Im Fußballstadion Alfonso Henrique brach die Nachspielzeit an. Gerade hatte Miklos Feher, ungarischer Nationalspieler in portugiesischen Diensten, für einen Rempler die Gelbe Karte gesehen. Der Stürmer von Benfica Lissabon lächelte noch dem Schiedsrichter zu, dann brach er zusammen. Das Herz des 24-Jährigen war einfach stehen geblieben – durch einen Infarkt oder eine Rhythmusstörung. Sofort spielten die Notärzte ihr ganzes Repertoire durch: Herzmassage, dann der Elektroschock mit dem Defibrillator und schließlich ihr kräftigstes Therapeutikum, Adrenalin. Eine Ampulle dieses körpereigenen Alarmhormons sollte den Blutdruck in die Höhe schnellen lassen und dabei auch die Blutgefäße unter Druck setzen, die das Herz selbst mit Sauerstoff versorgen. Manchmal springt der Pumpmuskel wieder an. In den meisten Fällen aber nicht. Dann endet der Herzstillstand, die so genannte Asystolie, letal.

"Vielleicht würde Feher noch leben, wenn die Ärzte ihm ein anderes Mittel gegeben hätten", sagt der Anästhesist Volker Wenzel. Er und sein Chef Karl Lindner haben eine Möglichkeit entdeckt, in dieser aussichtslosen Lage ein paar Menschen mehr zu retten. Statt Adrenalin spritzen sie Vasopressin, ein Hormon, das den Blutdruck ebenfalls in die Höhe treibt – nur noch stärker. Das hilft, zumindest in einigen Fällen. In einer Untersuchung konnten die beiden Deutschen Wenzel und Lindner, die heute an der Klinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin der Medizinischen Universität Innsbruck arbeiten, zeigen, dass 12 von 257 Patienten ihren Herzstillstand mit einer Vasopressin-Gabe überlebten, mit Adrenalin waren es nur 4 von 262. Der Preis für das Überleben war allerdings hoch: Rund 40 Prozent der Patienten, die in der Studie mit Vasopressin wieder ins Leben zurückgeholt werden konnten, hatten so starke Hirnschäden, dass sie nicht mehr aus dem Koma erwachten.

Das Ergebnis erschien Anfang Januar in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine (NEJM). Im Editorial des NEJM forderte Kevin McIntyre, Kardiologe an der Harvard Medical School, den sofortigen Vasopressin-Einsatz. Die New York Times feierte das kleine Notarztwunder genauso wie das Wall Street Journal. Eine seltene Ehre für deutschsprachige Wissenschaftler.

Dabei hätte das Projekt nach den Gesetzmäßigkeiten der klinischen Forschung eigentlich gar nicht gelingen dürfen. Schließlich fehlten alle Zutaten, die für eine erfolgreiche Innovation heute unabdingbar scheinen. "Wir hatten kaum Geld und nur ein kleines Team", sagt Wenzel. Manchmal seien eben andere Dinge entscheidend, ergänzt sein Kollege Lindner. Zum Beispiel die Überzeugung eines Wissenschaftlers und sein Durchhaltevermögen. "Spitzenmedizin kann niemand verordnen – auch nicht die Politik", sagt Lindner. Und zu viel Geld könne mitunter sogar lähmend sein. Seine Erfolgsstory musste sich das Innsbrucker Team gegen viele Widrigkeiten hart erarbeiten.

Die Odyssee begann Anfang der neunziger Jahre. Karl Lindner war damals geschäftsführender Oberarzt in Ulm und untersuchte Überlebende von Herzstillständen. In ihrem Blut stellte er erhöhte körpereigene Spiegel von Vasopressin fest. Dieses Hormon wird im Zwischenhirn produziert und gehört zu den Substanzen, die am stärksten den Blutdruck steigern. Im Normalfall reguliert es über die Niere die Flüssigkeitsmenge im Körper, weshalb es auch antidiuretisches Hormon (ADH) genannt wird. Wenn das Herz still steht oder der Mensch verblutet, lässt es unterhalb des Zwerchfells, in den Beinen, im Gedärm und in der Blase blitzartig die Blutgefäße zusammenschnurren. Auf diese Weise wird alles Blut am Herzen und im Hirn konzentriert. Bei einigen Menschen funktionierte dieser Selbstrettungsmechanismus offenbar besser als bei anderen. Könnte, so fragte sich Lindner, von außen zugeführtes Vasopressin also im Notfall helfen?

Kritische Kollegen als Bremser

Als der Oberarzt diesen Ansatz verfolgen wollte, stieß er auf das erste Hindernis: Die konservative Zunft der Ärzte sträubte sich gegen die Forschung abseits der bewährten Pfade. Lass die Finger vom Vasopressin, hätten ihn manche gewarnt, erinnert sich Lindner, das sei der Karriere nicht förderlich. "Lasst die Toten doch tot sein". Jahrzehntelang hatten die Anästhesisten beim Herzstillstand Adrenalin gespritzt, und nun wollte jemand diesen Standard verlassen – ausgerechnet mit Vasopressin? Das Medikament hatte seit den achtziger Jahren einen schlechten Ruf. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte hatten versucht, mit Vasopressin als Zusatz zur Lokalbetäubung Blutungen bei Routine-Operationen zu stoppen. Mit gravierenden Folgen. "Den Patienten floss Wasser in die Lunge", erinnert sich Lindner. Allerdings sei die Suche nach der richtigen Dosis "sehr experimentell" gewesen und damit eine echte Beurteilung der Substanz damals nicht möglich.

Karl Lindner ist sichtlich bemüht, nicht nachzukarten. "Die Kollegen sind sehr kritisch und sehr traditionell", sagt er nur. Hinter dem freundlichen Gesicht des gebürtigen Bayern steckt aber auch ein hartnäckiger Verfechter seiner Interessen. Als er bei den Kollegen wenig Rückhalt fand, hielt er nach anderen Verbündeten Ausschau. Da kam der aus Hannover stammende Volker Wenzel gerade recht. Der junge Assistenzarzt hatte drei Jahre in Florida studiert und geforscht und bemühte sich nun um eine Stelle in Deutschland. "Ich suchte einen Mentor", sagt Wenzel, "der akzeptiert, dass etwas trotz nicht vorhersehbarer Erfolgschancen ausprobiert wird."