harald Geyer. »Zwei Wochen vor Ablauf der Frist hielt ich es nicht mehr aus: Ich fuhr zu ihr. Da war es klar.«
30 Jahre später sitzen die beiden in einem Pfarrhaus am Rande der Schwäbischen Alb. Kohlberg liegt im Schatten eines schroff aufragenden Vulkanberges namens Jusi; unten im Tal sieht man Metzingen, die Stadt von Hugo Boss und seiner Kleiderfabrik. Hier ist es ruhig, aber nicht ganz ungefährlich: Seit elf Jahren sind die Geyers nun hier, in dieser Zeit ist die örtliche Bankfiliale zweimal ausgeraubt worden. Kohlberg hat 2500 Einwohner, und wenn etwas zu feiern ist, sitzt das Ehepaar Geyer neben dem Bürgermeister und seiner Frau. »Wir sind«, sagt Harald, »ein öffentliches Paar.«
Im Wohnzimmer bullert der offene Ofen. Darunter, im Erdgeschoss, ist das Pfarramt, das als Herz des Ortes gelten darf. Geburt, Taufe, Konfirmation, Heirat, Scheidung, Krankheit, Sterben und Beisetzung, Krisen und Konflikte in den Familien, das wird hier alles besprochen.
Wie schafft man es da, im ersten Stock ein Paarleben, ein Intimleben, aufrechtzuerhalten? »Wenn ich rausgehe auf die Straße, bin ich schon der Herr Pfarrer«, sagt Harald Geyer. »Im öffentlichen Dorfleben steht man zuweilen wie ein Schauspieler auf einer Bühne.« Sabine sagt: »Wenn er in Stresssituationen die Pfarrerrolle mit heimbringt, dann protestiere ich. Daheim will ich den Harald und nicht den Pfarrer. Da bitt ich ihn zur Kasse.«
Wenn Ehepaare sich heutzutage trennen, hat das nicht mehr die soziale Ächtung zur Folge, sondern den ökonomischen Abstieg. Bei den Geyers hingegen ist der soziale Druck enorm. »Aber wenn wir schon so eine hohe Schwelle haben, uns zu trennen«, sagt Sabine, »dann muss das Leben diesseits der Schwelle auch richtig gut sein.«
Wieso ist es richtig gut? Weil, so erzählen sie, keine Langeweile aufkommt; weil sie lebenslang im Gespräch miteinander sind; weil sie drei tolle Kinder haben (Johanna, 17; Jonathan, 16; Joschka, 13); weil sie noch immer ein glückliches Sexualleben miteinander haben; weil sie Glauben und Werte miteinander teilen.
Dennoch hat Sabine ein Burn-out erlebt; auch bei der Pfarrersfrau verschwimmen die Grenzen zwischen öffentlich und privat. Seitdem machen beide regelmäßig Supervision, sie beim Psychologen, er beim Seelsorger.
Die Geyers haben nie einen anderen Liebespartner gehabt. Ihre Beziehung sei eine sehr empfindliche Sache. Das sagt er, der Herr Pfarrer. Sie hätten keine Häutungen hinter sich und keine Hornhäute ausgebildet, beide hätten nie die Erfahrung der Zurückweisung und der Kränkung gemacht; sie hätten ja den Menschen bekommen, den sie gewollt hätten. »Die Tiefe dieser Symbiose«, sagt Harald, »ängstigt uns manchmal.«
Harald Geyer hat in Kohlberg etwa 250 Menschen beerdigt. Er ist ein weicher, zuhörender, großer Mann, man kann sich vorstellen, dass viele im Ort seine Nähe suchen. Aber wenn der Tod in sein eigenes Leben einbräche, sagt er, dann könnte er für nichts garantieren: »Es kann sein, dass mich das in tiefste Depressionen stürzen würde.«
Wird das lebenslange Paar nach dem Tod weiterhin Paar sein? »Nein«, sagt Harald, »im Himmel ist das nicht mehr vorrangig. Es ist nicht nötig, dass wir uns dann erkennen.«
Sabine protestiert: Sie hoffe, den Harald dann doch noch zu spüren. Seine Anwesenheit. Für einen Moment hatte der Reporter den Eindruck, bei ihr scheine etwas auf vom Passanten-Horror des Botho Strauß. Man war so sehr zusammen – und verliert sich zuletzt doch?
