Bewohner von Meeresmetropolen gehen am Wochenende aufs Wasser. Die Bewohner Teherans gehen am Wochenende auf die Gräber. Wenn man freitags das Zentrum der Zwölfmillionenstadt verlässt und an deren südlichen Rand fährt, gerät man in eine Metropole, die vermutlich noch mehr Bewohner hat: Es ist Behesht-e Zahrâ, einer der größten Friedhöfe der Welt. Eine mit Grabsteinen versiegelte Ebene, die sich zur Stadt der Lebenden verhält wie ein Druckstock zum wegflatternden Papier: Hier hielt Chomeini nach seiner Ankunft in Iran 1979 seine erste große Rede; nicht weit von hier befindet sich sein Mausoleum.

Die Menschen kauern auf den Grabplatten ihrer Angehörigen wie auf blinden Spiegeln. Behesht-e Zahrâ wirkt am Freitag, als ziehe sich Teheran hierhin zurück, um Teheran zu vergessen, hier versammelt sich die Einwohnerschaft abzüglich ihrer Kulissen, Vehikel, Verkleidungen. Behesht-e Zahrâ gibt einen Begriff vom Netto der Stadt, von Elend und Macht der reinen Masse. Hier und da auf der kahlen Fläche finden Begräbnisse statt; dort stehen, etliche Gräber bedeckend, große Zelte, in denen die Trauernden auf Klappstühlen sitzen, links die Männer, rechts die Frauen.

Im Zentrum der Totenstadt befindet sich ein Hain aus Nadelbäumen, und die Toten dort werden nicht durch Neuankömmlinge gestört. Es sind die Märtyrer. Sie haben das Privileg des Schattenplatzes, und sie dürfen die Ewigkeit gleichsam im Stehen verbringen. Tausende von Gefallenen aus dem iranisch-irakischen Krieg sind hier begraben; sie haben Anrecht darauf, auch im Tod ihr Gesicht zu behalten.

Eine Armee der Toten vor den Toren der Stadt

Am Kopfende jedes Grabes steht ein mannshoher Schaukasten. In den Vitrinen eingeschlossen sind weichgezeichnete Fotos, auf Blumen gebettet. Sie zeigen flaumbärtige halbwüchsige Jungs; die meisten schauen, wie man so sagt, gefasst, als seien die Fotos zwischen Einberufung und Abmarsch aufgenommen worden. Ab und zu zwischen den Jungen ein Vollbärtiger: die höheren Ränge, auf Fotomontagen sieht man sie lächelnd winken und davongehen, sich umwendend, davonwandern zum Schlachtfeld und zu den Kameraden, die schon liegen und warten.

Ganze Divisionen unter Wellblechdächern, Kiefern und Fichten, ein stehendes Heer der Märtyrer, und viele Vitrinen sind mit Samt ausgelegt und mit gerafften Vorhängen halb verhüllt: ein Theater der Toten.

18-, 20-, 23-Jährige, Zehntausende von ihnen.

Die Deutschen der Nachkriegsjahre, so sagt man, seien eine vaterlose Generation. Was ist dann die Jugend von Teheran? Die Generation, die ihre Väter und großen Brüder verloren hat. Es ist die Generation der kleinen Brüder.