Berufsforschung Die Überfliegerin
Jutta Allmendinger leitet die Forschung der Bundesagentur für Arbeit. Und eckt an
Stress und Trubel sind Bedingungen, die Jutta Allmendinger mag. Heute aber war ein Tag, der die Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagen lässt: „Es reicht.“
Morgens hat sie in Lauf bei Nürnberg einen Workshop eröffnet. Mittags schnell in die Stadt zu einem Geschäftsessen. Dann wieder zum Workshop. Gegen sechs zum Jahresempfang der Sozialdemokraten im Nürnberger Rathaus. Sie hätte dann eigentlich in der Stadt bleiben können, in der sie wohnt und arbeitet. Doch bevor sie sich zu Hause an den Schreibtisch setzen kann, muss sie um acht noch einmal zurück nach Lauf zum Kamingespräch mit den Wissenschaftlern in der Führungsakademie der Bundesagentur für Arbeit (BA).
Dort trägt sie ihre Argumente temperamentvoll und beidhändig vor. Begriffsstutzige Gegenüber müssen auf Bodychecks gefasst sein. Nur zu ihrem Stellvertreter Ulrich Walwei wahrt sie Distanz. Ihm teilt sie dafür en passant mit, dass sie vorher mit dem Oberbürgermeister über die „Nürnberger Gespräche“ entschieden habe. Mit diesem Symposium hatte BA-Chef Florian Gerster intellektuellen Glanz in die Stadt Nürnberg bringen wollen, nach seinem jähen Sturz schien es gefährdet. Doch sie habe dem Bürgermeister versprochen, das IAB werde die Nürnberger Gespräche in Zukunft ausrichten. Der amtserprobte Walwei nörgelt etwas von „zu kommunalem Zuschnitt“, sein Mienenspiel verrät deutlich den Soupçon, da könnte wieder unnötiger PR-Wirbel auf das Institut zukommen. Doch die Chefin ist schon beim nächsten Thema.
Seit einem Jahr erträgt das IAB Jutta Allmendinger. Die 47 Jahre alte Münchner Professorin für Soziologie ist von Florian Gerster installiert worden, um aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung eine Forschungsstätte zu machen, die brauchbare Erkenntnisse für die politische Gestaltung der deutschen Arbeitswelt liefert. Die zuvor nur in Expertenzirkeln renommierte Datensammelbehörde, die der einstigen Bundesanstalt für Arbeit zugeordnet ist, soll sich künftig mit den besten Wirtschaftsforschungsinstituten des Landes messen können.
Nach einem Jahr heftigen Agierens sieht es so aus, als könne Gersters Frau das sogar schaffen. Während die Bundesagentur für Arbeit – nicht nur wegen der Turbulenzen an ihrer Spitze – unter dem Druck öffentlicher Kritik bleibt, hat das IAB sein Standing verbessert. Allerdings entscheidet sich in diesen Wochen, ob das IAB unter dem Gerster-Nachfolger Frank-Jürgen Weise in die Fänge der Arbeitsamts-Selbstverwaltung zurückfällt. Diese hat den wissenschaftlichen Output des IAB gelegentlich den Interessen des Kartells aus Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften unterworfen. Untersuchungen des überholten Dualen Systems der beruflichen Bildung zum Beispiel waren tabuisiert. Die neue Chefin will sich das nicht länger gefallen lassen.
Von Beginn an musste Jutta Allmendinger den Altsassen im Institut suspekt erscheinen. Zum einen lag das an ihrer Harvard-Geschichte – Überflieger mit einer akademischen Karriere wie der ihren kannte man in Nürnberg bisher allenfalls aus der Literatur. Nach dem Diplom in Mannheim hatte die Soziologin vier Master-Jahre in Harvard absolviert, um nach der Promotion 1989 nach Deutschland zurückzukehren. Drei Jahre später, sie war gerade 36 Jahre alt, bekam sie in München eine C3-Professur, 1999 übernahm sie Karl-Martin Boltes Lehrstuhl.
