Reformation Von mythischen Nebeln umwallt
Luther und Calvin: Das Zeitalter der Reformation in Europa wird neu besichtigt
Ach, wenn es einen Kodex gäbe, der es den Marketingspezialisten der Verlage und vor allem den Lektoren bei harter Buße verböte, die Kundschaft mit aufgeblasenen und irreführenden Titeln zu düpieren…
Mit welch hoch gespannten Erwartungen greift man zum Band Heiko A. Obermans über die Zwei Reformationen mit dem Untertitel: Luther und Calvin. Alte und Neue Welt. Denn von einer vergleichenden Studie solchen Anspruchs erhofft man solide Aufklärung über die Grundmuster der Geistesgeschichte, von denen die moralische, die soziale, die politische Entwicklung der westlichen Welt tiefer geprägt wurden als von allen anderen Ereignissen und Gestalten. Überdies ist durch den fragwürdig-freundlichen Luther-Film wieder ein populäres Interesse an der Persönlichkeit des Reformators geweckt worden. Umso dringlicher stellt sich die Gewissensfrage für jeden Theologen, Kulturphilosophen, Politikwissenschaftler: Warum öffneten sich die calvinistisch bestimmten Gesellschaften der liberalen und sozialen Demokratie mit solcher Selbstverständlichkeit (wenn es denn so war) – und warum verharrten die lutherischen (soweit es zutrifft) so gepanzert in ihrem autoritätsgläubig-konservativen Widerstand gegen die politische Moderne, mitsamt den schrecklichen Folgen, die eine Kapitelüberschrift des vorliegenden Bandes lapidar mit dem Stichwort Von Luther zu Hitler anzeigt?
Erst durch das Nachwort von Manfred Schulze erfahren wir klipp und klar, dass wir es mit einer Sammlung von Aufsätzen zu tun haben, die der Tübinger Autor, der seit 1988 in Arizona lehrte, in einem Band vereinen wollte, den er freilich nicht mehr abschließen konnte. Kryptisch der Hinweis, dass sich „Christian Schröder um die korrigierende Durchsicht der unfertigen Anmerkungen bemüht“ habe. Schröder who? Wir erfahren es nicht. Mit einiger Erleichterung nehmen wir jedoch zur Kenntnis, dass Manfred Schulze „die Ausführungen zur Luther-Rezeption im Dritten Reich … allenfalls (für) Notizen“ hält, „die bei weitem nicht leisten, was der Titel Von Luther zu Hitler nahe legt“. Hätte dies nicht durch ein Vorwort, besser noch durch den Untertitel Aufsätze, Fragmente, Notizen zu Luther und Calvin deutlich gemacht werden müssen?
Reißerische Thesen
In den ersten Kapiteln werden uns ohnedies vor allem Ausschnitte aus Katheder-Gesprächen der Experten angeboten, die für das Publikum von mäßigem Interesse sind, zumal sie wenig Aufschlüsse über Obermans Luther-Biografie hinaus zu bieten haben. Schon hier formuliert der Autor die These, dass Luther kein Geist der anbrechenden Neuzeit, sondern im Hochmittelalter zu Haus, dass er im Kern seiner Lehre und seines Wesens „katholisch“ geblieben sei – im Sinne einer universalen Kirche Christi (eben nur nicht der römischen) –, dass er sich nicht als Bahnbrecher einer neuen Epoche, sondern als Zeuge des Endes der Zeiten empfunden habe, Repräsentant einer eschatologischen Grundstimmung (die in der Geschichte des Christentums immer von neuem aufbrach) und vor allem: dass sich die Kirche schon vor ihm – und ohne ihn – in einem Prozess der Reformen befunden habe.
Daran ist nichts überraschend. In der Gesellschaft Frankreichs hatte, wie es François Furet beschrieb, lange vor 1789 eine Phase des Aufbruchs begonnen. Der Historiker deutete an, dass sich die wesentlichen Errungenschaften der Revolution womöglich auch aus einem evolutionär-friedlichen Wandel ergeben hätten. Das hält ihn und uns nicht davon ab, die große Revolution als eine der tiefen Zäsuren der Menschheitsgeschichte zu erkennen. Mit der Reformation verhält es sich nicht anders. Auch wenn sie – wie die Gestalt Luthers – allzu lange von mythischen Nebeln umwallt war: Die Tatsache, dass sie zum Mythos wurde, bestimmt ihren historischen Rang.
Vielleicht eilt Oberman in seinen Notizen zu Luther und Hitler über die antisemitischen Ausbrüche in all ihrer Widerwärtigkeit ein wenig rasch hinweg. Doch immerhin merkt er an, dass der Reformator die konvertierten Juden als gleichwertige Mitglieder der Kirche betrachtet habe – anders als der niederländische Humanist Erasmus, der die Fähigkeit der Juden zu einer christlichen (und das hieß in jener Epoche: zu einer menschlichen) Existenz mit zynischer Härte bestritt. Auch müsste gefragt werden, warum die skandinavischen Völker, trotz (oder wegen?) ihrer ungebrochen lutherischen Prägung gegen die antisemitischen Konvulsionen der südlichen Nachbarn weitgehend gefeit und zur Formung kraftvoller Demokratien durchaus fähig waren.
Ein Feld komplexer Probleme. Reißerische Thesen taugen nicht, den Zugang zu den historischen Realitäten zu öffnen. Zum Beispiel diese: Nach Obermans Einsicht habe der deutsche „Sonderweg“ nicht mit Bismarck, sondern mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 begonnen, der „Deutschlands Rückzug aus den europäischen Angelegenheiten“ bewirkt habe. Es war dem Gelehrten offenbar nicht deutlich, dass das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ nicht „Deutschland“ war, vielmehr eine Art kleineuropäische Föderation. Und was sollen wir mit der These, dass Luther „keine Person der Weltgeschichte“ gewesen sei? Weil er den radikalen Schnitt mit der Vergangenheit nicht vollzog?
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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