heldentod Ich habe einen Traum
Der Regisseur Romuald Karmakar, 38, wurde durch seinen Film »Der Totmacher« (1995) international bekannt. Karmakar, Sohn einer französischen Mutter und eines iranischen Vaters, lebte in Wiesbaden, bis seine Mutter einen Griechen heiratete und mit ihm nach Athen zog. Mit 17 kehrte er nach Deutschland zurück. Bei den Filmfestspielen in Berlin ist Karmakar mit zwei Werken vertreten. Im Wettbewerb um den Goldenen Bären, der diesen Sonntag entschieden wird, läuft »Die Nacht singt ihre Lieder«, die Adaption eines Theaterstücks von John Fosse. Gezeigt wird außerdem sein Dokumentarfilm »Land der Vernichtung« über die Ermordung polnischer Juden 1942/43 durch ein Hamburger Polizeibataillon. Romuald Karmakar träumt von einer Welt ohne Helden
»Es gibt Filme, für die ich bereit bin, mein ganzes Leben herzugeben«
Von mir selbst sage ich: Ich träume nicht. Jedenfalls nicht nachts. Darauf bekomme ich stets zur Antwort: Jeder träumt, du erinnerst dich bloß nicht. Meine Erklärung lautet: Ich brauche nicht zu träumen oder muss mich nicht daran erinnern, wovon ich träume, weil ich das alles tagsüber mache. Im Grunde bereite ich mich den ganzen Tag über auf den Schlaf vor und arbeite so lange, bis mir die Augen brennen. Schlafen bedeutet, dass man tagsüber das gemacht hat, was man schaffen kann. Dafür erhält man als Belohnung den Schlaf. Am Morgen wache ich auf und mache weiter, als hätte ich nicht geträumt. Es mag befremdlich klingen: Ich habe meinen Spaß im Schlaf – weil ich ihn mir verdient habe.
Mir scheint, Spaß wird grundsätzlich falsch verstanden. Als ich jung war, zog gerade das amerikanische to have fun in Deutschland ein. Es ging nur noch darum, Fun zu haben. Meine Definition von Spaß aber wurde es, dass Spaß nur durch viel Arbeit entstehen kann. Es ist mir nicht möglich, einfach nur Fun zu haben. Unsere Gesellschaft ist nicht so. Man kann zum Beispiel nicht sagen: Wenn wir alle mehr Fun haben, dann haben wir weniger Arbeitslose. Als müsste ein Musiker nichts tun, um eine Platte zu machen. Musiker arbeiten lange und hart, bis sie eventuell mal Erfolg haben.
Die Verbindung von Musik und Film hat für mich einen besonderen Grund. Und der liegt in einer Zeit, als Träumen bedeutete: keine Träume zu haben, sondern sich der Realität zu stellen. Zu dieser Zeit, die fast 20 Jahre zurückliegt, war ich ein Punk. Mit Irokesenkopf und Lederjacke. Natürlich habe ich mich in dieser Zeit amüsiert. Aber schon damals haben meine Freunde und ich nie davon gesprochen, dass wir einfach nur Spaß haben wollten. Für uns war das eine Frage der Haltung zur Welt. Der Haltung zum Leben. Zum Karrieredenken. Zum Konsum. Der Haltung zur Atomkraft. Zu Franz Josef Strauß und zur Volkszählung. Es war eine prägende Zeit für mich: dieser Neodadaismus, die Fanzine-Kultur, die Independent-Labels. Irgendwo in Hinterhöfen spielten Bands auf verstimmten Instrumenten, all diese Dinge.
Zum Punk kam ich, als meine Mutter und ich noch in Athen wohnten. In Griechenland sind wegen der Hitze die Sommerferien sehr lang. Als ich 15 war, fuhr ich mit einer Interrail-Karte quer durch Europa. London, Paris, Berlin. In diesen Städten hatte Punk enorme Bedeutung. Da habe ich mich regelrecht angesteckt. Im Sommer 1982, als Ronald Reagan nach Deutschland kam, war ich in Berlin. Überall lief Bonzo Goes To Bitburg von den Ramones. Damals gab es am Nollendorfplatz und in Kreuzberg viele besetzte Häuser. Einmal bin ich beim Schwarzfahren erwischt worden. Da meine Begleitung in einem besetzten Haus wohnte, haben wir die Nacht in einer Zelle verbracht. Das war ein Erweckungserlebnis. Als ich im Dezember desselben Jahres nach München zog, lernte ich innerhalb eines halben Tages die Leute aus der Szene kennen.
