Berlin

Glückliches Deutschland. In den Nachbarstaaten geht das Gespenst des Populismus um. Rechtsdemagogen verändern die politische Stimmung. Ihr Auftritt beschäftigt die Medien, sie verändern die Machtbalance und beeinflussen die offizielle Politik. Nationalradikale Volkstribune wie in Polen, fremdenfeindliche Demagogen wie in Belgien, Sozialchauvinisten wie in Dänemark drängen ihre Regierungen politisch in die Defensive. In Frankreich kippte der Rechtsextremist Le Pen den Sozialisten Jospin aus dem Präsidentschaftsrennen, und in Italien bildet eine undurchsichtige Mischung aus all diesen Elementen sogar die Regierungskoalition.

Deutschland ist dies bisher erspart geblieben. Wieso eigentlich? Das populistische Potenzial ist vorhanden. Die oft zitierte deutsche Disposition zur Verzweiflung an der Gegenwart und zur Angst vor der Zukunft wäre eine geradezu ideale Voraussetzung für das Auftreten volksnaher charismatischer Propheten des Untergangs. Und das emotionale Gemenge aus Ablehnung von Veränderungen, Misstrauen gegenüber Institutionen, Wut auf die Eliten sowie Sehnsucht nach einfachen Antworten und starker Führung, über das in Holland und Dänemark erfolgreiche sozialliberale Reformregierungen gestürzt sind, ist auch in Deutschland zu messen und mobilisierbar. Wieso also, fragen die Nachbarn, gibt es keinen deutschen Pim Fortuyn? Wieso keinen Haider? Keinen Blocher?

Die komplizierte Antwort ist lang, hängt zusammen mit der Geschichte, mit bitteren Erfahrungen und kollektiven Reflexen. Die einfache Antwort ist kurz: Wir haben Bild.

"Frau Ministerin, Sie machen uns krank!"

"Sie wollen mich in Versuchung führen", sagte Wolfgang Thierse neulich in einer öffentlichen Diskussion auf die Frage, ob in Deutschland die Rolle des Rechtspopulismus von manchen Medien übernommen würde. Der Bundestagspräsident hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Populismus von Bild. Sie haben ihn vorsichtig gemacht. Andererseits: Wie das Millionenblatt (jüngste veröffentlichte Auflagenzahl: 3,8 Millionen) aus dem Verlagshaus Springer zuletzt mit dem Reformpaket der Bundesregierung umsprang, verleitete ihn doch zu der Bemerkung: Wenn in einer schwierigen Reformphase Vorurteile verstärkt statt abgebaut würden, wenn Stimmung gegen die Reform gemacht würde, statt über den Inhalt der Reform und deren Notwendigkeit aufzuklären, dann sei das ein klarer Fall von Populismus. "In einem Moment, wo es um Veränderungen geht, ist das fatal."

Von Kampagne hat Thierse nicht gesprochen. Das war klug, denn das bringt die Opfer einer vermeintlichen wie auch realen Kampagne nicht wirklich weiter. Man kommt leicht in Beweisnot. Denn Kampagnen der Bild- Zeitung mögen als solche erkennbar sein, sie mögen nur für die Betroffenen, zum Beispiel Doris Schröder-Köpf und den Bundeskanzler, wie eine Kampagne aussehen, sie mögen von unverdächtigen Kennern des Gewerbes, beispielsweise einem ehemaligen Bild- Chefredakteur ("Hab ich auch gemacht"), als Kampagne enttarnt werden, sie mögen die beabsichtigte Wirkung haben ("Und tschüss, Herr Gerster...") oder auch, wie bei der Bundestagswahl, kläglich scheitern – immer findet sich jemand, wie jüngst ein Vertreter des Journalistenverbands, der sagt: "Ich sehe keine Kampagne."

Der Chefredakteur, Kai Diekmann, hat natürlich mehrfach beteuert, dass sein Blatt keine Kampagnen mache, gegen nichts und niemand sozusagen, niemals und nie. Schwamm drüber. Eleganter und intelligenter setzte sich dieser Tage der Chef des Hauses Springer mit dem Populismusvorwurf auseinander. In einem ausführlichen Interview im manager-magazin-tv (ausgestrahlt über XXP) widersprach Matthias Döpfner der Frage seines Interviewers, Ex- Spiegel- und mm- Chef Wolfgang Kaden, Bild blockiere die rot-grüne Reformpolitik, man habe ja beispielsweise die Steuerpolitik unterstützt (im Bild- Stil, versteht sich: "Steuern runter!").

