Wuselbilder von Jackson Pollock, zerhackte Streifenmenschen von Pablo Picasso, der hypnotisierende Nachthimmel des Vincent van Gogh – all diese Kunstwerke waren einmal Wagnisse, sie stellten ihre Zeit vor Rätsel und die Welt der Kunst in neues Licht. Heute strahlen die meisten nur noch Berühmtheit ab, sie lösen keine Verwunderung, keinen Streit mehr aus. Und wenn bei ihrem Anblick doch noch einmal etwas vom heroischen Avantgarde-Abenteuer namens Moderne zu spüren ist, dann liegt das weniger an den Bildern als an der Ausstellung, in der sie ab kommender Woche zu sehen sein werden. Gigantisch ist der Aufwand dieser Ausstellung, gewaltig ihr Auftrieb: Für sieben Monate macht sie aus der Neuen Nationalgalerie das MoMA in Berlin , für sieben Monate ist das Museum of Modern Art aus New York, das viele für das bedeutendste Museum des 20. Jahrhunderts halten, in der deutschen Hauptstadt zu Gast. Schon jetzt trommelt und stampft die Schau, wie keine andere vor ihr: Allein für Werbung verschießt sie eine Million Euro, denn sie will die Größte werden und gern auch die Wichtigste.

Als letztes Jahr 220000 Besucher zur DDR-Kunst-Ausstellung der Neuen Nationalgalerie kamen, da galt das noch als Sensationserfolg. Für das MoMA in Berlin liegt die Sensationslatte bei 700000, und mindestens 550000 müssen kommen, um die Rekordkosten wieder reinzuholen. 8,5 Millionen Euro, elfmal mehr als für die DDR-Schau, werden ausgegeben, um die 200 Leihgaben, die wunderbaren Werke von Klimt, Malewitsch, Duchamp, Hopper und vielen anderen, von New York nach Berlin zu transportieren, die Kataloge zu drucken und die Bewachung zu bezahlen. Und natürlich will das MoMA, das gerade wegen Umbaus geschlossen ist und dringend Geld braucht, an seinen Bildern und Skulpturen auch verdienen. Wie hoch die Leihgebühr ist, verschweigen die Ausstellungsmacher. Sie dürfte in etwa die Hälfte der Gesamtkosten ausmachen.

Sind die Bilder das wert? Lohnt sich das finanzielle Wagnis? "Es wird eine Jahrhundertausstellung und das Kulturereignis des Jahres 2004", sagt Peter-Klaus Schuster, der oberste Direktor der Berliner Museen. Und er trötet wohl auch deshalb so schrill in die Werbetute, weil es unter seiner Leitung seltsam still in der Kunststadt Berlin geworden ist. Während London, Paris und Wien eine gewichtige Ausstellung auf die nächste folgen lassen, verzettelt sich Schuster im Klein-Klein. Statt El Greco, Holbein oder Tizian, Gerhard Richter oder Andreas Gursky, die andernorts Publikumsrekorde brechen, nach Berlin zu holen, kauft er lieber Fertig-Ereignisse ein: Er gefällt sich als Sammler der Sammler und hegt die Bilderschätze der Herren Flick, Newton oder Scharf. Berlin könnte also tatsächlich glücklich sein, dass nun mit dem MoMA endlich etwas Großes die Stadt in seinen Kunstbann ziehen will. Und doch ist auch dies Große wieder nur eine Art Fertigprodukt.

Die Ausstellung kommt als Komplett-und-Sorglos-Paket, machte erst eine Zwischenstation in Houston und erreicht nun Berlin – Schuster und seine Mitstreiter vom Verein der Freunde der Nationalgalerie, der die finanzielle Verantwortung trägt, müssen nur noch auspacken. Gut, die Deutschen durften einige Wünsche äußern. Doch Konzept und Bildauswahl stammen von John Elderfield aus dem MoMA, die einzelnen Ausstellungsteile sind nach bedeutenden MoMA-Ausstellungen benannt, alle Katalogtexte haben MoMA-Leute verfasst. Es kommt einem vor wie das typische Anzeichen von Unterentwicklung: Die neue Villa bestellt man sich nicht etwa im eigenen verarmten Lande, sondern in der ersten Welt, Tapeten und Wasserhähne inklusive.