Dann sind sie sich wieder einig. Das Beste, was es gebe, sei die Liebe zu Gott. Die Liebe unter Menschen sei das Zweitbeste. Das Beste auf Erden.
Partnerschaft als Projekt
Das von Gott bestimmte Zusammensein und alles Tun ein gemeinsames – dieses Modell ist selten geworden. Die autonome Entscheidung füreinander zählt. Das Individuum. Das manchmal sogar für jede Entfaltungsmöglichkeit einen eigenen Ort braucht. Zum Beispiel Wien plus Marktheidenfeld am Main. Dort lebt ein Paar, das, wäre es nach seiner Umgebung gegangen, immer alles falsch gemacht hat. Sie arbeitete an ihrer Karriere, er wusch ihre Unterhosen und schrieb Bücher. Sie zog nach Bochum, Berkeley, Siegen, Wien, er zog immer mit. Sie habilitierte sich, er las Korrektur. Friederike Hassauer, geboren 1951, und Peter Roos, Jahrgang 1950, sind seit über 30 Jahren zusammen. Roos sagt: »Androgynität ist unser Lebensprinzip. Wir sind durch unsere Lebensweise rund um die Uhr Geschlechterforscher am eigenen Fall. An uns bricht sich der Paar-Schlamassel außen rum.«
Friederike Hassauer ist heute Ordentliche Romanistikprofessorin an der Universität Wien, Peter Roos ist freier Schriftsteller. Sie hat wissenschaftliche Bücher geschrieben, er belletristische, und zusätzlich haben die beiden Gemeinschaftsarbeiten verfasst, die sich hauptsächlich mit Mann und Frau beschäftigen. Über 30 Bücher und Filme in über 30 Jahren Zusammenlebens.
Roos hat im Rückblick die Aufstiegsphase seiner Partnerin beschrieben als ein »Stillstellen von Weiblichkeit« und als »eine Vermännlichung«. Er hat, so sagen beide, ihre Karriere erst ermöglicht. Er nennt sich »Mutter Roos«. Sie beschrieb sich so: Gepeinigt von Versagensängsten, orientierungslos »in einer Institution mit frauenundurchlässiger Hierarchie«, verbittert, weil sie Jugend und Schönheit dieser Institution geopfert habe. Die Jahre ihres Karriereaufstiegs, schrieb Roos, seien für beide »Scheißjahre« gewesen.
Und jetzt? Besuch bei Roos/Hassauer im Wiener IV. Bezirk, Diplomatenviertel, IV. Stock. Die beiden, die dort oben wohnen, in Blau, seiner Lieblingsfarbe, gekleidet, können auf das Gros ihrer Altersgenossen hinabblicken wie Schildkröten auf Eintagsfliegen: Sie sind noch immer da, gemeinsam. Seit drei Jahrzehnten bringt der Frühaufsteher der Langschläferin den Tee ans Bett.
Mit einem hohen Aufwand an Fürsorge und Höflichkeit, »Klarheit und Zivilisation«, sagt Friederike Hassauer, werde die Liebe gehegt. Wenn sie gemeinsame Schreibprojekte vorantreiben, machen sie aus der Wohnung eine Festung: Telefon abstellen, Rollos runter, Zugbrücke hoch. Dann ereigne sich, so schrieben sie, das kreative Mirakel »Hassauer/Roos: Es ist ein diskursiver Beischlaf«.
Jedoch, Fruchtbarkeit im Hause Hassauer/Roos ist eine rein geistige Kategorie. Das Paar hat sich früh gegen Kinder entschieden. Er: »Der hohe Maßstab, den ich an eine Kindheit anlege – das traute ich mir nicht zu, und das war auch mit dieser Frau und ihrem Berufsziel nicht zu machen. Kinder würden total an mir hängen bleiben.« Sie: »Ich wusste, dass all das zusammen mir nie gelingen würde – Karriere machen, Kinder haben und meine Beziehung auf ihrem Niveau zu halten.« Sie hat auch gelitten unter dem »kruden Verzicht«.
Keine Kinder?! Die Verwandtschaft stutzte und musterte Frau Hassauers Bauch. »Sie wollten wissen«, sagt Roos grimmig, »ob das Rind nicht doch endlich trächtig ist.« Und die weitere Umwelt hatte brennendes Interesse an der Frage, ob er, Roos, denn sexuell überhaupt noch funktioniere: Der arme Kerl! Opfert seiner Frau und deren Karriere die eigene Männlichkeit, hat keine feste Anstellung, sie ist finanzell gesichert und er noch dazu drei Zentimeter kleiner als sie. Die »Gender-Forscher« Hassauer und Roos haben zu spüren bekommen, welch vermintes Gelände zwischen den Welten »Mann« und »Frau« liegt. Wer dort allein unterwegs ist, kommt nicht heil davon.
