Befreiung durch die Scheinehe – Sibel Kekilli und Birol Ünel als widerwilliges Paar in dem Film „Gegen die Wand“, der gerade den Goldenen Bären gewonnen hat

Foto: timebandits

Fatih Akin, Sohn türkischer Eltern, in Hamburg geboren, hat die Berlinale in letzter Minute zum deutschen Kinotriumph gemacht. Sein Film Gegen die Wand erzählt seine Liebesgeschichte mit einer Unbändigkeit und Direktheit, die wie ein Faustschlag in einen von zu vielen Kompromissfilmen geprägten Wettbewerb hineinfuhr. An Paaren, die sich wie Akins Figuren in Beziehungsexzessen und Selbstsuchen verlieren, hatte es dem Festival weiß Gott nicht gemangelt. Doch Gegen die Wand , dieser krude, sehnsüchtige, manchmal in melodramatischen Wendungen sich verlierende Film, muss auf die Jury wie die ehrliche Eckkneipe inmitten einer emotionslosen Bilderwüste gewirkt haben.

18 Jahre nach Reinhard Hauffs Stammheim ist Akins Film der erste deutsche Gewinner des Goldenen Bären, und die türkische Herkunft des Regisseurs verleiht dieser Jury-Entscheidung eine über den Film hinausgehende Bedeutung. Mit der großen Geste einer internationalen Auszeichnung verweist sie auch auf ein Migrantenkino, das Deutschland seit fast 20 Jahren als das Einwanderungsland abbildet, das es nicht sein will. Es ist ein Kino, das sich selbstbewusst zwischen den Welten bewegt und das nun mit Gegen die Wand zu einem wunderbar freien Blick auf die eigene community gelangt ist.

Tatsächlich besteht die große Stärke des Berlinale-Gewinners in der aufrichtigen, auf alle Political Correctness pfeifenden Frechheit, mit der Akin das deutschtürkische Milieu von Hamburg-Altona schildert. „Ich will ficken“, sagt seine Heldin, die junge Sibel, gleich zu Beginn, „und zwar nicht einen, sondern viele.“ Da ihr bei diesem Vorhaben die eigene türkische Familie mit ihren traditionellen Moralvorstellungen im Weg steht, geht sie eine Zweckehe ein. Ihr ebenfalls aus der Türkei stammender Scheinehemann, ein saufender, koksender Abstürzler namens Cahit, haust in einer bierdosenvermüllten Singlewohnung. Mit unverhohlener Lust spielt Birol Ünel das Klischee des fleißigen Gemüsehändlers von nebenan über den Haufen. „Warum fickt ihr eigentlich nicht eure Frauen?“, wird er beim Kartenspiel die Männer von Sibels Familie fragen, um deren scheinheilige Trennung von Bordellbesuchen und häuslichem Fortpflanzungsakt zu unterwandern. Überhaupt spricht dieser spätpunkige Outlaw kaum mehr Türkisch. Später, als er Sibel in Istanbul sucht, vertraut er sich erleichtert einem Taxifahrer an, der in München groß geworden ist.

Scorsese hat viel länger gebraucht

Vorbei die Zeiten, als Filme wie Tevfik Basers 40 qm Deutschland von der Isolation in der Fremde erzählten und den so genannten Gastarbeiter mit aufklärerischem Impetus als Opfer einer wirtschaftsorientierten Ausländerpolitik vorführten, die sich nicht um Integration scherte. Doch anders, als der Scheinwerferkegel des Berlinale-Gewinns und das von der internationalen Presse prompt geprägte Stichwort einer türkischen Erneuerung des deutschen Kinos glauben machen könnten, markiert Gegen die Wand nicht den Beginn, sondern den Fortgang einer Filmbewegung, die bereits Mitte der neunziger Jahre von den Filmhochschulen in die Kinos drängte. Von einer größeren Öffentlichkeit unbemerkt, ließen sich die Stoffe dieser deutschtürkischen Regisseurgeneration nicht mehr auf die Integrationsprobleme der Eltern reduzieren. Der Spagat zwischen familiärer Eingebundenheit und Großstadtsozialisation blieb zwar erhalten, rückte allerdings in den Hintergrund. Wild entschlossen stürmten die jungen Regisseure, zu denen auch Akin gehörte, auf die ästhetischen Mittel des Kinos zu und hauchten den verschiedensten Genres neues Leben ein, indem sie die Geschichten mit ihren eigenen Erlebniswelten unterfütterten.

„Scorsese und die anderen Italoamerikaner haben 70 Jahre gebraucht, bis sie anfingen, ihre Filme zu machen. Die Algerienfranzosen haben 30 Jahre für ihr cinéma beur gebraucht. Wir sind schneller. Wir legen jetzt schon los“, verkündete Akin 1998, als sein Spielfilmdebut kurz und schmerzlos in die deutschen Kinos kam. Schon damals setzte er seine Geschichte über die brüderliche Freundschaft zwischen einem Türken, einem Serben und einem Griechen vor der eigenen Haustür in Hamburg-Altona zusammen. Zwischen Rotlichtkneipen, türkischen Sofas und serbischen Hochzeiten entstand das lebendige Bild eines Stadtteils, seiner Kleingangster, Luden und Kiezgrößen.

Fast zeitgleich mit Akins Regiedebut begann sein Kollege Thomas Arslan mit einer Trilogie von Berlin-Filmen, die sich mit wunderbarer Gelassenheit auf den Lebensrhythmus ihrer Helden einlassen. Komplizenhaft folgt die Kamera etwa in Geschwister den Brüdern Erol und Ahmed auf ihren Wegen durch Berlin-Kreuzberg. Gerade durch die konsequente Konzentration auf die Sicht der Kids werden die Gänge durch den Kiez zum Ausdruck eines nicht mehr als deutsch, türkisch oder deutschtürkisch definierbaren, „cruisenden“ Lebensgefühls. Ganz selbstverständlich wird das gemeinsame Flanieren zur Freundschaftsversicherung und zur symbolischen Inbesitznahme eines Terrains.