Roman Guter Schlaf

Dicke und dünne Romane und Frank Schätzings „Schwarm“

Es gibt Bücher, da will man nur wissen, wie es weitergeht, und der gierige Leser blättert heimlich vor zum Ausgang der unerhörten Geschichte. Er liest, so schnell er nur kann. Es gibt andere Bücher, deren Geschichte keineswegs unerhört ist und die auch keinen Ausgang haben. Man liest sie, weil ihre Sprache und ästhetische Form einen Raum für neue Gedanken, Wahrnehmungen, Gefühle öffnen, und der nachdenkliche Leser blättert zuweilen zurück. Er liest, so langsam er nur kann.

Frank Schätzings Roman Der Schwarm, der in diesen Tagen bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, ein tausend Seiten starker Öko-Krimi, ein Wissens-Wälzer und Weltuntergangstraktat, muss man schnell lesen, allein schon deshalb, weil man seinen Schlaf erst findet, wenn man über Stock und Stein und mit hängender Zunge ans Ziel gekommen ist.

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Danach aber schläft man gut, obwohl Millionen Menschen umgekommen sind und der amerikanische Präsident, verleitet von einer wahnsinnig gewordenen Sicherheitsberaterin (die Condoleezza Rice verzweifelt gleicht), fast das endgültige Ende der Welt, wie wir sie kennen, herbeigeführt hätte. Sie wäre dann vollends unter die Herrschaft einer submaritimen Intelligenz geraten, die Schwärme giftiger Quallen an die Strände schickt, friedliche Wale auf Touristenschiffe hetzt und Seebeben auslöst durch freigesetztes Methan.

Der Leser fragt nicht, wie das gehen soll, er staunt über die Wissensmasse aus Meeresbiologie, Schiffstechnik und Ozeanografie, die Frank Schätzing über die Seiten gießt, durchaus spannend aufbereitet wie in einem Geo- Heft, sodass am Ende jeder begreift: Diese körperlose, Billionen Einzeller koordinierende Intelligenzbestie am Meeresgrund ist die Verkörperung jener Mutter Natur, die sich nicht länger missachten und misshandeln lässt.

Romane zu lesen galt früher als geistes- und gesundheitsschädlich. Im Anton Reiser des Karl Philipp Moritz verbietet es der Vater dem Jungen – Grund genug, es dennoch zu tun. Wenn man Schmöker wie den Schwarm liest, hat man bald das Gefühl, sich leichtfertig davongemacht zu haben. Aber man sollte sich daran erinnern, dass Eskapismus der Ursprung des Lesens ist. Der fantasielos Tüchtige, der gänzlich zufrieden ist mit sich selber und seinem Gewerbe, braucht keine Romane.

Der Roman ist ein Raumschiff in eine andere Welt. Aber es gibt Unterschiede. Das eine Raumschiff hat ein definiertes Ziel, die Verköstigung an Bord ist üppig, das Personal hilfsbereit. Im anderen Raumschiff weiß man nicht, wohin die Reise geht, das Personal scheint mit sich selbst beschäftigt, die Verpflegung ist mager. Trau, schau, wem.

Es hat schon seinen Sinn, dass die einen Bücher, die man schnell liest, in der Regel dick und dass die anderen dünn sind. Die Größe des Leserisikos steht oft im umgekehrten Verhältnis zum Umfang. Was nicht für die Qualität des Schlafes gilt – wer schmökert, schläft besser. Wer aber Frank Schätzings Roman gelesen hat, der wird um jede Handbreit trockenen Bodens dankbar sein und Wasserbetten meiden.

 
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