Film Schizophrenien des Alltags

Südafrika-Filme bei der Berlinale erzählen vom Leben nach der Apartheid

Manchmal gibt es auf Filmfestivals wie der Berlinale diese seltsamen Momente, in denen man aus einem spontanen Glücksempfinden heraus am liebsten den Kopf seines Kino-Vordermanns streicheln möchte. Die Begegnung mit Ivy, einer schwarzen Kosmetikerin aus Johannesburg, deren großherziger Busen ein kleines Bollwerk gegen die Apartheid war, ist so ein Augenblick in einem Dokumentarfilm von Andrea Spitz, sieht man der korpulenten Frau bei der Behandlung ihrer weißen Kundinnen zu. Zwischen Maniküre und Augenbrauenzupfen entspinnen sich Gespräche über Schönheit und Altern, Männer und Erotik, Gott und Schamhaarfrisuren. Eine Frau fachsimpelt über Sex, die nächste denkt laut darüber nach, die Spannung am Sicherheitszaun ihres Anwesens auf 10000 Volt zu erhöhen. Während des Apartheid-Regimes musste Ivy heimlich für ihre Kundinnen arbeiten, war ihnen Freundin und lebensweise Ratgeberin. Ganz beiläufig entsteht das Porträt einer Welt, in der weiße Society-Damen jahrzehntelang alle Geheimnisse mit einer Frau besprachen, die mit ihnen nicht einmal eine Parkbank hätte teilen dürfen. Damals war Ivys winziger Salon in einer Vorstadt von Johannesburg ein Raum voll befreiender Intimität. Heute wirkt ihre Behandlungsliege wie das Psychoanalytiker-Sofa einer Gesellschaft, die gerade erst dabei ist, die alltäglichen Schizophrenien der Apartheid zu verarbeiten.

Hot Wax ist Teil von Project 10, einer Reihe von Dokumentarfilmen, die vom südafrikanischen Fernsehsender SABC1 anlässlich des zehnten Jahrestages der ersten demokratischen Wahlen in Auftrag gegeben wurden: zehn Filme, die allesamt im internationalen Forum der Berlinale laufen und das dokumentarische Gravitationszentrum eines alle Festivalsektionen umfassenden Länderschwerpunkts bilden. Ob die Tochter eines Oppositionellen nach dem Exil in eine Gesellschaft zurückkehrt, die sie als zutiefst befremdlich empfindet (Belonging), eine Lehrerin nach zehn Jahren zum ersten Mal in ihre Township geht, die sie nach einem Massaker verließ (Home), oder ein kleiner schwarzer Junge von großen Opern träumt (Being Pavarotti) – Demokratie erscheint in diesen Filmen als ein in unzählige Einzelschicksale zersplitterter Kraftakt. Eine einigermaßen würdevolle Form der Normalität, so ruft es aus fast jeder Szene, ist nicht denkbar, ohne sich der alltäglichen Psychopathologie der Apartheid zu stellen.

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Angesichts dieser sehr genauen, sehr persönlichen Einblicke liefert John Boormans Wettbewerbsbeitrag Country of my Scull nur die an der eigenen Betroffenheit erstickende Mainstream-Variation des Themas. Boorman schickt Samuel E. Jackson als Journalist der Washington Post zu den Sitzungen der Wahrheitskommission, die 1995 begann, die Verbrechen des Apartheid-Regimes öffentlich zu verhandeln. Die Reise führt den Reporter bis ins Bett der weißen Südafrikanerin Anna (Juliette Binoche), die sich mit diesem Verhältnis nicht zuletzt der eigenen verdrängten Schuldgefühle entledigt. Boorman mag seine Geschichte mit ehrenwertem Aufklärungsinteresse erzählen, doch rammt er mit voller Wucht gegen alle ideologischen Klippen des Themas. Ein schwarzer Intellektueller, so wird suggeriert, ist nur als amerikanischer denkbar, während die vor der Kommission aussagenden Opfer allesamt aussehen, als seien sie eben aus ihrer Hütte gekrochen. In der Inszenierung der Kommissionsarbeit pendelt Country of my Scull zwischen wohlfeiler Rührseligkeit und pathetischen Versöhnungen. Als Binoches Heldin schließlich den eigenen Bruder mit seiner Täterschaft konfrontiert, besitzt dieser den für südafrikanische Folterer nicht gerade typischen Anstand, sich postwendend zu erschießen.

Während sich Boorman an der Aufarbeitung der Apartheid schlicht verhebt, gelingt es wiederum einem Dokumentarfilm, die großen politischen Implikationen des Themas bis in die menschlichen Mikrofasern hinein zu erkunden. Memories of Rain – Szenen aus dem Untergrund, der Forumsbeitrag von Gisela Albrecht und Angela Mai, reflektiert gemeinsam mit zwei ehemaligen Mitgliedern des ANC Mut und Heldentum, aber auch die Not und den Schmutz des politischen Widerstands. Über fast zehn Jahre hinweg befragten die Autorinnen die Untergrundkämpfer Jenny Cargill und Kevin Qhobosheane, zwei Menschen, die sich für ihre politische Vergangenheit eigentlich auf einen Sockel stellen lassen könnten. Doch gerade in den Äußerungen der weißen Südafrikanerin Cargill verhindern Selbstzweifel und bohrendes Erkenntnisinteresse jegliche Selbststilisierung. Über drei Stunden hinweg entfaltet sich eine Phänomenologie des Untergrundkampfes, die vom Ausspionieren über den Bombentransport im Hochzeitsstrauß bis zur unerträglichen Isolation des Untergetauchten reicht – ein Panorama, das den Betrachter unausweichlich in den Sog der Fragen hineinzieht. Wann gehen einer Widerstandsorganisation, die Mittel wie Folter und Exekutionen einsetzt, die Werte verloren, für die sie eigentlich kämpft? Bedeutet, einem Gegner die körperliche Unversehrtheit abzusprechen, nicht stets auch den Verlust der eigenen Würde? Wie lebt man unter der dünnen Decke der südafrikanischen Demokratie mit amnestierten Schlächtern zusammen, gegen die man jahrzehntelang gekämpft hat?

Beim Betrachten von Memories of Rain ragen die aufgeworfenen Fragen unausweichlich in die wiedervereinigte Gegenwart hinein. Man kommt gar nicht umhin, an deutsch-deutsche Befindlichkeiten zu denken. Es kann kein Fehler sein, sich hin und wieder klarzumachen, dass es auch Formen des Zusammenwachsens gibt, von denen wir uns eigentlich keine Vorstellung machen können.

 
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