Dabei wäre es interessant gewesen, Kunsthistoriker von hüben und drüben über Picasso oder Warhol schreiben zu lassen, schon um einmal auszuloten, ob es einen spezifisch deutschen oder spezifisch amerikanischen Blick gibt. Und um wie viel aufregender hätte die Ausstellung sein können, wären die Beckmanns aus New York mit den Beckmanns aus Berlin konfrontiert worden. Doch die Schätze gemeinsam zeigen, neue Korrespondenzen wagen, das war nicht erwünscht. Die Nationalgalerie musste ausgeräumt werden, das verlangten die Amerikaner – die Berliner fügten sich. Ihr Ehrgeiz, etwas Eigenes beizutragen, war nicht groß genug. Sie nahmen es hin, dass es bei dieser Ausstellung nicht so sehr um Kunst als um die Marke MoMA geht. Und die duldet keine Marken neben sich.

"Das MoMA ist der Star" lautet denn auch das Werbemotto, wenngleich dieser Star in Berlin eher wie ein Sternchen leuchtet. Viele der wichtigsten Werke – die Demoiselles d’Avignon von Pablo Picasso, Broadway Boogie Woogie von Piet Mondrian oder die berühmte Flagge von Jasper Johns – durften nicht anreisen. Und gravierender noch: Auch der verblüffende Disziplinenmix des MoMA, seine eigentliche Stärke, bleibt den Berlinern vorenthalten. Schon der Gründungsdirektor Alfred H. Barr war davon überzeugt, dass ein Museum des 20. Jahrhunderts nicht nur Bilder und Skulpturen sammeln und zeigen sollte, und so begann er damit, auch eine Design-, Foto-, Plakat- und vor allem Architekturabteilung aufzubauen. Er begriff die moderne Kunst nicht als Phänomen im luftleeren Raum, sondern trug die Ideen der Avantgarde in sein Haus und wollte dort die Kunst- und die Alltagswelt zusammenführen. Inspiriert vom Bauhaus, zeigte das MoMA schon neun Jahre nach seiner Eröffnung 1929 Nützliche Haushaltswaren unter fünf Dollar. Seither gehören Kochtöpfe und Staubsauger ebenso zur Sammlung wie Gauguin oder Lichtenstein. In Berlin indes ist von den vielen Sparten (anders als bei der MoMA-Ausstellung in Köln vor einigen Jahren) nichts zu erblicken; nur im Beiprogramm laufen einige Filme, und die Schauhalle KunstWerke zeigt Warhol-Videos.

Doch nicht nur die Vielfalt fehlt, auch das Zeitgenössische kommt zu kurz – ganz entgegen dem Gründungsmanifest des MoMA. Dort heißt es, es sollten immer auch Künstler gezeigt werden, "die noch zu umstritten sind, als dass sie allgemein anerkannt wären". Und in Houston war die Gegenwartskunst mit Felix Gonzalez-Torres auch noch gut vertreten. In Berlin hingegen endet die Moderne (mit Ausnahmen wie Philip Guston und Gerhard Richter) in den sechziger Jahren, hier ist die Kunstwelt noch heil und übersichtlich, hier erhält "der Tempel der Moderne seinen vollkommenen Inhalt" (Schuster). Alle Widersprüche und Spannungen der Avantgarde treten an den Rand.

Gewiss, die Nationalgalerie bietet nur wenig Raum, um die Wechselwirkungen der MoMA-Sammlung auszubreiten. Doch selbst der Katalog verbietet sich Komplexität. Im Zentralaufsatz von John Elderfield ist die Moderne ein klarer, aufsteigender Pfad, und die Kunst erscheint nur einem Prinzip verpflichtet: der Innovation. Dass erst im vorigen Sommer, in der DDR-Schau, zu bestaunen war, wie wenig linear und wie stark verzweigt die Moderne des 20. Jahrhunderts war, erscheint nun in der Nationalgalerie wie vergessen.