Und die Breitseite gegen Ulla Schmidt ("Rentenklau, Praxisgebühr, Zuzahlung. Frau Ministerin, Sie machen uns krank!") – ist das nicht populistisch? "Wenn es eine breite Gegenstimmung in der Bevölkerung gibt, weil eine solche Reform entweder nicht kommuniziert wird oder weil sie nicht wirklich durchdacht ist…, dann können und dürfen Sie als Zeitung, die täglich 12,3 Millionen erreicht, nicht gegen Ihre Leser schreiben." Ein Massenblatt sei nun mal "Anwalt seiner Leser". Andernfalls verliere es "die Gefolgschaft". Kann man verstehen. Den populistischen Parteien übrigens geht es nicht anders als den populistischen Medien: Auch sie sind Gefangene der Stimmungen, die sie selbst verstärken.

Massenblätter seien in Wahrheit nur Trendverstärker, sagen die Boulevard-Macher. Trends schaffen oder umkehren könnten sie nicht, sagt Döpfner. Auf wen wirken "Bild, BamS und Glotze", das schreckliche Trio aus den beiden Boulevard-Riesen aus dem Biotop Springer und dem allgegenwärtigen Fernsehen, am meisten, auf die Wähler oder den Bundeskanzler und dessen Entourage? Eindeutig stärker auf das politische System als auf die Gesellschaft, urteilt der Hamburger Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg. Die Akteure auf der Bühne seien von der Kritik viel mehr beeindruckt als es "die tatsächliche Stimmung im Land" (Weischenberg) spiegele. Schlichter gesagt: Hans und Liese kümmern sich weniger drum als Gerd und Doris.

Die Zeitung aber, die eine vorhandene Stimmung genau spürt und den Trend zu verstärken weiß, hat entsprechend Erfolg. Bild zum Beispiel. Dass dieses in Kontinentaleuropa nach wie vor einmalige Boulevard-Großformat heute zwar weniger verkauft, dafür aber mehr Themen setzt als vor zehn Jahren, ist unstrittig, Kampagne hin oder her. Zwar warnt der Meinungsforscher Dieter Roth davor, das Blatt zu überschätzen: "Es hat keine Meinungsführerschaft." Aber der Einfluss auf ein bestimmtes Segment der Gesellschaft – dort, wo der Bauch der SPD ist – sei unübersehbar.

Ein am Presse-Boulevard erfahrener Mann wie Uwe Zimmer, einst stern , dann jahrelang Chefredakteur der Münchner Abendzeitung (heute Chef der Neuen Westfälischen in Bielefeld), geht da schon weiter. Er bestätigt dem Boulevard-Riesen bereits eine Art mediale Leitfunktion. "Wir müssen uns heute häufiger mit den Themen befassen, die Bild bringt. Insofern haben wir neben CDU, CSU und FDP auf einmal eine weitere Partei. Die Partei der Populisten." Und Hans-Ulrich Jörges, stern- Kolumnist, Fernsehdiskutant und in beiden Rollen inzwischen selbst ein astreiner Medienpopulist, sieht in der Bild- Zeitung überhaupt das neue deutsche Leitmedium: "Sie hat den Spiegel abgelöst." Womit er Recht hat.

Denn das ist der Unterschied in der politischen Elite Berlins: Über Jörges und seinen rabiaten Populismus ärgern sie sich im Kanzleramt und in den populismusgeschädigten Ministerien. Bild aber fürchten sie. Die Demagogie. Die Bedenkenlosigkeit. Auch die Treffsicherheit. Der Spiegel mochte einst das "Sturmgeschütz der Demokratie" gewesen sein. Bild ist heute das "Sturmgeschütz des Populismus". Und Ulla Schmidt, zuständig für alles, was weh tut an der Agenda 2010, und deshalb neben Schröder am meisten unter Beschuss, zeigte Nerven unter dieser Kanonade: Schock und Angststarre. Inzwischen hat sie sich etwas erholt .

Wie konnte es dazu kommen? Ist es der Preis für den "Pakt mit dem Teufel"? Gerhard Schröder hat sich seinerzeit gegen Oskar Lafontaine nicht zuletzt mit Hilfe der Medien durchgesetzt, erst auf dem Weg zur Kanzlerkandidatur, dann in der Öffentlichkeit.

