"Glück gehabt" sollte diese Autobiografie eigentlich heißen, die Reinhard Baumgart am 30. Juni 2003 im Garten seines Hauses am Gardasee abgeschlossen hat, um nach vollendeter Arbeit aus heiterem Himmel zu erkranken und Stunden später zu sterben: nur wenige Tage vor jenem 7. Juli, an dem Mutter Baumgart in Lissa bei Breslau vor 74 Jahren nach glücklich überstandener Geburt die Kirchenglocken läuten hörte.

Ein Leben in Deutschland soll dieses Buch erzählen. Nicht nur Mein Leben – das war der Titel der Autobiografie des mächtigen Gegenspielers in der nachkriegsdeutschen Literaturkritik –, sondern ein exemplarisches, ein typisch deutsches Leben. Marcel Reich-Ranicki, der von Baumgart aus unerfindlichen Gründen immer nur "der polnische Emigrant" genannt wird und dem eine Scheu vorm Generellen sonst nicht nachgesagt werden kann, gab sich bescheidener. Und doch ist etwas dran an der kühnen Behauptung, etwas Grundsätzliches über diese allererste Nachkriegsgeneration erzählen zu können, insbesondere über den legendären Jahrgang 1929, der erste, der nicht mehr in den letzten Kriegsmonaten verheizt, und der letzte, der zum wehrlosen Objekt nationalsozialistischer Erziehungsdiktatur wurde. Habermas, Enzensberger, Rühmkorf, Kempowski, Dahrendorf und Baumgart sind 29er, allesamt, wie Baumgart findet, "verspätete Jünglinge", auf geglückte Weise unreif, unmännlich, unangepasst, dauerhaft adoleszent und innerlich beweglich – professionelle Antihelden, jeder auf seine Weise ein Heinz Rühmann des Kulturbetriebs.

An ihm, dem großen kleinen Rühmann, gesteht Baumgart, habe er sich früh ein Beispiel genommen, den "nölig frischen" Rühmann-Singsang habe er fast perfekt nachspielen können. Rühmann, stets "ein bißchen melancholisch, doch nie ernsthaft beschädigt", hat Reinhard Baumgart und mit ihm der ersten bundesdeutschen Generation intellektueller Aus- und Aufsteiger den Weg gewiesen. Früh schon, erzählt Baumgart, habe er sich in der Kunst eines "entschlossenen Sowohl-als-auch" geübt, die ihn später als Kritiker und Essayisten so unverwechselbar machen sollte. So mag es auch an jener früh eingeübten "Unbelangbarkeit und Geistesabwesenheit" gelegen haben, dass das 60 Kilometer "nahe, ferne Auschwitz" den Knaben in Chorzow, respektive Königshütte, wohin der Vater versetzt wurde, zu keiner Nachfrage herausforderte. Der junge Baumgart las indessen das Nibelungenlied und Gottfried Keller – "Lesen half immer". Er glühte im Theater für Maria Stuart und debütierte, kurz nach dem wie durch ein Wunder überlebten Bombenangriff auf Dresden, mit einem Renaissancestück in Jamben.

Beherzt und entwaffnend freizügig, wie nur Baumgart es vermag, nennt er solche Herzlosigkeiten im sicheren Abseits der deutschen Literatur beim Namen, beschönigt und entschuldigt nichts, beschreibt rückhaltlos jenen lesewütigen Knaben, dem die "Zeitverhältnisse nur undeutlich widerstrebten", und macht doch mit dem erfahrenen Widerspruch zwischen deutscher Kultur und deutscher Barbarei seinen Frieden – kampf- und krampflos, in geübter Eleganz und mit Hilfe einer modernen belletristischen Dialektik, die Gegensätze nicht auflöst, sondern aushält.

Auffällig lange verweilt Baumgart in jenen ersten zwei Lebensjahrzehnten, memoriert die lange Ahnenreihe, die über Lucas Cranach bis zu Karl dem Großen hinabreicht, lässt Onkel, Tanten, Großväter und Dienstboten, Nachbarn, Schulmeister Revue passieren, berichtet ausführlich von der Flucht der Familie in den Westen in einem Opel Olympia, Modell 1940, freut sich noch einmal über ein Festessen im Frühjahr 45 in Feucht bei Nürnberg, wo der letzte Nachschubzug auf dem Weg zum Obersalzberg geplündert wurde und die Darbenden mit Rotwein, Pastete und Kavier versorgte.

Ein wenig ungeduldig wartet man auf das, was man sich von diesem Buch in der Hauptsache erwartet: die Geschichte eines begnadeten Kritikers, einen intimen Rückblick auf die westeuropäische Nachkriegsliteratur, die Berichte aus der Kindheit des deutschen Literaturbetriebs, in dem Reinhard Baumgart wie niemand sonst beinahe jede denkbare Rolle probiert hat. Was war das Geheimnis dieser Vielfalt, dieses "in so viele kurze Karrieren zersplitterten Lebens", in dem Baumgart Lektor, Schriftsteller, Drehbuchschreiber, Verbandsfunktionär, Schaupieler, Kritiker, Professor und Privatier war? Zum einen mögen es die sieben Jahreszyklen sein, die sein Leben rhythmisiert haben, zum anderen mag seine Vielfachbegabung und ein klein wenig auch die Kühlschiffflotte des Hamburger Schwiegervaters daran schuld sein, die die junge Familie Baumgart aller irdischen Sorgen enthob. Etwas Luxuriöses geht aus von diesem breiten Repertoire eines unabhängigen Intellektuellen, der merkwürdigerweise seine im Nachhinein bedeutendste Rolle als Literaturkritiker und Essayist stets für eine Nebenbeschäftigung hielt.

Die Begegnungen mit den Helden der bundesrepublikanischen Hochkultur jedenfalls, mit den Freunden Martin Walser und Jürgen Habermas, mit Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson, gehen über das besonnt Anekdotische selten hinaus. Erheitert nimmt man zur Kenntnis, wie Unseld sich am Sylter Strand die Badehose vom Leibe riss, um mit einem nackt lustwandelnden Autor von Gleich zu Gleich in Verhandlung zu treten. Man trauert ein wenig um die Küsse, die der junge Piper-Lektor mit Ingeborg Bachmann nach durchgearbeiteten Nächten dann doch nicht getauscht hat. Und wundert sich über den kindischen Zwist, der den Autor ums Haar in eine Prügelei mit Jürgen Habermas verwickelt haben soll. Die großen Leidenschaften, die späte Liebe zu Richard Wagner, die stille zu Beckett und Camus, die späte Rückkehr des Erzählers Baumgart, die Krisen und Euphorien des Lebens, das alles bleibt in heiterer Schwebe, in der "fernen Nähe" der Andeutung, der geistreichen "Unbelangbarkeit", die niemand besser gekannt und durchschaut hat als Reinhard Baumgart selbst. Die Welt wollte er nicht gewinnen, wohl aber seine Seele, schreibt er. Dafür war die Emigration in den Gleichmut kein zu hoher Preis. Er hat bis zuletzt: Glück gehabt.