Zum anderen hatte sie dem steilen Aufstieg zum Trotz eine Publikations-Historie vorzuweisen, die etwas spärlich und erratisch wirkte. Als Verfechterin des deutschen Sozialstaats-Mainstreams war sie eindeutig nicht ausgewiesen. Es gab da aber ein paar Aufsätze und Gemeinschaftsarbeiten, in denen interessante Ideen angerissen wurden, die, wer wollte, als irgendwie reformerisch interpretieren konnte.
Mit ihrem Plädoyer dafür, Sozialpolitik nach angelsächsischem Muster stärker als Bildungspolitik zu begreifen, setzt Allmendinger sich in der deutschen Szene leicht dem Verdacht aus, in Harvard doch ein wenig zu sehr unter den Einfluss amerikanischer Denkweisen geraten zu sein. Andererseits hat sie sich 1999 durch ihre Mitarbeit am bayerischen Sozialbericht nicht nur bei der CSU unter klassischen Linksverdacht gebracht, weil sie im Bayernland grassierende Bildungsarmut diagnostizierte, für die sie institutionelle Gründe sah. Ein anderes Mal wieder hat sie Gewerkschaften und Arbeitgeber zugleich verprellt, indem sie deren lieb gewonnenes Duales System der beruflichen Bildung als obsolet kritisierte, weil es nicht auf Lebensläufe vorbereite, in denen mehrfacher Berufswechsel zum Normalfall wird.
Unzweifelhaft aber genießt Jutta Allmendinger einen fabelhaften Ruf als Lehrerin und Organisatorin des akademischen Betriebs. Sie ist eine große Kommunikatorin. Und vermutlich genau deswegen hatte Florian Gerster sie vor einem Jahr auf das IAB angesetzt. „Als ich hierher kam, dachte ich, nur an der Uni arbeiten die Lehrstühle unverbunden nebeneinander her, aber das IAB war davon auch nicht frei“, formuliert Allmendinger vorsichtig. Oft kommunizierten selbst Abteilungen, die dasselbe Thema von verschiedenen Perspektiven aus beleuchteten, nicht miteinander. Das hat die neue Chefin geändert. „Jetzt arbeiten wir bereichsübergreifend zusammen, etwa zum Thema Leiharbeit. Eine Abteilung bearbeitet das vom betrieblichen Ansatz aus, eine andere auf der Ebene individueller Personen. Die sprechen nun alle miteinander.“
Immer wieder hat sie wechselnde Gruppen von Mitarbeitern zu Meetings in ihre beiden privaten Wohnungen in der Nürnberger Innenstadt geladen. Ja, zwei Wohnungen, damit genug Platz ist. Die Zwischenwand hat sie eigenhändig herausgebrochen, was den nicht befragten Vermieter ziemlich irritiert hat.
Natürlich hat sie das IAB umorganisiert, alte Abteilungen wie die herkömmliche Berufsforschung zur Disposition gestellt, neue geschaffen: erstens ein Kompetenzzentrum für empirische Methoden („Wie kann ich denn beurteilen, ob Personalserviceagenturen ein Erfolg sind, wenn ich gar keine Kontrollgruppe untersuche?“); zweitens ein Forschungsdatenzentrum, für das die BA nach fünf Jahren die Finanzierung übernehmen soll. Seine Aufgabe: die immensen Datenbestände des Instituts für externe Nutzer verfügbar machen.
Außerdem hat sie, drittens, eine Abteilung für internationale Vergleiche geschaffen; und viertens eine Abteilung Bildung, Beschäftigung, Lebensverläufe. Diese soll genau den Ansatz pflegen, für den die Chefin als Soziologin steht: statt Momentaufnahmen von Arbeitsmärkten und individuellen Lebenslagen zu liefern, die Zusammenhänge von Bildung und Beschäftigung in Lebensverläufen untersuchen.
An die Spitzen der Abteilungen wurden neue Leute berufen. Das konnte nicht ohne Friktionen und Widerstände vonstatten gehen. „Ich habe einige Leute mit neuen Aufgaben betrauen müssen“, euphemisiert Allmendinger ihre Kaltstellaktionen.
