Im Minutentakt kommen die Kleinanzeigen herein, nach Postleitzahlen getrennt. Berlin, 21.26 Uhr: "Auch allein zu Haus? Suche 18 bis 50…" 21.27 Uhr: "Habe gerade große Lust… Bin 35, 186, 18 x 5". 21.28 Uhr: "Date in F’hain? Jetzt? …". Rund 4.000 Kontaktanzeigen werden jeden Tag allein im Online-Portal www.homo.net geschaltet, einem von vielen dieser Art. Die sexuelle Aktivität schwuler Männer steigt seit Ende der neunziger Jahre wieder. "Nach Überwindung einer durch Aids ausgelösten sexuellen Zurückhaltung", wie das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem jüngsten epidemiologischen Bulletin schreibt. Hier im Internet, dem schnellen, flüchtigen Medium, wie geschaffen für den schnellen, flüchtigen Sex, offenbart es sich.

Schwule haben jedoch nicht nur wieder mehr Sex. Sie haben auch immer häufiger riskanten Sex. "Bare back" nennen sie den Verkehr ohne Kondom, ein Begriff aus der Westernsprache, wörtlich übersetzt bedeutet er: ohne Sattel reiten. Angesichts der Fülle von Bare-back-Anzeigen warnt www.homo.net . inzwischen auf seiner Homepage: "Aids führt immer noch in den meisten Fällen zum Tode. Und dies, obwohl es inzwischen zahlreiche Therapie-Möglichkeiten gibt…"

Ihr risikoreiches Sexualverhalten schlage sich nun auch in "einer leichten Zunahme der HIV-Erstdiagnosen" bei Schwulen nieder, schreibt das RKI. Erstmals nach langer Zeit steigt damit die Zahl der neu mit dem HI-Virus Infizierten in Deutschland wieder an. Alarmierend ist vor allem ein zweiter Indikator: Die Zahl der Syphilis-Erkrankungen bei schwulen Männern hat noch stärker zugenommen. Die leicht übertragbare Syphilis gilt als "Leitkrankheit" für den generellen Anstieg von Geschlechtskrankheiten. Steigt die Zahl der mit ihr Infizierten, ist dies ein Zeichen dafür, dass vermehrt ungeschützter Geschlechtsverkehr praktiziert wird – und die HIV-Infektionen weiter zunehmen dürften.

Noch hat Deutschland mit rund 2.000 Neuinfektionen im Jahr dank intensiver Präventionsarbeit eine der niedrigsten HIV-Ansteckungsraten weltweit. Das um sich greifende Risikoverhalten schwuler Männer, die mit 50 Prozent nach wie vor die größte Gruppe der Infizierten stellen, könnte aber die Zahlen in Deutschland bald in die Höhe schnellen lassen. Dasselbe gilt für die mit 23 Prozent zweitgrößte und schnell wachsende Gruppe der Migranten aus so genannten Hochrisikoländern in Osteuropa oder Afrika. Sie wissen meist wenig über Aids, sprechen kaum Deutsch und sind mit Aufklärungsmaterial nur schwer zu erreichen. Vor wenigen Jahren lag ihr Anteil an den Neuinfektionen gerade erst bei vier Prozent. Zurückgegangen ist in den vergangenen Jahren hingegen der Anteil der Drogenabhängigen auf nunmehr neun Prozent der Neuinfektionen. Relativ konstant geblieben ist mit 18 Prozent die Zahl derer, die sich durch heterosexuelle Kontakte infizierten.

Die heutige Jugend hat den Aids-Schock nicht miterlebt

Die neue Sorglosigkeit beim Sex hat mehrere Ursachen, außer bei Schwulen grassiert sie vor allem bei Jugendlichen. Einer der Gründe ist, dass die Jugendlichen von heute den Aids-Schock der achtziger Jahre nicht erlebt haben. Auch die junge Generation der Schwulen kennt nicht mehr die ausgemergelten, dahinsiechenden Sterbenden der frühen Jahre der Epidemie. Das Bewusstsein muss nun immer wieder neu geschärft werden. Aber das ist schwerer denn je. Seit 1987, als die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Kampagne "Gib Aids keine Chance" startete, habe die mediale "Angebotsfülle so zugenommen", sagt BZgA-Sprecherin Marita Völker-Albert, "dass Sie es gar nicht mehr schaffen, die Aufmerksamkeit auf dem bisherigen hohen Level zu halten". Zumal die finanziellen Mittel zusammengestrichen worden sind: Der Etat für die Anti-Aids-Kampagne, früher 50 Millionen Mark im Jahr, beträgt seit 1998 nur noch neun Millionen Euro. Zudem haben die öffentlich-rechtlichen Sender die Zahl der kostenlos ausgestrahlten Fernsehspots drastisch reduziert. Und viele Kommunen haben die Zuschüsse für die lokalen Aids-Beratungen gekürzt. Ein Drittel der Bevölkerung, so Völker-Albert, werde heute bereits nicht mehr mit Aids-Aufklärung erreicht.

So verblasst die Aids-Gefahr im öffentlichen Bewusstsein. Schlimmer noch: Die medizinischen Fortschritte, die heute ein Leben mit HIV ermöglichen wie mit einer chronischen Krankheit, beflügeln die Sorglosigkeit – nach dem Motto: Wenn ich es bekomme, kann ich es ja behandeln lassen. Dank verbesserter Therapiemöglichkeiten bricht die Krankheit bei immer weniger Infizierten aus. Seit 1995 sank die Zahl der Neuerkrankten kontinuierlich, auf etwa 700 Menschen im Jahr 2003. Rund 600 sterben jährlich an Aids; zu Beginn der Epidemie waren es noch etwa 2.000. So wächst die Zahl derer, die mit der Infektion, aber ohne Symptome leben. Manche von ihnen oder manche ihrer Partner glauben, die Medikamente hielten das Virus so in Schach, dass eine Ansteckung unmöglich sei – ein fataler Irrglaube.

Doch, ja, das Thema Aids sei bei ihm schon immer präsent gewesen – nur nicht in den entscheidenden Momenten, erzählt Jonas (Name geändert). Sein "erstes Mal" erlebte der junge Hamburger mit 15, ein Kondom hat er damals nicht benutzt, seine Freundin nahm die Pille, das reichte beiden. Heute ist Jonas 20 und um einige sexuelle Erfahrungen reicher. Kondome hat er immer noch nicht benutzt. So weit er das beurteilen könne, praktizierten das seine Freunde genauso, sagt er. Im entscheidenden Moment den Akt zu unterbrechen, ein Gummi aus der Packung zu fummeln, es überzustreifen – das empfindet er als extrem lusttötend. "Ohne Gummi ist es halt auch viel intensiver, viel echter."