Die erste Spritze war die schlimmste. Minutenlang hielt Michael Kostner* die Kanüle in der Hand. In der Kinderwunschpraxis hatte die Schwester ihnen Medikamente und Spritzen in die Hand gedrückt. "So machen Sie das jeden Abend", hatte sie gesagt. Doch als Kostner vor dem entblößten Oberschenkel seiner Frau saß, war ihm unwohl. "Ich wollte ihr nicht wehtun", sagt er.

Heute, mehr als 50 Spritzen und drei künstliche Befruchtungen später, können die Kostners über die Angst vor der ersten Injektion nur lachen. Petra Kostner hat ihre Behandlungen dokumentiert: Fiebermesskurven, Medikamentenpläne und Ultraschallbilder füllen einen Ordner.

Dabei ist es gar nicht so lange her, da antworteten die Kostners auf die "Wollt ihr Kinder?"-Frage noch mit einem unbestimmten Vielleicht. Nach Jahren der Ausbildung hatten beide endlich einen Job gefunden, er in einer Anwaltskanzlei, sie in einer Agentur. Viel Arbeit, nicht selten am Wochenende. Doch vor zwei Jahren, als sie zusammengezogen waren, tauchte das Kinderthema plötzlich auf. Im Freundeskreis mehrte sich die Zahl der Eltern. Ein paar Monate Hin und Her, dann setzte sie die Pille ab. Wenn es schnell ginge, könnte der Nachwuchs im nächsten Sommer kommen. Der Sommer kam, doch kein Kind. Auch keines im nächsten Winter.

Immer fand der Gynäkologe etwas Neues: erst Hormonschwankungen. Dann gutartige Geschwülste in der Gebärmutter. Einen nicht durchgängigen Eileiter. "Eingeschränkt zeugungsfähig" hieß die Diagnose. Der Befund über Michael Kostners Samenqualität war der gleiche: "subfertil". Die Beweglichkeit seiner Spermien ließ zu wünschen übrig.

"Irgendwann werden Sie vielleicht auf natürliche Weise Kinder bekommen", sagte der Fortpflanzungsmediziner, den sie aufsuchten. "Die Frage ist jedoch, wie lange Sie in Ihrem Alter noch warten können." In Ihrem Alter! 34Jahre alt war Petra Kostner gerade geworden: Alt hatte sie sich noch nie gefühlt. Doch plötzlich hörte sie das Ticken ihrer biologischen Uhr. Das Alter einer Frau ist der wichtigste Indikator dafür, ob es mit dem Kinderwunsch klappt – und der Hauptgrund, warum die Zahl der künstlichen Befruchtungen in Deutschland stetig steigt: Rund 50000 Paare haben im Jahr 2002 versucht, mithilfe der Reproduktionsmedizin Eltern zu werden. Vor sechs Jahren waren es nur halb so viele, vor zwölf Jahren gerade ein Zehntel. Zwischen 10 und 15 Prozent aller Paare haben Probleme mit dem Elternwerden, das heißt, sie warten mindestens ein Jahr lang vergeblich auf eine Schwangerschaft.

Das aussichtsreichste Alter zur Fortpflanzung sind die Jahre bis 25, erklärt der Ulmer Fortpflanzungsmediziner Friedrich Gagsteiger. Bereits danach nimmt die Zeugungsfähigkeit ab, schwindet die Zahl gesunder Eizellen: erst sehr langsam bis 30 Jahre, dann stärker bis 35. Danach fällt die Fruchtbarkeitskurve steil ab. Parallel zum Alter der Frau wächst auch die Zahl der Eizellen mit Chromosomenschäden: Wird eine solche fehlprogrammierte Zelle befruchtet, stirbt sie in der Regel kurze Zeit später ab. Mit über 40 Jahren können Frauen nur noch selten schwanger werden. "Viele Frauen, die zu uns kommen, sind genau in diesem kritischen Alter: zwischen 35 und 40 Jahren", so Gagsteiger. Rund ein Drittel der Paare, die nach dem 35. Lebensjahr heiraten, bleibt kinderlos – meist ungewollt.

Mit wachsenden Jahren häufen sich die Belastungen für die weiblichen Fortpflanzungsorgane. Wechselnde Geschlechtspartner tragen Bakterien in den Körper, Umweltgifte beeinflussen den Hormonhaushalt. Auch Verhütungsmittel, unbemerkte Fehlgeburten oder eine frühere Abtreibung können einen negativen Einfluss auf die Empfängnisfähigkeit haben. Zwar büßen auch Männer mit den Jahren einen Teil ihrer Zeugungskraft ein; doch dieser Prozess beginnt erst langsam mit Mitte 30. Zudem erlaubt es die hohe Zahl männlicher Keimzellen, bis ins hohe Alter Nachwuchs zu zeugen. Bei Frauen jedoch ist das Eizellreservoir mit Mitte 40 weitgehend erschöpft.

Vielen Angehörigen der Generation 35 plus schwant zwar, dass sie in puncto Empfängnisfähigkeit zu einer Risikogruppe gehören. Sie sehen die Gefahr jedoch vor allem darin, behinderten Nachwuchs in die Welt zu setzen – und befürchten zunächst nicht, überhaupt keine Kinder mehr bekommen zu können. Die Kenntnisse über den Fertilitätskiller "Alter" sind äußerst vage. So wurde kürzlich eine Studie der Abteilung für Medizinische Psychologie der Universität Leipzig veröffentlicht – mit erschreckendem Ergebnis: 28 Prozent der Befragten glaubten, die weibliche Fruchtbarkeit würde erst mit 40 Jahren abnehmen. 33 Prozent meinten sogar, man könne bis 45 problemlos Kinder bekommen. Elmar Brähler, der Autor der Studie, schlägt seit langem vor, bereits in der Schule nicht nur über Pille und Präservativ aufzuklären, sondern auch über die besten Jahre für die Familienplanung.