So sind sie zugleich eine Koalition der Selbstkritik wie eine Schutzgemeinschaft und Bestärkungsallianz. Jeder sagt dem anderen: Es ist richtig, was du tust. Sie betreiben gemeinsam Kunst und Wissenschaft, und ihr aufwändigstes Forschungsprojekt und größtes Kunstwerk ist die eigene Partnerschaft.
»Unser Lebensmotto ist: Unbedingt leben«, sagt sie. »Dazu gehört: sich verlieben und mit der Eifersucht umgehen zu können.« Gegen die Reize anderer sieht sich keiner der beiden gefeit. Der Schriftsteller verliebt sich täglich in irgendein vorbeigehendes Menschenkind. »Aber Verlieben ist nicht Liebe! Man muss den anderen informieren, wenn es prekär würde. Und da«, sagt er lächelnd, »sind uns Lösungen gelungen, die ich toll und ziemlich einmalig finde.« Der Reporter fragt nicht nach. Hassauer ergänzt: »Das setzt voraus, dass das Paar die Priorität der Primärbeziehung respektiert, mit Loyalität und Diskretion.«
Verschwisterung statt Leidenschaft
Doch dass ein Dritter auftaucht, ist bei anderen der häufigste Scheidungsanlass. So wird serielle Monogamie zum Schlüsselwort für das aktuelle Paarverhalten. Solange man zusammen ist, ist man auch (relativ) treu; aber man bleibt nicht unbedingt lange zusammen.
Gerhard Amendt, Direktor des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen, sagt: »Liebe und Sex sind heute wie zwei Vehikel. Geht es mit dem einen zu Ende, nimmt man das andere zum Trost. Man kämpft nicht mehr so sehr um Beziehungen, man tröstet sich mit jemand anderem.« Unter jungen Leuten aber beobachtet Amendt Ernüchterung: »Die machen früh ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Und dann war es oft doch nicht so toll.«
1968 sei es vor allem um die Quantität der sexuellen Kontakte gegangen, nicht um Qualität. Sexualität sei mit Befreiung gleichgesetzt worden. Heute seien etliche 25- bis 28-Jährige auf der Suche nach der großen Liebe. Die Ehe solle auf Dauer stellen, was man an Liebeserfahrungen als Kind hatte. Man liebe, wenn man heirate, oft eher das Idealbild einer Person als die Person selbst. Der produktive Teil der Ehe bestehe dann darin, im gemeinsamen Kampf Abstriche vom gegenseitigen Idealbild zu machen – das könne Paare zusammenschweißen.
»Was in der Generation meiner Eltern erprobt wurde«, sagt Marlene, »kann ich bei mir nicht wiederfinden. Dass es zum Beispiel okay war, wenn ein Paar, das für eine gewisse Zeit an getrennten Orten lebte, in dieser Zeit auch andere sexuelle Kontakte hatte…«
Im Restaurant Serengeti in Frankfurt sitzt Marlene König mit ihrem Freund Eric Mohn. Beide sind 22 Jahre alt; er studiert Sonderschulpädagogik in Frankfurt, sie Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Ihre Liebe ist ein Sonderfall von serieller Monogamie. Die beiden kennen sich seit sieben Jahren, und in diesen sieben Jahren haben sie sich dreimal getrennt. Sie hatte zu viel Angst vor der Nähe. Derzeit sind sie zum vierten Mal zusammen.
Man muss heute wissen, zu wem man gehört?
»Ich glaube schon«, sagt Marlene. »Vielleicht liegt das daran, dass es so wenig Halt in verlässlichen Werten gibt. Ich bin oft sehr orientierungslos. Da ist Eric einer der wenigen festen Punkte in meinem Leben.« Sie bekräftigt, dass es auch in der Liebe Retro-Tendenzen gebe: »Es wird alles immer öffentlicher, vielleicht wird darum Treue immer wichtiger.«
Marlene, eine auffällig zierliche, hübsche Frau, war in der Schule immer die Beste. Ihre von Antiautorität geprägte Erziehung und ihr grenzenloser Ehrgeiz machten ihr zu schaffen, sagt sie. Sie wurde magersüchtig und verbrachte Monate in der Klinik. »Eric«, sagt sie, »ist der Einzige, der mich in dieser Zeit erlebt hat. Er kennt mich in Lebensphasen, die nie ein anderer von mir kennen wird.« Zum ersten Mal haben Marlene und Eric jetzt das Gefühl, dass sie in einem Jahr noch zusammen sein werden. Was zwischen beiden nun laufe, sagt Eric, sei ein ganz neues Ding.
