Musik Wunderkind-Soul
Die neuen Sängerstars Joss Stone, Jamie Cullum und Norah Jones plündern den Plattenschrank der Eltern
Das Bild des Teenagers (rechts auf dieser Seite), das Sie möglicherweise dazu verführt hat, diesen Text zu lesen, führt in die Irre. Es lässt den absehbaren Kultur-Schock nicht erahnen, den Joss Stone bei den einschlägigen TV-Aufritten der nächsten Monate auslösen wird. Sie ist weiß und blond, aber ihre Stimme von derart tiefschwarzem Soul, dass sie keiner mit dem 16-jährigen Mädchen Joscelyn Eve Stoker aus den englischen Dover in Verbindung bringen würde. Wer hätte das geahnt? Meine Damen und Herren, die neue Hoffnung der Popmusik, nach Britney, Christina und Alicia – Miss Stoker alias Joss Stone!
„Iiiiiiaam only made to loooove you – don’t you know it, baby“, stöhnt-seufzt sie in bester Soul-Tradition zu The Chokin’ Kind und ihre Stimme wird kurz darauf von sattem Gitarren-, Orgel- und Schlagzeug-Sound in tiefe Schwingungen versetzt. Es ist die alte Schule, die auf ihrem ersten Album The Soul Sessions den Ton vorgibt, und wahrlich sind es die bewährten schwarzen Recken des Miami-Souls als Begleitband, ist es Clean up Woman-Betty Wright, die der tiefen, rauen Stimme von Joss Stone das musikalische Rückgrat liefert. Alles ist da: die Ruf-und-Antwort-Seligkeit, der Hauch und der Schrei, das Janis-Joplin-gleiche Anschleichen an die Töne, sie singt das Genre, und nur bei den Balladen wirkt die Stimme älter als ihr Leben.
„I know I’m blessed.“ Den Fragen nach den privaten Erfahrungen einer 16-Jährigen hinter Songs, die den dirty man besingen und All The King’s Horses zitieren, begegnet Joss Stone mit Selbstbewusstsein: „Trust me. I have emotions. I’m 16. I’m a teenager. Emotions are so much bigger now.“ Es ist die mediale Abgeklärtheit eines Mädchens, das mit 14, von ihrer Eisprinzessinnen-Mama gefördert, bei einer BBC-Talent-Show Aretha Franklins Natural Woman sang und Star For A Night wurde. Solange hatte es an seiner piepsig-britischen Sprechstimme gearbeitet, bis diese ganz schwarz klang. Von Empfehlung zu Empfehlung wurde Joscelyn Stoker gereicht und landete schließlich bei einem Plattenboss in New York. Was tun mit einem Rohdiamanten, um ihn vor vorzeitigem Abschleifen zu bewahren? Man wartet noch mit dem Mainstream (der schon in der Konserve ruht), gibt ihr zuerst eine provokantere Richtung und schiebt dann den Pop nach. „Wir dachten“, sagt der Produzent, „wir lassen sie live im Studio mit einer richtigen R-’n’-B-Band ein ganzes Set klassischer und obskurer Soul-Songs aufnehmen.“ Die Stimme gibt ihm Recht, Joss Stone wuchs mit Aretha Franklins Greatest Hits auf, „ich spielte das Album immer und immer wieder, ich liebte es.“
Kinder wie sie, aufgewachsen zwischen den CDs ihrer Schulfreunde und den Schallplatten ihrer Mütter und Väter, gehören jetzt zu den großen Hoffnungen der Branche. Anstelle des Glaubens an die neue Welle, die da kommen möge, den nächsten großen Hype, der seit Jahren auf sich warten lässt, sind die Wunderkinder getreten, die, unvermutet den Plattenstapeln ihrer Eltern entwachsen und unbeeindruckt von stilistischen Bedenken, pures Vinyl über Röhrenverstärker singen. Einzelgänger, die sich mehr um ihre persönlichen Vorlieben kümmern als um die Bedürfnisse der Branche. Die Klage, die dem Jazz-Liebhaber seit 25 Jahren die Ohren verstopft, wo denn der neue Messias bleibe, der nächste Stil, der fortführe, was Innovatoren wie Coltrane und Davis hinterließen, hat nun den Pop erfasst. Er langweilt sich mit sich selbst, aber aus dem musikalischen Gedächtnis der Hippie-, Beat- und Jazz-Generation wachsen seltsame Blüten.
