Kunst Mit der Rasierklinge ins Auge
Kunst ist Schock, Schmerz, Verweigerung. Die Erwartungen des Staates, der sie fördert, kann sie nur enttäuschen. Sie dient nicht der Gesellschaft, sondern nur sich selbst
Wir schlittern in eine Epoche, die uns lehren wird, wieder das Knie zu beugen. Viele hungern nach Perspektiven, in denen gesellschaftliche Wirklichkeit in einem Licht höher als alle Vernunft erscheint. Von dieser Warte aus ist Rechtfertigung – oder auch Kritik – möglich, an der sämtliche Einsprüche einfach abperlen.
Die Religion ist wieder ein ernst zu nehmender Zufluchtsort, aber auch die Kunst. So groß ist das Unbehagen an der Welt, dass der Verfall der Moral, die Verhässlichung der Welt durch die globale Wirtschaft, der Irrsinn der Wissenschaft, die Verblödung der Massen, kurz: unsere umfassende Sinnlosigkeitsvermutung anscheinend nur noch durch eine Rhetorik des Hochheiligen oder des Letztgültigen im Zaum gehalten werden kann. Linksliberalismus und Inquisition reichen in Gestalt von Habermas und Ratzinger endlich einander die Hände. Nichts hält mehr den Zug der westlichen Kultur auf in eine Zeit abstoßender fundamentalistischer Scharmützel um geringfügige Prinzipienfragen.
Inmitten dieses gleitenden Übergangs in ein Klima des Antisäkularismus markiert die Kunst eine Grenze. Sie ist weltlich, aber es umgibt sie mehr denn je ein Nimbus die Gegenwart überschreitender Wahrheit. Immer noch bildet sie das Gravitationszentrum des geltenden Kulturbegriffs, und auch das deutsche Verständnis von „Bildung“ enthält seit Schiller eine robuste ästhetische Komponente. Kunst ist gerade heute das Ziel eines – im Übrigen begreiflichen – Eskapismus der Jugend in Musik-, Schauspiel- und Kunsthochschulen, und für das Langzeitgedächtnis der Gesellschaft sind Kölner Dom und Matthäuspassion allemal wichtiger als sämtliche Archive.
Milliarden fließen jährlich in den deutschen Kulturbetrieb, vermutlich wendet kein Land auf der Welt so viel Geld für die Pflege seiner ästhetischen Gärten auf wie dieses. Wir reden dabei nicht von Denkmalpflege und Museen, sondern von aktueller Kunst, von den Produktionen der Jetztzeit. Nie hatten so viele Menschen die Gelegenheit, als Künstler zu leben, nie war ihre Chance größer, über die Medien ein Publikum zu erreichen. Die Freiheit der Kunst ist durch das Grundgesetz geschützt, der Staat ist ästhetisch ehrgeizlos. Theoretisch müssten wir in einem goldenen Zeitalter leben, tatsächlich leben wir aber nicht einmal in einem eisernen Zeitalter, sondern in einem des Trompetenblechs.
Im Zeitalter des Trompetenblechs
Denn der überwiegende Anteil an der zeitgenössischen Kunst ist nichts anderes als Kunstgewerbe. Es wird hergestellt, um den Markt der Bücher und der Galerien zu bedienen, oder auch nur, um den Kulturbetrieb in seiner jetzigen Form am Leben zu erhalten. Durchschnittskunst hat eine klare soziale Funktion, aber keine besonders weiten Sinnhorizonte. Um darin ein Goldkörnchen Transzendenz aufzufinden, muss man schon eine Menge Fantasie mitbringen. 90 Prozent der Produktion sind flott erzählt, routiniert gespielt, professionell getüncht und gesampelt. Kunst soll emotionalisieren: Es bleibt dennoch beim ausgeleierten épater le bourgeois . Sie soll gesellschaftliche (Unrechts-)Verhältnisse auf den Punkt bringen: Jeder denkende Mensch weiß, dass die Wirklichkeit komplexer ist als im Repertoire der Schreie und des Flüsterns vorgesehen. Das Ganze hält sich als ein Zirkus der geistigen Unterforderung in Schwung, egal, ob subventioniert oder aus eigener Kraft.
Immer höher schrauben sich währenddessen die Ansprüche, die von der Kultur an die Kunst gerichtet werden. Kunst soll den Stress der Globalität lindern, sie soll gesellschaftlichen Sinn stiften, an rechter Stelle normative Eindeutigkeit herstellen und möglichst auch noch die Kinder zu Friedensengeln erziehen. In einem Land, in dem es um nichts anderes mehr geht als den Erhalt eines kommoden Status quo plus ein kleines bisschen Wachstum, lädt sich die Kultur notgedrungen mit solchen Erlösungserwartungen auf.
Utopien, Träume, Bilder einer anderen Welt, Antworten auf die Frage „wozu?“: alles Kultur. Kultur ist das exklusive Spielfeld der Experten für die „letzten Fragen“, die in den gesellschaftlichen Subsystemen sinnlos geworden sind. Darüber ist Kultur selbst zu einem Subsystem geworden. Keine Überraschung, dass es ausgerechnet Gerhard Schröder war, der Kultur einen Platz im Bundeskabinett einräumte – Schröder, der den Pragmatismus zum verpflichtenden politischen Stil erhob, was 1998 Charme hatte, weil es die Traditions-SPD aufmischte, aber inzwischen sein hässliches, sein sozialtechnokratisches Gesicht zeigt. Nie war mehr Bedarf an Kompensation durch Kultur. Wo soll Schröders Innovationsgranate zünden? Natürlich im Wunderreich der immateriellen Werte.
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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