Der 1998 verstorbene Künstler Dieter Roth liebte Kunst mit eingebautem Verfallsdatum. Er mischte seinen Objekten Zucker, Schokolade, Salamischeiben, Jogurt oder Käse bei. Sie sollten die Dimension der Zeit in seine Kunst integrieren und ihr Fortschreiten sichtbar machen. Irgendwann würden die Werke das Zeitliche segnen und in einen anderen Aggregatzustand übergehen. In einem solchen transitorischen Übergang befindet sich nun das bedeutendste Gesamtkunstwerk Roths. Während ab März die Retrospektive Roth-Zeit in New York (nach Stationen in Basel und Köln) den Höhepunkt seiner posthumen Anerkennung markiert, wird in Hamburg das Schimmelmuseum dem Erdboden gleichgemacht. Einzelne Teile aus dem genialischen Chaos sollen herausgelöst in ein neu gebautes Roth-Museum umziehen. Eine "Katastrophe", sagt der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Uwe M. Schneede.

Seit dem Beginn der neunziger Jahre lag das "Zucker-Schoko-Schimmelreich" (Kunstmagazin art) nahe der Außenalster in einer Remise – zunächst im Verborgenen, seit 1999 auf Anmeldung hin öffentlich zugänglich. Das zweistöckige Gebäude war Labor und Inszenierungsort zugleich, mit einem zentralen, teils in sich zusammenfallenden Turm mit Hunderten von Selbstporträts und Löwenbüsten aus Zucker. Man stapfte über erstarrte Schokolade am Boden, die aus den großen Töpfen übergekocht war, bei warmen Temperaturen umschwirrt von Insekten, die den Verwesungsprozess im Raum, an den Wänden und der Decke bis in den kleinsten Winkel lebendig hielten.

Das International Council of Monuments and Sites (Icomos) deklarierte diesen Ort in der Publikation Heritage at Risk (K. G. Saur Verlag, 2002/03) als im höchsten Maße schützens- und erhaltenswert. Nun demontiert eine Rohrschneide-Firma mit schwerem Gerät das Ensemble. Die konservatorische Rettungsaktion, die hier im Gange ist, sieht aus wie eine Abrissaktion. Bei der bevorstehenden Demolierung des Gebäudes sollen die herausgesägten, von Roth als Bildwerke gerahmten und restauratorisch behandelten Mauerstücke aus der Remise gehoben werden, eines ist schon im Vorfeld zu Bruch gegangen. Was aus kunsthistorischer Sicht ein Frevel zu sein scheint, bezeichnet Björn Roth, der den Nachlass betreuende Sohn des Künstlers, jedoch als werkimmanent. "Man muss akzeptieren, dass Dieter Roth seine Arbeiten immer ihrem eigenen Schicksal überantwortete. Der Abbruch des Schimmelmuseums hätte ihn zwar geschmerzt, aber auch herausgefordert, aus den Bruchstücken etwas Neues zu machen."

Von Anfang an, so Björn Roth, "war das Schimmelmuseum ein Projekt auf Zeit, allerdings konnte man damals nicht ahnen, dass so etwas Wunderbares entstehen würde." Möglich gemacht hat es der Hamburger Rechtsanwalt Philipp Buse. Er baute die weltweit bedeutendste Sammlung des Künstlers auf, mutete es seinen Klienten zu, dass ihnen im Sitzungssaal seiner Kanzlei die Motten um die Ohren flogen, die sich in den Werken des Künstlers eingenistet hatten, und gründete die Dieter Roth Foundation sowie ein Archiv mit einem eigenen Kurator. Den Wunsch, ein Museum zu bauen, stellte er zurück, als sich der Künstler für die Remise begeisterte. Die temporäre Öffnung des eigenwilligen, sich selbst verzehrenden gigantischen Kosmos ließ sich jedoch nicht wie ein Museumbetrieb führen, zu fragil waren Statik und Inhalt. Ein Überbauungsplan, der auch dem langjährigen Kölner Roth-Galeristen Heinz Holtmann als Lösung gefallen hätte, scheiterte an den städtischen Behörden. Ein zweiter genehmigungsfähiger Entwurf hätte umfangreiche Eingriffe im Inneren der Remise ohne Garantie auf Stabilität bedeutet, so der Kurator der Foundation, Dirk Dobke. Er kann den nun in der Szene ausgebrochenen Aufruhr gut verstehen. Aber er hält die Vorstellungen der Roth-Bewunderer, das Werk im großbürgerlichen Stadtteil Pöseldorf lieber einem absehbaren Kollaps zu überantworten, für eine "romantische Vorstellung, weit entfernt von der Realität".

Hier geht es um die zentralen Widersprüche im modernen Werkverständnis, um den Erhalt von Werten zugunsten von Werkvernichtung, um die Diskrepanz zwischen privaten Interessen und öffentlichen Aufgaben (schließlich hatte keine Kulturbehörde das Projekt je unterstützt) und um die Toleranz gegenüber der Kunst in ihrer unbequemen Form. Tatsache ist, dass das Schimmelmuseum zerschlagen wird, Romantiker können im Internet unter www.schimmelmuseum.de einen keimfreien virtuellen Rundgang machen. Welchen neuen, möglicherweise aseptischen Aggregatzustand das Werk Dieter Roths im neuen Museum annimmt, muss man abwarten.