Kanzlerreisen: "Feindpresse" muss draußen bleiben

Es waren die Herren des Boulevards, die seinerzeit den Trend für Schröder verstärkten. Jetzt könnte man fast meinen, der aggressive Kurswechsel der Bild- Zeitung habe sein Weltbild erschüttert. Derselbe Schröder, der zu Beginn seiner Amtszeit noch dafür sorgte, dass auch Vertreter der "Feindpresse" (also Springer) bei Auslandsreisen in den Kanzler-Airbus durften, der als Kandidat noch Bild- Reporter im intimen Kleinflugzeug mitnahm, lässt jetzt seinen Sprecher im Falle der bevorstehenden Türkei- und USA-Reisen beim Aussperren der Printpopulisten ("Leider kein Platz auf der Maschine") gewähren: Betroffen ist Bild ebenso wie der von Jörges auf Schröder-Kritik ("Dead Gerd walking") getrimmte stern. Menschlich mag das verständlich sein. Souverän ist es nicht. Kohl ist mit seinen Kritikern übrigens auch so verfahren (wovon Bild gewiss nicht betroffen war), aber der war für Rot-Grün eigentlich kein Modell.

Mehr Gelassenheit würde man sich von einer Regierung, die mit ihrer Arbeit noch längst nicht fertig ist, schon wünschen. Mehr Selbstvertrauen, mehr Standfestigkeit, mehr Chuzpe. Schröder sollte sich nicht von Diekmanns Chef, Döpfner, sagen lassen müssen, so viel Wirkung, wie Bild offenbar habe, dürften die Politiker gar nicht zulassen. Die "lassen sich zu sehr treiben", statt "gewissen Trends zu widerstehen" und einfach für ihre Überzeugung geradezustehen, sagt Döpfner. Auch wenn die bedächtige Besorgnis des jugendlichen Verlagsherrn ein bisschen aufgesetzt wirkt – Recht hat er.

Zumal es nicht weiterhilft, sich im Fall Bild gegen Kampagnen zu wehren, gegen Geschichten aus dem Privatbereich den Anwalt loszuschicken, giftige Schlagzeilen-Serien mit Boykottaufrufen zu beantworten und auf bizarre Kolumnen im stern mit Sanktionen und Kontaktsperre zu antworten wie einst im Fall Österreich.

Es muss nicht immer ein konkretes politisches Kalkül dahinter stecken. Die Regierung kippen, einzelne Minister stürzen, einen umstrittenen Reformobristen wie Florian Gerster mit Hilfe von Reformgegnern aus dem Nürnberger Amt jagen, das schmückt in der postmodernen Spaß- und Jagdgesellschaft jede Zeitung und jedes Magazin, erst recht, wenn sie Politik nur als Beiwerk verstehen. Aber es geht natürlich auch ums Geschäft und das zuerst. Mancher Politpopulismus ist daher zunächst einmal Auflagenopportunismus. Und das heißt: Erlaubt ist, was gefällt. Zum Beispiel Affären von Prominenten, sei es mit Sex ( "Schröder mit…?"), Geld (Europa-Diäten!!), mit Lufthansa-Meilen oder x-beliebigen Vergünstigungen. Wenn sich nur ein Skandal daraus machen lässt. Was wie eine gezielte Kampagne wirkt, ist oft nur, sagt Uwe Zimmer, Teil "des fast schon verzweifelten Kampfes um Auflage".

Die "Verzweiflung" hat ihre Gründe. Wie für alle Boulevard-Zeitungen, überhaupt für alle Printmedien, so wird auch für Bild das Ringen am Kiosk um die Käufer seit Jahren immer härter. Die 3,8 Millionen verkauften Exemplare im vierten Quartal 2003 – auch wenn der Verleger das auf über 12 Millionen Leser hochrechnet – sind ein Tiefpunkt in der Geschichte des Blattes.

Auf Leserfang in den klassischen SPD-Milieus

Den strukturellen Schwund auf dem Boulevard erklärt Siegfried Weischenberg vor allem mit der gewachsenen Medienkonkurrenz. "Jahrzehntelang hatten Blätter wie Bild und der Kölner Express quasi ein Monopol auf die boulevardeske Aufarbeitung von Themen. Inzwischen aber haben fast alle großen Fernsehsender, von der ARD bis zu RTL, Boulevard-Formate im Programm." Insofern wundert ihn eigentlich, "dass die Auflagen nicht noch schneller sinken". Mit ein Grund: Seit Mitte der achtziger Jahre sei zu beobachten, dass die Jungen weniger lesen. "Das trifft Boulevard-Zeitungen, die ihre Käufer Tag für Tag am Kiosk gewinnen müssen, härter als die Abonnementzeitungen."

Insofern wäre Bild nicht einfach nur eine neue populistische "Partei", nicht nur der Agitator auf der Straße, der in großen Buchstaben gegen die Eliten und deren Privilegien hetzt und die armen Politiker, voran die Rot-Grünen, über den Boulevard treibt. Die Treiber sind auch selbst Getriebene. Und ihre Agenda wird womöglich mehr noch von Auflagenkurven bestimmt als von der Konzernkultur und den politischen Vorlieben des Chefredakteurs.

