SPD Herzleiden seit 1914Seite 2/2

Ende der achtziger Jahre, als die deutsche Wiedervereinigung kam, war der Gedächtnisverlust endgültig. Nichts zeigte das trüber als die verschenkten, von der Parteiführung lustlos begangenen 100. Geburtstage von Kurt Schumacher (1995) und dem Berliner Nachkriegsbürgermeister Ernst Reuter (1989). Mit diesen Männern des antifaschistischen wie antikommunistischen Widerstands, die noch wussten, dass Freiheit und Gerechtigkeit nicht an Wohlstand geknüpft sind, sondern sich auch in Not und Entbehrung verwirklichen lassen, konnten Schröder und Lafontaine nichts mehr anfangen.

Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatenwelt waren auch die marxistischen Träumereien im Westen wieder verflogen. In dem neuen Jahrtausend der Globalisierung und Biotechnik kehrte die Fortschrittshoffnung verwandelt zurück. Sie knüpfte sich nicht mehr an die gerechte Gesellschaft, sondern an die Entschlüsselung des Genoms und anderer Welträtsel. Der neue Pragmatismus Schröders hatte nicht die Demut des alten Pragmatismus, den Wolfgang Koeppen in seinem Roman Das Treibhaus an Kurt Schumacher (er nennt ihn liebevoll-satirisch Knurrewahn) beobachtet hatte. Denn für Knurrewahn waren gerade die Welträtsel gelöst, und „nachdem er den unvernünftigen Gott vertrieben hatte, brauchte der Mensch nur noch alles sachlich zu ordnen“. Man muss, um der historischen Kontinuität innezuwerden, nur Golo Manns Porträt August Bebels heranziehen: „Er war nicht schadenfroher Beobachter, wie der folgerichtige Marxist inmitten der kapitalistischen Gesellschaft hätte sein müssen, sondern Warner und Helfer. Ein wohltuender Widerspruch, aber ein Widerspruch doch.“

Dieser Widerspruch ist der Partei erhalten geblieben. Doch ihn auszuhalten sollte ihr ein Leichtes sein, nach all den gewalttätigen Lösungsversuchen des 20. Jahrhunderts, denen an vorderster Front Sozialdemokraten zum Opfer fielen. Die Partei müsste sich nur erinnern. Vielleicht hat diese Erinnerung auch schon begonnen; und vielleicht gerade mit dem unkontrollierten Widerstreben der Basis. Den längsten Teil ihrer Geschichte war die SPD, anders als die CDU, die zur gewohnheitmäßigen Demontage ihrer Führung neigt, jene Disziplin-Maschine, die Koeppen beschrieb: „Und wenn Knurrewahn die Auflösung der Partei empfohlen hätte, die Ortsgruppen würden die Auflösung vollziehen, wenn Knurrewahn die Selbstentleibung als Opfer an die Nation anordnete – die Partei hatte schon seit neunzehnhundertvierzehn ein nationales Herzleiden.“

Pazifistische Anwandlung

Das Herzleiden war die Zustimmung zu den Kriegskrediten im Reichstag. Von allen Anstrengungen der Partei, das nationale Interesse über die eigenen, pazifistischen, internationalistischen, sozialistischen Instinkte zu stellen, war dies die folgenreichste, fatalste. Man könnte noch die apodiktische Weigerung Schröders, sich am Irak-Krieg zu beteiligen, auf den Wunsch zurückführen, niemals wieder aus Gründen der Staats- und Bündnisräson in eine solche Identitätsfalle zu gehen. Die Weigerung wäre plausibler und weniger populistisch ausgefallen, wenn nicht Schröder in seinem Regierungshandeln sonst eine Kenntnis der Parteigeschichte sorgfältig verborgen hätte. Die pazifistische Anwandlung kam aus dem Unbewussten der sozialdemokratischen Kollektivseele; nicht unähnlich den Protesten der Basis. Wenn es der Partei gelänge, aus dem Unbewussten auch wieder die sozialdemokratische Verantwortungsethik zu heben, könnte sie, die in Deutschland die Demokratie einführte, mit Recht den Anspruch erheben, die historisch legitimierte Regierungspartei des Landes zu sein.

 
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