Pakistan Ich oder das Chaos

Pakistans Präsident Musharraf spekuliert auf die Angst des Westens – doch ist sie begründet?

Zu neuen Höhen des Glücks / alle Hürden überwinden / immer höher fliegen / höher / es braucht einen Führer damit die Nation fliegt und fliegt / Danke, dass Sie uns neue Höhe gezeigt haben
Anzeige der Firma Eden Developers in der pakistanischen Zeitung Dawn , 15.02.04

Islamabad

Der Mann, dem hier gehuldigt wird, ist nicht Nordkoreas Kim Jong Il. Es ist General Pervez Musharraf, Präsident von Pakistan und nach Washingtons Diktion engster Verbündeter im Kampf gegen den Terror. Ein Freund des Westens.

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Warum soll Musharraf auch nicht gefeiert werden? Ein bisschen Persönlichkeitskult wird ihm gut tun. Immerhin muss der General sein Land jeden Tag retten, vor Isolation und Krieg, vor Zerfall und Radikalisierung. Er tut dies unter Lebensgefahr. Zweimal ist er in den vergangenen Monaten einem Anschlag entkommen. Die Brücke, an der die Bombe vom 25.Dezember 2003 hochging, liegt noch immer in Trümmern, nur wenige Kilometer von dem schwer bewachten Hauptquartier der Armee in Rawalpindi entfernt. Ein Schauer erfasste die Regierungskabinette des Westens angesichts dieses Attentats, denn dort ist man sich einig: Ist Musharraf weg, kommt das Chaos.

Das ist das Axiom der westlichen Politik gegenüber Pakistan. Aber stimmt es? Würde das Land ohne den General wirklich alsbald in die Hände islamistischer Fanatiker geraten? Könnte nicht blinde Unterstützung für Musharraf genau das Gegenteil bewirken, nämlich die Menschen in Pakistan dem Westen noch weiter entfremden?

Mit etwas Großzügigkeit lässt sich sagen, dass Musharraf sein Land dreimal vor großem Schaden bewahrt hat. Das erste Mal, als er 1999 den Ministerpräsidenten Nawas Scharif absetzte. Der Putsch war den Menschen willkommen, denn die Politiker hatten sich so sehr ineinander verbissen, dass sie das ganze Land blockierten. Dann kam Musharrafs zweite Stunde der Entscheidung, der 11. September 2001. Ohne Wenn und Aber stellte er sich an die Seite Washingtons und vollzog damit eine kopernikanische Wende. Er ließ die Taliban fallen, die immerhin auch Zöglinge Pakistans waren. Er distanzierte sich nach und nach von den extremistischen Organisationen, die der pakistanische Staat lange wohlwollend toleriert hatte. Schließlich stürzte Musharraf in diesen Wochen den Nationalhelden Qadir Khan vom Sockel, weil der sich als Dealer auf dem nuklearen Schwarzmarkt betätigt hatte. Khan hatte Pakistan einst die Atombombe verschafft und damit über Nacht den pakistanischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Indien beseitigt. Musharrafs Stoß gegen Qadir Khan war ein Stoß in das Herz der Nation. In kaum mehr als vier Jahren ein dreifacher Handstreich des Generals. War das alles zu viel? Woher droht ihm Gefahr, und was passiert, wenn er fällt?

Sicher scheint, dass nur ein Offizier sich die Bloßstellung Qadir Khans erlauben konnte. Ein Zivilist hätte all diese Kehrtwendungen im Amt nicht überstanden. „Musharraf konnte die Proliferationskrise erfolgreich handhaben, weil er die Uniform trägt“, sagt Idschas al-Haq von der Muslim League-Z. Er ist ein Mann, der die Macht der Militärs aus eigener Anschauung kennt. Er ist im Haus eines Generals aufgewachsen. Idschas al-Haq ist der Sohn des Militärherrschers Sia al-Haq, der das Land zwischen 1977 und 1988 mit eiserner Hand regierte. Sia hatte gegen die Zivilisten geputscht, auch dieser Umsturz war zunächst populär. Er versprach, die Macht binnen 90 Tagen wieder in die Hände der Politiker zu geben. Es wurden elf Jahre daraus.

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