Musikhochschulen Freude fremder Götterfunken
Die Besten aus aller Welt kommen nach Deutschland– für die meisten unserer Universitäten ist es noch Wunschdenken, für die Musikhochschulen längst Realität
Yu Kosuge gehört zu der Kategorie von Musikern, die der Klassikbetrieb gemeinhin „Wunderkinder“ nennt: Die 20-jährige Pianistin absolviert 50 Auftritte pro Jahr, solo und mit Orchester, in Konzerthäusern rund um den Erdball. Ihre im vergangenen Sommer bei Sony veröffentlichte CD-Aufnahme von Franz Liszts Etüden erhielt ausgezeichnete Kritiken in der Fachpresse.
Kosuge stammt aus Japan, hat ihr Handwerk aber in Deutschland erlernt. Nach einem Auftritt bei einem Preisträgerkonzert von „Jugend musiziert“ in der Kölner Philharmonie 1992 und weiteren Gastspielen entschloss sich die junge Pianistin, in der Bundesrepublik zu bleiben. Damals war sie neun Jahre alt. Kosuge besuchte eine allgemeinbildende Schule, lernte Deutsch und nahm nebenbei Klavierunterricht als Jungstudentin an der Musikhochschule Hannover.
Wie Kosuge pilgern Tausende Nachwuchsmusiker aus Fernost, Russland und Osteuropa nach Deutschland, um sich hier ausbilden zu lassen. Während der Ausländeranteil an den deutschen Universitäten im Wintersemester 2002/03 durchschnittlich bei zwölf Prozent lag, war er in Studiengängen für Musikberufe mehr als doppelt so hoch. Für die 24 Musikhochschulen fällt die Zahl noch eindrucksvoller aus: 35 Prozent der Studierenden kommen dort mittlerweile aus dem Ausland, mehr als je zuvor. Einzelne Musikhochschulen, etwa Freiburg, Köln oder Trossingen, nähern sich der 50-Prozent-Marke, die Hochschule in Detmold hat sie bereits überschritten. Besonders groß ist der Andrang von ausländischen Studenten in der Instrumental- und Gesangsausbildung und im Fach Komposition. „Wir können uns vor Bewerbern kaum retten“, sagt Pamela Steiner, Sprecherin der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.
Die Gründe für die Beliebtheit sind zunächst leicht auszumachen: Sie heißen Bach, Brahms oder Beethoven. Deutschsprachige Komponisten dominieren neben anderen europäischen Klassikern das Repertoire im internationalen Konzertbetrieb, junge Musiker möchten es in dem Land erlernen, in dem die Meister einst lebten. Gerade in asiatischen Ländern erfährt Deutschland eine fast mystische Verehrung. „Deutschland ist das Ursprungsland der Musik“, sagt die 24-jährige Koreanerin Bona Yang, die in Hamburg Fagott studiert. „Mein Traum war es immer, in einem deutschen Orchester zu spielen“, sagt der japanische Posaunist Takashi Aoki, 27. Wie ein gutes Orchester das Repertoire interpretiere, könne er sich in Hamburg regelmäßig anhören, für fünf Euro mit dem Studentenausweis. „In Japan müsste ich für einen Platz im Konzert 30 oder 40 Euro bezahlen.“
Die Qualität entscheidet, nicht die Nationalität
Doch die Wertschätzung geht über große Namen und das subventionierte Kulturleben hinaus: Ein Musikstudium „made in Germany“ gilt international als Gütesiegel. „Wir haben in der Musik einen Ruf, den sich andere Fächer nur wünschen können“, sagt Hermann Rauhe, Präsident der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. „Deutschland ist die Nummer eins.“ Viele Ausländer kämen mit einem Bachelor aus Seoul oder Moskau nach Deutschland, um ein Diplom oder ein Konzertexamen, den höchsten Abschluss, draufzusatteln. „Den letzten Schliff holen sie sich bei uns.“
Meist habe sich der Nachwuchs aus dem Ausland schon einen bestimmten deutschen Lehrer auserkoren, berichtet Marina Steinmann, die beim Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) die Musikerauswahl leitet. „Das läuft über Mundpropaganda zwischen Musikern oder durch Empfehlungen von ausländischen Professoren.“
Deutsche Universitäten als Exportschlager: An führenden Musikhochschulen ist dieser Wunschtraum Wirklichkeit. Diese „Erfolgsstory“ gründet auch darauf, dass Musikhochschulen längst praktizieren, was in der allgemeinen Hochschuldiskussion noch als mögliches Heilmittel gehandelt wird: Sie suchen sich ihre Elite selbst aus. „Wir nehmen nur die Allerbesten“, sagt Rauhe. Im letzten Aufnahmeverfahren schafften nur vier von 160 Bewerbern die Prüfung im Fach Klavier. „Wer einmal die Eingangshürde genommen hat, bleibt auch dabei“, sagt Patrick Dinslage, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen. Die Abbrecherzahlen sind niedrig: „Ein Schwund wie in anderen Fächern ist an Musikhochschulen undenkbar.“
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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