In München war man stark am amerikanischen Punk orientiert. Black Flag, Dead Kennedys, Bad Brains, Gun Club. Was wurde darüber gestritten, wenn eine bestimmte Band plötzlich »kommerzieller« wurde! Das war wie ein Todesurteil. Eigentlich war Punk zu diesem Zeitpunkt schon fast vorbei. Aber es gab eine aus dem Punk kommende Super-8-Bewegung. Die nannte sich: »Alle Macht der Super-8«.
Damals roch die Stimmung ständig nach Aufruhr. Heute habe ich keinen Bedarf mehr an aufrührerischer Stimmung. Jeder ist verantwortlich für sein Leben. Ich habe nur dieses eine geschenkt bekommen. Es liegt in meiner Hand, es so zu gestalten, dass es am intensivsten und schönsten ist. Es gibt Filme, die ich drehen möchte, bevor ich sterbe. Für die ich bereit bin, mein ganzes Leben herzugeben. Manchmal beschwören Leute eine Aufbruchsstimmung, nur um sich selbst darin zu positionieren. Ich brauche keine Stimmung von anderen. Ich jammere auch nicht darüber, wenn es draußen kalt und bewölkt ist. Man kann auch bei schlechtem Wetter ein interessantes Leben haben. Ob das Leben aufregend ist, liegt immer an einem selbst. Ich zum Beispiel bin oft ein einsamer Arbeiter, einer, der irgendwo in einer Geheimkammer sitzt. Ich schreibe sehr ungern. Ich bringe große Selbstzweifel mit und komme nur mühsam voran. Ein unangenehmer Prozess. Beim Abspann meiner Filme bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Leute beteiligt waren. Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich möchte das Wort Spaß keineswegs aus meinem Wortschatz streichen. Was mich an der Spaßkultur stört, ist nur, dass man sich dauernd erklären muss, wenn man ernsthaft mit Dingen umgeht. Ernsthaftigkeit gilt als uncool.
In meinen Filmen gibt es keine Hauptfigur, die ein Problem hat, es erfasst, dann richtig handelt und damit zum Helden wird. Das genau wird immer erwartet von einem Film. Viele Leute möchten auf diese Art ihre Wünsche erfüllt bekommen. Wir sind mehr denn je ausgerichtet auf Heroenkultur. Auf Idole, wie sie nur eine Hand voll Menschen darstellen können. Gleichzeitig bekommt man immer seltener Filme zu sehen, in denen so etwas nicht stattfindet. Dabei sind uns solche Geschichten ohne Helden viel näher. Weil es im Leben häufiger vorkommt, dass Menschen nicht über sich hinauswachsen, eine schwierige Situation nicht überwinden. Unvollkommenheit als Menschenrecht und zugleich die Ablehnung von Denkschablonen und Leitbildern – von Autoritäten jeder Art –, das war ein Kern der Punk-Idee.
An der Oberfläche, besonders in der Mode, erlebt Punk seit einiger Zeit eine Renaissance. Mich stört das nicht. Jede Zeit hat irgendwann ihr Revival. Natürlich ist es komisch, wenn man im Jahr 2004 Leute sieht, die »Dead Kennedys« auf ihre Jacke schreiben und in der U-Bahn betteln. Allerdings weiß ich, dass in einigen Teilen des Landes Leute totgeschlagen werden, weil sie aussehen wie Punks.
Eines meiner letzten Erlebnisse als Punk waren die Chaos-Tage in Hannover. Damals kam die Oi-Bewegung auf, was viele als Weiterführung des Punk ohne Irokesen und Nietengürtel verstanden. Diese Bewegung wurde stark von den rechten Skinheads durchsetzt, weil der Look so ähnlich war. Bei den Chaos-Tagen gab es Konflikte zwischen den Red-Skins, also den nichtrassistischen Skins, und den rechten Skinheads. Dann wurde die Parole ausgegeben: Alle nichtrechten Skinheads sollen ab sofort eine Armbinde tragen. Damals hab ich gemerkt: Jetzt reicht’s.
Ich nahm mir vor, nach außen hin Teil der Gesellschaft zu werden. Aber vom Kopf her nicht. Das ist noch heute meine Haltung. So sagte ich mir: Jetzt lasse ich mir ordentliche Haare wachsen. Aber ich mache trotzdem radikale Filme. Und muss nicht in Kreuzberg leben. Eine Zeit lang dachten die Leute, nur wenn ein Regisseur in Kreuzberg lebt, macht er auch ungewöhnliche Filme. Als könnte jemand wie Alexander Kluge, der in München lebt, nicht radikaler sein als alle Kreuzberger zusammen. Ich habe ein Ideal aus meiner Punkzeit: No more heroes!
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke
* Hören Sie diesen Artikel unter http://hoeren.zeit.de
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