Serielle Monogamie bedeutet bei diesen beiden also: sich neu zu verlieben in denselben, gewandelten Menschen. Über die Jahre hin sind sie sich dabei immer ähnlicher geworden. Es herrscht zwischen ihnen eine liebevolle Schicksalsergebenheit, und wenn sie voneinander erzählen, ist es eine gemeinsame Erzählung. Einer ergänzt den anderen, sie wählen ähnliche Formulierungen und Gesten, haben einen ähnlichen Tonfall. Sie kleiden sich ähnlich und haben nahezu identische Frisuren.
Von dem Philosophen und Religionswissenschaftler Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768 bis 1834) stammt der Satz: »Ich glaube an die unendliche Menschheit, die da war, ehe sie die Hülle der Männlichkeit und der Weiblichkeit annahm.« Gibt es heute etwa einen Wandel in Schleiermachers Sinn? Eine Lust am Abwerfen der Hüllen? Der Schweizer Paarforscher Jürg Willi behauptet, Männer und Frauen hätten sich in den letzten Jahrzehnten von Antipoden im Geschlechterkonflikt zu »Kollegen« entwickelt: Man hat gekämpft, man kennt die Finten der anderen; nun müht man sich um Verständigung.
»Verschwisterung?« Marlene denkt nach. »Bei uns geht das schon in die Richtung.«
»Das heißt aber nicht«, sagt Eric, »dass wir asexuell leben würden.«
Befreiung von Geschlechterrollen
Am Abend, bevor der Reporter bei Bettina und Ruth zu Gast ist, haben die beiden in ihrer Dachwohnung hoch über Stuttgart Ruths 40. Geburtstag gefeiert. Es waren 32 Frauen da, davon drei Heterofrauen und drei Mädchen. »Alle anderen«, sagt Ruth, »waren lesbisch. Für die Heteras war dieses Fest befremdlich. Für uns gar nicht. In der Mehrheit ist man immer normal.«
Bettina, 41, und Ruth sind seit neun Jahren ein Paar. Ein kluges, witziges, harmonisches Paar. Ruth war Ende 20, Bettina 31, als sie ihr »inneres Coming-out« hatten. Bis dahin versuchten sie mehr oder weniger unfroh, ein heterosexuelles Leben zu führen. »Ich habe mir immer vorgestellt, es würden mal viele Kinderchen um mich rumspringen«, sagt Ruth, »ich wusste aber nie, ob das mein Wunsch war oder ob der in mich reingepflanzt wurde.«
Bettina sagt, ihr Vater wisse bis heute nicht, dass sie mit einer Frau lebe; wüsste er es, es würde eine Welt für ihn zusammenbrechen. Im Betrieb – Bettina ist Führungskraft bei einer großen Versicherung – wissen es die meisten, mit denen sie zusammenarbeitet. Bei den anderen spricht es sich rum. »Ich werde respektiert. Aber wir reden nicht darüber, es würde die Kollegen irritieren.« Bei Ruth, der Sport- und Englischlehrerin an einem Gymnasium, liegt der Fall anders. Sie hat ein ständiges Coming-out zu bewältigen: »Es kommen ja immer neue Klassen.«
Die beiden sind, in gewisser Weise, ein sehr unerfahrenes Paar. Als Lesben. Sie deuten an, dass es eine Lebensbeziehung werden könnte. Sie streiten sich nie, sagen sie, dabei sind sie höchst unterschiedlich. Ruth ist impulsiv, schnell, nachfragend, übersprudelnd. Bettina ist auf trockene, schwäbische Art vielsagend: Von zehn Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, meldet sie gerade mal ein »Hm« nach draußen – dem dann Sätze von bestechender Genauigkeit folgen.