So lässt sich die publizistische Kanonade gegen die Gesundheits- und Rentenreform der Regierung auch als Reaktion auf das Alter der Bild- Leserschaft verstehen. Kürzungen bei Renten und Steigerungen der Gesundheitskosten betreffen Menschen über 60 mehr, sie bekommen sie eher und härter zu spüren als Jüngere. Anwalt der Leser sein, wie der Verlagschef es vorgibt, bedeutet, sich als Anwalt der Älteren, der sozial Schwachen und der Arbeitslosen zu gerieren. Das Milieu von Bild ist nicht nur das Milieu, in dem auch die politischen Populisten, rechte wie linke, ihre Stimmen fangen. Es ist – jedenfalls war es dies lange – auch das Milieu der SPD. Ein Fall von Idealkonkurrenz. Wo immer die Sozialdemokraten in Europa nach erfolgreicher Reformpolitik Wahlen und die Regierungsmacht verloren, geschah dies nicht zuletzt aufgrund von Verlusten in diesen einstigen Stammwählermilieus. Dort, wo Bild heute um Käufer wirbt, könnten Schröder darüber Stimmen verloren gehen, auch ohne eine eigene populistische Partei.

Am Ende könnte dann in der Tat die Wahlniederlage stehen. Aber dann wird man schon noch ein paar Gründe finden, die zunächst außerhalb der Reichweite von Bild gelegen haben, in der SPD, in den Koalitionsverhandlungen von 2002, im Kanzleramt. Bild wird, wie es auch die politischen Populisten meisterhaft verstehen, jeden Fehler mit großen Lettern begleiten. Schröder und seine Regierung müssen nur liefern wie bisher. Bild besorgt den Rest. Gnadenlos. Erbittert sagen sie im Kanzleramt: Dass in Bayern gegen Stoiber demonstriert wird, ist denen keine Schlagzeilen wert. Kampagnen, sagen sie, bestünden auch im Weglassen und Verschweigen.

Die aktuellen "Kampagnen" sind zunächst aber eine Marktstrategie zur Rettung der Auflage. Ob sie helfen, ist eine andere Frage. Die Rentner, Kranken, Gebrechlichen und Sozialleistungsempfänger gegen eine Reform aufzuhetzen, die man in der Beletage des Verlags als notwendig bezeichnet, ist zumindest unlogisch. Marketing mit Angstmachen: ein Modell für die Zukunft? Auch die Bild- Strategie, die im Wahlkampf auf Stoiber setzte, ist schließlich nicht aufgegangen.

Florida-Rolf: 17 Schlagzeilen in fünf Monaten

Populär sein, zuspitzen, emotionalisieren – das ist zunächst keine neue raffinierte politische Offensive gegen Schröder, sondern der Versuch, auf dem heißen Pflaster der Städte zu überleben. Das verführt allerdings auch dazu, politische Themen mit menschlichen Kategorien aufzubereiten. Gefühle wie Schadenfreude, Neid, Geiz und Gier spielen dabei eine große Rolle. "Die Berliner Politik wird in Bild immer häufiger mit journalistischen Mitteln behandelt, die sonst nur für klassische Boulevard-Themen benutzt wurden", sagt Altboulevardier Uwe Zimmer. Methoden, die bisher nur bei Klatsch und Tratsch zum Einsatz kamen, vermitteln jetzt Politik.

Nach diesem Muster berichtet Bild beispielsweise über die Arbeitsmarktreform. Nebensachen werden zur Hauptsache, ins Zentrum der Arbeitsmarktreform à la Bild rückt "Florida-Rolf". Der Mann, der Sozialhilfe im Ausland bezog, brachte es auf 17 Schlagzeilen in fünf Monaten. Zweifellos ein Zeichen für hartnäckigen Journalismus. Freilich, die linke Regierung hat dem populistischen Diktat schnell gehorcht und die einschlägigen Bestimmungen geändert.

Vielleicht hat auch der Bundestagspräsident manchmal das Gefühl, dass nicht alles so wild ist, wie es aussieht. Dass man den Medienkrieg deeskalieren sollte. Nachdem er in der Diskussion über den deutschen Medienpopulismus sinniert hatte, sagte er zum guten Schluss, beinahe versöhnlich, jedenfalls nicht resigniert: "Das ist immer noch besser als eine rechtspopulistische Partei. Also haben wir das vielleicht zähneknirschend und mit schmerzverzerrtem Gesicht hinzunehmen." Herr Präsident, Zähneknirschen würde genügen.