bildung „Viele Ärzte wollen nur den Titel“
Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates plädiert für die Trennung von Forschung und Praxis in der Medizinerausbildung
die zeit: Warum will der Wissenschaftsrat den Doktortitel in der Medizin abschaffen?
Karl Max Einhäupl: Wir wollen den Doktortitel nicht abschaffen, sondern aufwerten. Heutzutage wollen viele Mediziner nur den Titel „Dr. med.“ haben – auch weil die Patienten das von ihnen verlangen. Deren Doktorarbeiten entsprechen jedoch häufig nicht wissenschaftlichen Anforderungen. Überspitzt gesagt, untersuchen manche solcher Dissertationen irrelevante Fragestellungen mit unzulässigen Methoden und erhalten zu guter Letzt noch einen wohlklingenden Titel.
zeit: Wie wollen Sie solche Pseudoforschung in Zukunft verhindern?
Einhäupl: Nach unseren Vorstellungen sollen Medizinstudenten künftig ihr Studium mit einer Abschlussarbeit beenden, die vier bis sechs Monate in Anspruch nimmt. Nach dem Studienabschluss dürfen sie sich Medizinischer Doktor nennen, also MD – wie in den USA. Wer dagegen wissenschaftlich arbeiten möchte, macht im Anschluss an das Studium eine richtige Forschungspromotion. Nur nach solch einer Promotion darf sich jemand den Dr. med. vor den Namen schreiben.
zeit: Wer darf dann eine richtige Doktorarbeit machen?
Einhäupl: Jeder, der sich dazu berufen fühlt und in seinem Studium gezeigt hat, dass er für einen wissenschaftlichen Karriereweg geeignet ist. Das heißt, künftig soll es bereits am Ende des Studiums zu einer stärkeren Trennung zwischen einer klinischen und wissenschaftlichen Laufbahn kommen. Dabei soll dieses System in beide Richtungen durchlässig sein: dass ein Kliniker plötzlich seine Begeisterung für die Forschung entdecken kann und umgekehrt.
zeit: Momentan forschen die meisten Klinikärzte nach Feierabend, als wäre es ihr Hobby. Wie kann das anders werden?
Einhäupl: Es ist ein großes Problem, dass viele Mediziner tagsüber Patienten versorgen und erst abends dazu kommen, im Labor ihre Wissenschaft voranzubringen. Darüber hinaus sind sie mit zahlreichen sachfremden Aufgaben wie Sekretariatsarbeiten belastet. Deshalb gibt es an vielen Kliniken kaum substanzielle Forschung von internationaler Relevanz. In unserem neuen Modell sollen sich die Doktoranden in den drei Jahren hauptsächlich ihrem Forschungsthema widmen und kaum Patienten betreuen. Wer in den USA seinen PhD macht, ist in der Regel auch nicht klinisch tätig.
zeit: Und was ist mit Facharzt?
Einhäupl: Wer promoviert, wird seine Facharztausbildung später absolvieren – oder gar nicht, wenn er seine Zukunft allein in der Wissenschaft sieht. Dagegen müssen sich alle, die Patienten behandeln möchten, wie bislang zum Facharzt qualifizieren.
zeit: Auch an der heutigen Habilitation in der Medizin übt der Wissenschaftsrat scharfe Kritik. Tragen deutsche Medizinprofessoren ihren Titel zu Unrecht?
Einhäupl: Die Situation ist ähnlich wie bei der Promotion. Viele Mediziner habilitieren nicht um der Forschung willen, sondern weil sie mit dem Titel bessere Chancen auf eine Stelle als Oberarzt oder Chefarzt haben. Selbst in Kreiskrankenhäusern soll der Chef heute Professor sein. Eine solche Habilitation dient oft jedoch weder der Wissenschaft noch der Krankenversorgung. Denn häufig geraten damit Ärzte an die Spitzen eines Krankenhauses, die weder „Vollblutkliniker“ noch brillante Wissenschaftler sind. Auch deshalb brauchen wir zweigleisige Karrierewege. Künftig könnten die Abteilungen in Universitätskrankenhäusern so von einer Doppelspitze geleitet werden, mit getrennten Zuständigkeiten – für die Forschung und die Patientenversorgung.
zeit: Hintergrund der Empfehlungen des Wissenschaftsrats ist die Verbesserung der medizinischen Forschung. Ist sie in Deutschland tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf?
Einhäupl: In der Grundlagenforschung kann sich die deutsche Hochschulmedizin international durchaus sehen lassen. In der klinischen Forschung hingegen, wenn es etwa um die Erprobung neuer Therapieverfahren geht oder um die Entwicklung innovativer diagnostischer Methoden, sind wir schlecht aufgestellt. Es gibt eine holländische Studie, die das Niveau der klinischen Forschung verschiedener Industrieländer analysiert. Da liegen wir weit unten.
zeit: Aber verbessert sich die Forschung nur dadurch, dass wir die Karrierewege ändern?
Einhäupl: Gewiss nicht. Um exzellente Spitzenwissenschaftler – auch aus dem Ausland – zu bekommen, müssen wir sie besser bezahlen können. Ebenso müssen wir eine Vergütung einführen, die sich an den Leistungen der Universitätsmediziner orientiert: die also etwa die Zahl ihrer Publikationen oder die Betreuung von Doktoranden berücksichtigt.
zeit: Zudem wollen Sie die erstmalige Berufung der Medizinprofessoren auf fünf bis sieben Jahre befristen. Ein Druckmittel?
Einhäupl: In fast jedem Universitätsklinikum finden sich Personen, die mit Ende dreißig berufen wurden, aber ihre Ressourcen nutzen, bis sie 65 sind, ohne Relevantes zu publizieren oder Nachwuchs auszubilden. Schlimmstenfalls sind sie klinisch auch noch schlecht. So jemand darf nicht ein ganzes Arbeitsleben lang eine Stelle blockieren. Die Universitätskrankenhäuser müssen die Möglichkeit haben, diese Professoren abzulösen.
zeit: Mit seinen Empfehlungen will der Wissenschaftsrat althergebrachte Pfründe abschaffen. Das wird vielen nicht gefallen.
Einhäupl: Natürlich wird es Widerstände geben. Doch der Wettbewerb zwischen Hochschulen wird eine immer größere Rolle spielen. In den USA werden die regelmäßigen Rankings zwischen Universitäten und Fachbereichen genau verfolgt, unter anderem deshalb, weil von der Position in den Ranglisten ein Teil der Finanzierung für die Einrichtungen abhängt. Hierzulande spielt die Mittelvergabe nach Leistung noch keine große Rolle. Doch das ändert sich. Es wird auch bei uns dazu kommen, dass nicht mehr jede Institution, ungeachtet ihrer Ergebnisse, gleich gefördert wird. Deshalb glauben wir, sind die Adressaten unserer Empfehlungen, die Bundesländer und die Hochschulen, gut beraten, die Reformvorschläge ernst zu nehmen. Sie werden sich leistungsfördernd auswirken. Und auf mehr Leistung in der Forschung kommt es in Zukunft an.
Karl Max Einhäupl arbeitet als Neurologe an der Charité. Das Gespräch führten Martin Spiewak und Achim Wüsthof
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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