Auf einer kleinen Bahnstation im Herzen Ostafrikas entdeckte der britische Kriegsgefangene Leutnant Francis Johnson – man schrieb das Jahr 1915 – einen Anschlag, der die Muslime der deutschen Kolonie zum Heiligen Krieg gegen die ungläubigen Briten, Belgier, Franzosen, Russen und Serben aufrief. Unterzeichnet war der Aufruf, in Deutsch und Arabisch gedruckt, von dem Gouverneur der Kolonie Heinrich Schnee. Auf dem Stationsgebäude wehte neben der deutschen Fahne eine grüne mit Koransprüchen. Der britische Leutnant mochte seinen Augen kaum trauen und dies alles für eine neue Verrücktheit der Deutschen halten. Als er kurz darauf allerdings eine kaiserliche Kompanie mit der Fahne des Propheten voran marschieren sah, konnte er sich der eigentümlichen Deutung des Krieges durch die Deutschen gewiss sein.

Es hatte, ein Jahr zuvor, nur wenige Tage gedauert, bis die Nachricht vom Ausbruch des Großen Krieges in Europa, der später der Erste Weltkrieg genannt werden sollte, in der deutschen Kolonie Ostafrika, eingetroffen war. Gouverneur Schnee wollte allerdings jede Auseinandersetzung mit den benachbarten Briten und Belgiern vermeiden. Die 1884 von den Kolonialmächten in Berlin verabschiedete Kongo-Akte verpflichtete die Kriegsparteien im Falle eines europäischen Konfliktes zur Neutralität in Afrika. Nicht viel anders sah dies Schnees Gegenüber, der britische Gouverneur Sir Henry Conway Belfield.

Die Idee des Dschihad ist unter den Muslimen nahezu vergessen

Doch die militärische Führung auf beiden Seiten hatte andere Pläne. Das War Office in London fürchtete, deutsch-ostafrikanische Häfen könnten von der kaiserlichen Marine als Basen genutzt werden, um im Indischen Ozean Jagd auf britische Versorgungsschiffe machen. Am 8. August bombardierte die Royal Navy Daressalam, die Hauptstadt der Kolonie. Schnee machte einen letzten Versuch, den Frieden zu wahren, und erklärte die Hafenstädte zu "offenen Städten".

Generalmajor Paul Emil von Lettow-Vorbeck, Kommandeur der deutschen Kolonialtruppen in Ostafrika, sah dies als Verrat an und weigerte sich, Schnees Weisungen länger Folge zu leisten. Wenige Wochen später überschritten deutsche Einheiten die Grenze zur britischen Kolonie und eroberten den kleinen Posten Taveta. Der Erste Weltkrieg in Ostafrika hatte begonnen.

Schnees Gründe gegen einen Krieg waren durchaus plausibel. Die Deutschen seien umzingelt, im Norden die Briten, im Westen die Belgier, im Süden wiederum die Briten und dann auch noch die Portugiesen – unmöglich, vor einem so übermächtigen Feind lange zu bestehen. Im übrigen berge ein militärischer Konflikt der Europäer auf afrikanischem Boden unkalkulierbare Risiken für ihre dortige Herrschaft. Wenn, wie zu erwarten sei, die koloniale Ordnung in den Wirren des Krieges zusammenbreche, könnte sich die Bevölkerung erheben.

All diese Argumente wusste auch Lettow-Vorbeck nicht von der Hand zu weisen. Auch war ihm klar: Was immer er hier erreichte, der Krieg würde allein in Europa entschieden werden. Dennoch blieb er fest davon überzeugt, einen Beitrag zum Sieg leisten zu können – indem er viele britische Truppen so lange wie möglich in Ostafrika band.

Im Herbst 1914 unternahmen die Briten bei Tanga, einer kleinen Hafenstadt im Norden der deutschen Kolonie, einen schlecht vorbereiteten und stümperhaft durchgeführten Landungsversuch. Zahlenmäßig und kriegstechnisch waren sie den Deutschen haushoch überlegen. 8 000 britischen und indischen Soldaten, unterstützt von der Artillerie der vor der Küste kreuzenden Schiffe, standen nur etwa 1 000 Mann der deutschen Schutztruppe gegenüber, darunter viele Askari, afrikanische Soldaten in kaiserlicher Uniform. Doch weder konnten die Briten das Überraschungsmoment für sich nutzen, noch wussten sie ihre Schiffsartillerie effektiv einzusetzen. Wider alles Erwarten schlugen die deutschen Truppen unter dem Kommando von Lettow-Vorbeck die Angreifer zurück. Die Schlacht von Tanga war für die Briten ein Fiasko. 800 Engländer blieben auf dem Schlachtfeld, auf deutscher Seite starben 54 Soldaten. Den Siegern fielen Unmengen kriegswichtiger Ausrüstung in die Hände. Drei Kompanien konnten mit neuen Gewehren und Munition ausgestattet werden. Diejenigen, die Zweifel an der Möglichkeit hegten, diesen Krieg zu führen, verstummten.