Seit neun Jahren erleben sie die stellenweise tönerne Toleranz der deutschen Gesellschaft. Wenn sie Hand in Hand gehen, starren die Leute sie an. Würde eine von ihnen krank werden, hätte die andere kein Recht, sie im Krankenhaus zu besuchen oder zu pflegen. Die Situation der Schwulen und Lesben werde sich langfristig verbessern, glauben beide – trotz aller Diskriminierung vonseiten konservativer Kirchenleute und Politiker. Und doch: Es bleibt die Scheu vor dem Wort »lesbisch«. »Es ist eine wahnsinnige Barriere, auch wenn wir mit Kindern reden. Mein kleiner Neffe fragt mich immer: Bist du ein Mann? Er will uns einordnen. Und er weiß nicht, wo. Damit werden wir wohl leben müssen.«
Aber sie führen ein gutes Leben. Ruth und Bettina haben ein gemischtes Basketballteam aufgebaut – Lesben und Heteras –, mit dem sie montags trainieren und das im Sommer zu den Eurogames, den europäischen Gay Games, nach München fahren wird. Sie haben einen großen Kreis von Freundinnen.
Vor allem sind sie, sagen sie, frei von den Konflikten, die Rollenzuweisungen auslösen. Eine lesbische Polarisierung wie in der Weimarer Republik – hier kesser Vater, da die »Femme« – erscheint beiden absurd. Das, sagt Ruth, seien Kostümierungen gewesen. »Es gibt bei uns nur Bettina und Ruth.«
Aufgehen im Kindersegen
In der Geschichte der Ehe und des eheähnlichen Zusammenlebens hat es vier Hauptmodelle gegeben. Erstens das ökonomisch-rechtliche Ehemodell: Die Verbindung zweier Menschen diente der juristischen Absicherung und der Weitergabe von Besitz. Kein Wunder, dass sich Paare heute noch gegenseitig »Schatz« nennen.
Zweitens das institutionell-rechtliche Ehemodell: Das Paar (die Familie) wurde als Keimzelle der Gesellschaft gehegt. Drittens das kindzentrierte Modell: das Paar (die Familie) als Reproduktionsgemeinschaft. Viertens das aktuelle Modell: das Paarsein (die Familie) zur Maximierung des persönlichen Glücks.
Die ersten drei Modelle gehen mit großer sozialer Kontrolle einher, das vierte, jüngste Modell entzieht sich ihr. Allerdings mit der Folge, dass viele Anhänger von Modell vier auch der Wärme verlustig gehen. Die Deutschen, die noch heiraten, tun es immer später, die Männer im Schnitt mit 31,6 Jahren, die Frauen mit 28,8 Jahren. Je später sie aber heiraten, desto größer ist die Chance einer Scheidung. Und wer sich einmal scheiden ließ, hat relativ hohe Chancen, eine zweite Scheidung zu erleben.
Ist das Paarsein wirklich so verdammt schwer? Vermutlich ja. Es sei denn, es treffen sich die Richtigen. Dann kann es passieren, dass sich die oben beschriebenen Ehemodelle ergänzen. Wie bei den Neuburgs in ihrem Zehn-Zimmer-Endreihenhaus im Hamburger Stadtteil Volksdorf.
Heike Neuburg ist 39, Hermann Neuburg ist 41. Die beiden haben sich im Juli 1984 kennen gelernt. Er war Zivi im Krankenhaus, sie ließ sich zur Krankenpflegerin ausbilden. Nebenher wollten beide Musik machen. Sie trafen sich zum ersten Mal, um etwas von Telemann einzustudieren, Erquicktes Herz, sei voller Freuden. Er sang, sie begleitete ihn auf der Violine. Am selben Abend war ihnen alles klar. Und bald auch der Zuwachs beschlossen: »Vier Kinder planen wir, dann kommen die Ungeplanten.«
Der Pastor gab ihnen zwei Jahre. Sie sind heute noch zusammen. Sie haben sechs Kinder: Raphael, 18; Dominik, 17; Elena, 12; Marlene, 11; Leonard, 7; Constanze, 3.
