Kann man noch erzählen? Du lieber Himmel, sie erzählen doch alle, vom Onkel und von der Tante, von der Liebe und von den Kopfschmerzen. Jedenfalls tun das die jungen Deutschen, es mangelt ihnen an Stoff, aber sie erzählen ihn voller Inbrunst. Die jungen Amerikaner hingegen werken kraftvoll im Tagebau des Gesellschaftlichen. Das Material, das sie fleißig fördern und zu dicken Romanen verarbeiten, würde bei einem europäischen Autor leicht ein ganzes Lebenswerk füllen. Es mangelt ihnen nicht an Stoff, wohl aber an ästhetischer Ökonomie.

Ist es zu viel verlangt, wenn man gern beides hätte, den Stoff und die Stimmigkeit? Und zwar so, dass man weder übersättigt noch hungrig vom Lesen aufstünde, sondern erfüllt und um eine starke Erfahrung reicher. Es ist nicht zu viel verlangt, man muss nur den glanzvollen neuen Roman des Engländers Michael Frayn lesen. Er erzählt von einem alten Mann, der sich an einen bestimmten Sommer seiner Kindheit erinnert. Die Erinnerung wird ausgelöst durch den schweren, fast obszönen Geruch des Ligusters. Damals, als der Liguster blühte, verschwand das Land der Kindheit unwiderruflich hinter ihm, und er betrat den schwankenden Boden der Erwachsenenwelt.

Kein ungewöhnliches Thema, man hat dergleichen schon gelesen. Frayn macht daraus ein ungewöhnliches Buch. Zunächst überspringt er souverän die Hürde, an der Kindheitserzählungen oftmals scheitern. Bleibt nämlich der Autor in der kindlichen Vorstellungswelt, dann wird das Buch kindisch. Erzählt er hingegen aus dem Blickwinkel des gereiften Mannes, dann geht die Intensität kindlichen Fühlens verloren. Frayn wandert derart geschmeidig von einer Perspektive in die andere, dass man, technisch gesprochen, den Lastwechsel überhaupt nicht spürt.

Verrat bei Neumond

Der alte Mann, der in einem anderen Land dem Ende seiner Tage entgegenlebt, beschließt eines Sommers, angeregt, gezwungen durch diesen Ligustergeruch, den Ort seiner Kindheit aufzusuchen, und er reist nach England, in eine Vorortstraße Londons. Dort steht er nun. Mit Mühe erkennt er hinter den renovierten Fassaden und den durch Stellplätze ersetzten Vorgärten den alten Ort. Erst das vertraute Geräusch des herankommenden Zuges, der über den nahen Bahndamm fährt, zerreißt den Schleier der Gegenwart, und plötzlich sieht er den jungen Stephen, der mit seinem Freund Keith in einem der Gärten spielt.

Und nun beginnt eine Geschichte, die es in sich hat. Ein halbes Jahrhundert liegt sie zurück, aber dem alten Mann kommt es vor, als geschehe sie eben jetzt, als ereile ihn von neuem die Seelenqual der frühen Tage, da eine Welt zerbrach. Diese Qual erlebt der Leser mit, als betreffe sie ihn selber, und sie betrifft ihn auch. Es geht um die Saat des Verdachts, die, leichtfertig einmal ausgebracht, vielfältig aufgeht und alles Gerade, Aufrechte so umschlingt, dass es krumm erscheint. Nun ist nichts mehr harmlos.

Es fängt an mit dem Satz: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin." Stephen erstarrt vor Schrecken, als sein Freund Keith diesen Satz ausspricht, "nachdenklich, fast bedauernd". Und der alte Mann erschrickt wie damals. Wie kam es dazu? Es war ja nur ein Spiel, so wie die Transkontinentaleisenbahn, die von den Knaben über die Täler und Gebirgszüge des Gartens gebaut worden war. Keith, der Anführer dieser Zweierbande, hat sich lediglich ein neues Spiel ausgedacht, angeregt vielleicht von der Tatsache, dass eben der Polizist durch die Vorortstraße radelt und die Mutter gerade das Haus verlässt, um ihre Schwester zu besuchen. Außerdem herrscht Krieg. Abends müssen die Fenster verdunkelt werden, die Lebensmittel sind knapp, viele Väter an der Front. Die Angst vor deutschen Angriffen beherrscht den Alltag in London.

Also spielen sie das Spiel. Sie spionieren hinter der Mutter und ihren Bekannten her, sie bauen sich im Gebüsch einen Beobachtungsposten. Sehr kindisch, das alles, noch ist es lustig. Dann aber öffnen sie die Schreibtischschublade der Mutter und finden einen Kalender. An manchen Tagen ist ein kleines x vermerkt. Es erscheint immer bei Neumond. Was lediglich Notat der Periode ist, gilt den Knaben als Beweis: Die Mutter spioniert für die Deutschen, und sie trifft alle vier Wochen einen Mister X., nachts, wenn der Mond nicht scheint.