Jamie Cullum ist der DiCaprio des Jazz
I Had A Dream von Lovin Spoonfuls’ John Sebastian wünschte sich Joss Stone für ihre Soul Sessions, eine eigenwillige Wahl. Jamie Cullum nennt sich die One-Boy-Band, die mit unrasierter Stimme „Leave me alone I’m twentysomething“ singt und ebenso verblüffend wie Joss Stone nach einem Zeitreisenden in Sachen Musik klingt. Zwischen dem Duft von Ledersesseln in der Hotel-Lounge und verschüttetem Bier im Jazz-Club bewegt sich der 23-Jährige Engländer aus Essex, liefert souveräne Versionen von Sinatra-Klassikern sowie Hendrix-, Jeff Buckley- und Radiohead-Titeln, singt so wie Robbie Williams seinen Swing gern gebracht hätte. Doch im Gegensatz zu Joss Stone umweht Jamie Cullum – ein Leonardo DiCaprio des Jazz in Turnschuhen – der Hauch des Profis, der mit seiner Familienband The Impacts durch die Pubs zog, die alles spielte, was Engländer so hören möchten, wenn sie England vergessen wollen. Vom Bruder lernt er Nirvana kennen, Roni Size und Portishead schätzen, aus der LP-Sammlung der Eltern zieht er die Coolness der Jazzer, von Oscar Peterson bis Miles Davis. Heard It All Before nannte er programmatisch die erste selbst produzierte CD mit 700 verkauften Stück, Pointless Nostalgic die zweite beim englischen Candid-Label, und seine Eigenkomposition I Wanna Be A Popstar deutete selbstironisch auf Kommendes hin. Nun wagt er sich auf seinem ersten Album für den Universal-Konzern wie nebenbei an Singing in The Rain, bringt ein verwegenes I Could Have Danced All Night, in dem er Funk, Kuba und Streicher mischt, und verhebt sich an Old Devil Moon. Es sind vor allem die eigenen Titel wie These Are The Days oder das grandiose All At Sea, die jenes Elton-John-Feeling erzeugen, das lange nicht mehr zu spüren war. Die Jazz-Sängerin und Pianistin Diana Krall hatte die Empfehlung an ihre Plattenfirma weitergereicht, der Vertrag über eine Million Pfund galt nicht nur Twentysomething.
Es ist die späte Rache der Enterbten, der armen Verwandtschaft Jazz am neureichen Pop, wenn immer mehr Wonderboys und Wondergirls den Plattenschränken entsteigen, in vertikaler Richtung aus der Vergangenheit kommen – vor und zurück in der Zeit reisen – und ihren Stil zwischen Jazz, Soulfeeling und Folkrock suchen, während sich die darbende Industrie abmüht, mit horizontalen Kreuzungen aus aktuellen Genres neue Stile zu kreieren.
Als vor zwei Jahren die Barjazz-Pianistin Norah Jones mit Come Away With Me ihre Mutter enttäuschte, weil sie viel zu wenig Jazz-Standards in ihr Album aufnahm, verkaufte sie 18 Millionen Stück, bescherte dem Jazz-Label Blue Note die Jahrhundert-Sanierung und der Musiklandschaft eine nie gehörte Sängerinnen-Schwemme. Nun, unter dem Druck des Welterfolges, sucht sie den Schutz ihrer Band, verweigert sich der Erwartung, indem sie eher den J.J. Cale mimt als den Sting.
Der Nachfolger, jenes verflixte zweite Album, das selbstverständliche Feels Like Home wird den Erfolg der 23 -Jährigen nicht wiederholen. Schade, dass es keinen echten Hit enthält, schade, dass sich die Musik endgültig dem entspannten Folkrock ergeben hat, schade, dass der Jazz von Norah Jones nur noch in der Stimme und ihrem Timing liegt. Schade, aber keine Klage, es wird ein drittes Album geben, ein viertes, es ist die Stimme, nicht der Song. Am Ende singt sie ganz traumhaft – allein mit dem Klavier – doch noch eine Jazzkomposition, Don’t Miss You At All von Duke Ellington. Mehr wäre vermutlich Nostalgie gewesen. Man muss nur fühlen, wo man zu Hause ist.
Joss Stone: Soul Sessions (Virgin/EMI, 96917; ab 23.2.)
Jamie Cullum: Twentysomething (EMARCY Rec./Universal 9865574; ab 29.3.)
Norah Jones: Feels Like Home (Blue Note/EMI 90952; ab 9.2.)
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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