Hermann, ein Einzelkind, war zuvor mit einer Frau zusammengewesen, die auch Einzelkind war. »Das geht eigentlich nicht. Zwei Einzelkinder können nicht zusammenleben. Die rufen ineinander den Geiz hervor. Und Geiz ist nicht geil. Er hat meine erste Beziehung zerfressen.«
Von Heike hat er das Teilen gelernt, die Großzügigkeit. »Man wählt den aus, der aus einem macht, was man gerne wäre«, sagt er. Heike stand vor der Wahl, Karriere zu machen oder Kinder zu haben. Sie entschied sich für die Familie. Als Kind hatte sie sich ein glückliches Familienleben gewünscht und unter dem ständigen Streit ihrer Eltern gelitten. Sie sagt einen Satz, der alles Weitere erklärt: »Wenn du das Schöne nicht erlebt hast, musst du es selber schön machen.“
Heute ist Hermann, der Sänger werden wollte, SAP-Berater, und Heike, die Sprachen studieren wollte, führt den Haushalt. Ihr Beruf ist »Familienmanagerin«, sie macht ihn perfekt. »Meine Frau«, sagt Hermann, »ist im engen Wortsinn nicht emanzipiert. Äußerlich hält man sie für das Heimchen am Herd – was sie nicht ist.« Sie ist es nicht, und sie wirkt nicht so, sondern so phänomenal unverschlissen wie ihr Mann. Auch dass sie sechs Kinder geboren hat, ist dieser hübschen, zierlichen, lebhaften Frau nicht anzusehen.
Leidet sie, wenn man sie für ein Heimchen hält? »Anfangs schon. Als Mutter zweier Kinder war ich unter Studenten nicht anerkannt. Aber mit jedem Kind stiegen die Achtung und die Anerkennung. Heute fühle ich mich sehr stark. Ich habe Erfahrungen gemacht, die die wenigsten haben.«
Und wie steht’s mit der berüchtigten deutschen Kinderfeindlichkeit? Im Gegenteil: Sie spüren bei vielen so etwas wie heimlichen Respekt vor der Lebensleistung. Acht Menschen, die zusammenhalten, haben Aura. »In gewisser Weise stehen wir im Rampenlicht«, sagt sie, »ich spüre auch, dass wir Neid hervorrufen. Wir haben ausgelebt, was andere nicht gewagt haben.« Und er sagt: »Man wird als eine Art gesellschaftlicher Lichtblick gesehen.«
Im Haus durchweben sich HipHop, Techno und klassische Musik. Ihre Gene, sagen die Neuburgs, hätten sich auf sehr interessante Weise gemischt: jedes Kind ein völlig eigener Charakter. Es wird auch viel gezankt, aber keiner hält es lange aus, allein zu sein. Wenn eins der Kinder den Raum betritt, lächelt Vater Neuburg versonnen zum Reporter hinüber. Er ist auf eine sehr sympathische Weise stolz.
Gewiss gab es auch Zeiten, da hatte sie schon den Termin beim Scheidungsanwalt fixiert, und Zeiten, da er sich gefragt hatte, ob es nicht auch ein Leben jenseits der Familie geben könnte. Aber die Liebe habe sich als »positive Kette« herausgestellt, sagt sie. Die Ökonomie allerdings auch: »Eine Scheidung«, sagt er, »wäre ruinös gewesen.«
»Wir haben uns dann wieder klar gemacht«, sagt sie, »dass es keinen anderen gibt, der so für mich da ist, wie er es ist, und keine andere, die so für ihn da ist, wie ich es bin. Was wir voneinander wollen, ist identisch. Es kann nur dieser Mensch sein.«
Günter Amendt, der Zwillingsbruder des oben zitierten Gerhard Amendt, ist Sexualforscher und Autor berühmter Aufklärungsbücher (Sexfront). In seinem Aufsatz Aufklärungsliteratur im Wandel heißt es: »Die Deregulierung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse wird auch die sozialen Beziehungen und ihre Moral deregulieren. Alle Regeln und Gebote, die den Warenfluss behindern könnten, werden im Verlaufe dieses Prozesses aufgehoben werden. Am Ende werden dann alle Beziehungen nur noch Tauschbeziehungen sein.«
Die Stadt als Basar, die Erotik als Währung, der Mensch als Handelsware – das klingt fürchterlich einleuchtend. Und es mag, wie Botho Strauß meint, eine verfluchte Passanten-Welt sein, in der wir nach Liebe suchen.
Aber es gibt Passanten, die dauerhaft Liebe finden. Offenbar gelingt dieses Kunststück am ehesten jenen, die anfällig sind für den schönen Irrsinn des Augenblicks, für das Unerklärliche. Heike Neuburg sagt heute, sie habe damals, als 20-Jährige, blitzartig geahnt, was noch kommen würde, als sie Hermann zum ersten Mal sah: »Er lächelte, und mein Leben blätterte sich vor mir auf.«
Nächste Woche im Wissen: Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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