Die Irritationen erreichten den Höhepunkt, als im vergangenen November ein Spiegel- Artikel die Lage im IAB so zeichnete, als würde dort eine intellektuelle Spitzenkraft sich mit lauter datensammelnden Deppen abmühen müssen. Allmendinger musste sich auf einer Vollversammlung verteidigen. Was sie besonders ärgerte, war eine kleine journalistische Freiheit, die sich die Reporter genommen hatten. Einem geschätzten Mitarbeiter, der während des Interviews ins Chefinnen-Zimmer geschneit war, schoben sie in ihrer Darstellung einen Papierstoß voller nutzlos erscheinender Zahlen unter, den sie in Wahrheit selbst aus einer Pressekonferenz vom gleichen Tag mitgebracht hatten. Es war die Kurzfrist-Prognose für den Arbeitsmarkt im Jahr 2004 – bislang erst immer im Mai des laufenden Jahres veröffentlicht. Diesmal aber schon im November 2003. Damit hatte das IAB erstmals die Marktführerschaft, ein erster Erfolg des neuen Regimes.
„Die Spiegel- Story hat uns zurückgeworfen. Die Mitarbeiter hatten gerade begonnen, mir Vertrauen zu schenken“, sagt Allmendinger. „Inzwischen ist das wieder repariert. Sie halten mich nicht mehr nur für verrückt. Und ich fange an, morgens gern ins Büro zu gehen, weil mir nicht mehr bevorsteht, jemandem ins Gesicht sagen zu müssen, dass er künftig was ganz anderes machen soll.“
Fragt man die Mitarbeiter oder auch Vertreter des wissenschaftlichen Beirates, was sich unter Allmendinger geändert hat, sagen sie: zweitens die Kommunikation. Erstens aber, dass das Institut nicht mehr auf Zuruf der Bundesanstalt arbeite. „Ja“, bestätigt Allmendinger, „das IAB hat mehr Mut und Gestaltungswillen und mehr Wissenschaftsnähe. So hat es das IAB gewollt, und Florian Gerster hat das unterstützt. Das sollte durchaus etwas Bleibendes sein, denn sein Nachfolger Weise unterstützt diese Ausrichtung ebenso.“
Wenn das mal wirklich so bleibt. Weises Bestellung ist ein Sieg der alten Selbstverwaltung. Und irgendwann wird womöglich sogar dieses Gremium begreifen, dass sich hinter der Allmendingerschen Umorganisation durchaus ein inhaltliches Programm verbirgt.
„Bis jetzt habe ich mit der Selbstverwaltung über meine Forschungspläne noch nicht ausführlich gesprochen“, sagt sie, „aber Arbeiten zum Dualen System dürfen nicht länger tabuisiert werden.“ Ein anderes sensibles Thema heiße Lohnspreizung. An die Erforschung der Sinnhaftigkeit eines Niedriglohnsektors habe die Selbstverwaltung das IAB bisher nicht herangelassen. Verbrämt wurde das mit dem Argument der Forschungsneutralität. Auch da will Allmendinger nun ran.
Die Frage ist, ob sie genug politischen Rückhalt finden wird. Sie ist bekennendes, aber einfaches Mitglied der SPD. Das neue Elitekonzept in der sozialdemokratischen Hochschulpolitik nennt sie eine Katastrophe. Sie sitzt in der Kommission, die für Ministerin Renate Schmidt den neuen Familienbericht erarbeitet – und outet sich bei jeder Sitzung durch Augenrollen als Fremdkörper. „Ich habe die Nähe zur Politik durchaus gesucht“, sagt die Professorin. Aber so richtig erwünscht habe sie sich nicht gefühlt. Wie gut, dass sie vom Münchner Lehrstuhl nur für drei Jahre beurlaubt ist und jederzeit zurückkehren kann.
Jutta Allmendinger wurde vor zwei Jahren zur Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg berufen. Seither versucht die Soziologin, die in Harvard studierte und an der Universität München lehrte, die Behörde zu modernisieren. Künftig will sie auch Tabuthemen erforschen lassen, wie etwa den Sinn von Billiglöhnen. Widerstand ist ihr dabei sicher
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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