Auf halbem Wege zwischen Harborough und Leicester, im Irgendwo-Nirgendwo der britischen Midlands, schießt Thomas Cook am 9. Juni 1841 eine Idee durch den Kopf. "Welch eine fabelhafte Sache wäre es doch, wenn die neu entwickelten Kräfte der Lokomotion sich in den Dienst der Temperenzler- Bewegung stellen ließen", denkt der Krämer, Buchhändler und Laienprediger. Cook, ein eifriger Apostel der Enthaltsamkeit, ist unterwegs zu einer Versammlung von Gleichgesinnten. Immerhin 15 Meilen Fußmarsch nimmt er dafür in Kauf, das sind rund 24 Kilometer.

Er stürmt von der Landstraße direkt aufs Podium, um den Delegierten seinen "großen Plan" zu unterbreiten. Und erntet Zustimmung: Zur nächsten Versammlung wollen sie alle auf dem Schienenweg anreisen. Also wird Cook bei der Midland Railway vorstellig. "Ich kenne weder Sie noch Ihren Verein", brummt deren Direktor, "aber Sie werden Ihren Zug bekommen."

Einige Wochen später rollen 485 Freunde der Mäßigkeit zum Sonderpreis von einem Schilling pro Person in offenen Waggons von Leicester nach Loughborough. Tausende von Schaulustigen strömen zusammen, eine Blaskapelle spielt auf und mitten im Getümmel steht ein von der Fahrt geradezu berauschter Thomas Cook. Zusammen mit der Bahngesellschaft organisiert er in den nächsten Jahren eine Reihe weiterer Exkursionen für Mitstreiter und Glaubensbrüder. Allein an der Pläsierfahrt zum Pferderennen in Derby nehmen 5000 Gäste teil. Abgesehen von einer Aufwandsentschädigung, offeriert er seine Dienste vorerst noch nicht gewerblich, sondern aus Nächstenliebe und aus Freude.

Thomas Cook stammte aus einfachsten Verhältnissen. 1808 in einem Nest namens Melbourne geboren, musste er sich bereits mit zehn Jahren als Gärtnerjunge verdingen. Er trat in den Dienst der Gemeinde ein und verlegte sich schließlich auf die Papierwarenbranche. Inzwischen kennt halb Leicestershire den kleinen, quirligen Herrn mit Stirnglatze, der Erbauungsliteratur und Gesangbücher unter die Leute bringt. Ungeachtet der spektakulären Erfolge des Organisators Cook geht der Händler Cook einige Jahre später Pleite. Doch als echtes Stehaufmännchen macht er fortan sein Hobby zum Beruf.

Cooks Aufstieg ist an die Eisenbahn gekoppelt. Sie ermöglicht überhaupt erst Massentransporte über Land und damit, zusammen mit den zeitgleich aufkommenden Dampfschiffen, Tourismus im modernen Sinne. Erst vor wenigen Jahren war der erste Zug durch Leicester gedampft – beladen mit Kohle. Denn die neue Erfindung war vornehmlich zum Gütertransport gedacht. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass sie zugleich den Wunsch nach allgemeiner Mobilität wecken würde.

1846 organisiert Cook seine erste kommerzielle Tour: eine Mittsommerfahrt nach Schottland. In inbrünstiger Predigerprosa preist er dessen Schönheit an. Und dann der sensationell günstige Preis: 800 Meilen für eine Guinee! Auch wenn anfangs nicht alles zum Besten läuft – es gibt keine Toiletten in den Zügen, der versprochene Tee wird nicht serviert, bei der Fahrt herrscht Sturm –, mit der Zeit werden die Schottlandreisen ein Renner. Angeregt durch Literaten wie Johnson, Scott und Burns sowie durch die Sommeraufenthalte der Königin, gerät der ferne Norden zum Inbegriff britischer Romantik. Sightseeing kommt in Mode.

Zwar hat Cook durchaus einige Vorläufer und Konkurrenten, doch niemand versteht es so wie er, seinen Namen zum Markenzeichen zu machen. Seine verlegerischen Erfahrungen kommen ihm dabei zustatten. Nicht nur, dass er seinen Kunden begleitende Lektüre offeriert, er ködert sie auch mit einem wöchentlichen Magazin: Cook’s Excursionist. Das Druck- und das Reisegewerbe haben ohnehin viel gemeinsam. Beide wenden sich an die Massen und wollen möglichst viele Menschen erreichen, beide leben von der Werbung: "Was der Dampf für die Maschine, ist die Reklame für den Handel."

Als Wallfahrten im Dienst der Volksgesundheit konzipiert Cook seine Touren. Ein Tagesausflug darf nicht mehr kosten als eine durchzechte Nacht – Reisen als Ersatzdroge. Begeistert resümiert er deren segensreiche Wirkungen: "Moralische und menschliche Lektionen prägen sich ein, Geschichte und Geografie werden mit Hingabe studiert, Rang und Namen werden hinfällig angesichts der Erhabenheit der Natur, und Menschen, die einander sonst nie begegneten, knüpfen mannigfache Bekanntschaften miteinander."