Und jetzt ergreift der Verdacht Besitz von allen Gedanken und Wahrnehmungen: "Nun werden sogar ein paar Dinge verständlich, von denen ich gar nicht gewusst hatte, dass sie unverständlich gewesen waren." Zum Beispiel die Tatsache, dass die Mutter des Freundes immer "unbegreiflich nett" gewesen ist und ihm Limonade spendiert hat. "Es gehört einfach zu ihrer falschen Identität, ihren wahren Charakter zu verbergen." Die Knaben sind gefangen in der tödlichen Logik der Inquisition. Das ist ihnen nicht bewusst, aber sie spüren, wie sich ein Schatten auf die Tage dieses Sommers legt.

"Uns ist eine große Aufgabe übertragen worden. Wir müssen unsere Heimat vor dem Feind schützen. Mir ist klar, dass das mit furchtbaren Schwierigkeiten und heftigen Loyalitätskonflikten einhergehen wird. Ich ahne deutlich, wie ernst und traurig alles sein wird." So erinnert sich der Mann (während er an diesem sonnigen Nachmittag der Gegenwart über die Straße seiner Kindheit schlendert) an die Gedanken und Gefühle von damals, als er, der Junge an der Schwelle des Erwachsenwerdens, schon halb in den Klischees der Erwachsenen dachte und noch halb in den Allmachtsfantasien des Knaben steckte.

Liebe, Entsagung und Tod

Er weiß überhaupt nicht, wie ernst und traurig das alles ist. Der bittere Witz liegt darin, dass das Spionagespiel auf einen dramatischen Wirklichkeitskern trifft. Die Mutter ist keine Spionin, aber sie hat etwas zu verbergen. Es geht um die Irrungen und Wirrungen einer Liebe, um Desertion, Entsagung und Tod. All dies wird erst am Ende der spannenden, unheimlichen Geschichte enthüllt, in der altersmüden, schuldbewussten Erinnerung des Mannes. Der Knabe begreift die Details nie genau, aber er ahnt, dass er Teil eines finsteren Prozesses geworden ist, an dessen Ende der Verlust seiner Freundschaft mit Keith und der seiner Unschuld steht.

Michael Frayn schildert diesen Vorgang aus wechselndem Blickwinkel. Das erzählende Ich springt zwischen Präsens und Präteritum, zwischen dem Mann und dem Kind hin und her; dann wieder erzählt der Alte von einem "er", als betrachte er einen Fremden. Man merkt die Übergänge kaum, aber immer ist klar, welche der Perspektiven nun gilt. Alle zusammen kommen dem nahe, was wirklich gewesen ist – aber sie treffen es nie ganz. Das ist kunstvoll gemacht und elegant.

Der Verlust der Unschuld hat auch mit dem Erwachen sexueller Regungen zu tun. Die Mutter des Freundes, eine hübsche und jugendliche Erscheinung, zieht ihn, während sich die Geschichte zuspitzt, halbwegs ins Vertrauen, und diese Nähe verwirrt ihn umso mehr, als zugleich ein Nachbarsmädchen sich mit erotischen Signalen in das Spiel einmischt. Der traurigste Verlust aber ist tragisch im ursprünglichen Sinn: Er ist schuldig geworden an anderen, ohne dass er es hätte verhindern können. Das aber weiß erst der alte Mann. Er weiß es nur wegen des Ligusters, dessen Duft ihm die Gleichzeitigkeit all dieser Vorgänge ins Gedächtnis ruft. Wer sich seiner Kindheit erinnert (wahrscheinlich ist niemand gänzlich Herr dieser Erinnerung), den wird diese Geschichte berühren, er wird Stephens Trauer nachempfinden. Sie ist die Kehrseite des Glücks: Man hat mehr erlebt, mehr empfunden, als man begreifen konnte. Im Alter verhält es sich wohl umgekehrt. Es wäre, so denkt man am Ende, eine schöne Utopie, ein jeder könnte so erzählen und der erfahrenen Bitternis eine Form geben.

Michael Frayn, geboren 1933 in London, hat Tschechow und Tolstoj übersetzt, erfolgreiche Theaterstücke und Romane geschrieben. Seine Meisterschaft ist in diesem Buch nahezu unsichtbar. Zwar gibt es immer wieder Beispiele des Humors und der sprachlichen Souveränität englischer Erzählkunst, aber sie ergeben sich nebenbei, unauffällig. Entscheidend ist die kammermusikalisch sorgfältige Komposition, die leichthändig präzise Modulation der Stimmen und Bilder, der Perspektiven und zeitlichen Ebenen. Man kann das, die Begabung vorausgesetzt, nur bis zu einem gewissen Grad erlernen. Eine nicht geringe Voraussetzung ist die große Tradition der englischen Literatur. Michael Frayn setzt sie mit seinen Mitteln fort. Er hat es nicht nötig, das Rad der Erzählkunst neu zu erfinden. Dazu neigen die Deutschen. Manchmal erfinden sie es wirklich, dann entsteht eine neue Welt. Zumeist führt es ins solipsistische Nirgendwo.

Für deutsche Leser hält dieser bewundernswerte Roman eine unangenehme Pointe bereit. Sie hat zu tun mit Hitlers Krieg gegen England und mit der Verfolgung der Juden. Mehr zu sagen verbietet sich, weil die Geschichte tatsächlich Merkmale eines Spionageromans hat, dessen Auflösung zugleich die Spannung löst. Man wird wider Willen der Tatsache gewahr, dass selbst in diesem englischen Kammerspiel über Unordnung und frühes Leid die deutsche Vergangenheit nicht vergeht.