terrorismus Wer impft den Pizzamann?
Amerikas Forscher rüsten gegen den Bioterror
Seattle
Wie gut ist der Westen gegen bioterroristische Angriffe gerüstet? Nicht gut genug. Das zeigte sich am vergangenen Wochenende in Seattle auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS). Speziell die Biostatistiker hatten dort ihren großen Auftritt, denn auf sie kommt es an, die Häufung verdächtiger Symptome bei Menschen, Tieren oder Pflanzen schnell und treffsicher zu bewerten.
Ira Longini von der Emory University in Atlanta beispielsweise modelliert bioterroristische Szenarien im Auftrag der Regierung. Vieles ist geheim, aber ein Beispiel darf er nennen: Wenn in einer Population von 48000 Menschen 500 durch einen Aerosolangriff mit Pockenviren infiziert sind, dann käme es nur zu 281 weiteren Infektionen – vorausgesetzt, die Leute gehen am ersten Tag nach dem Fieberausbruch ins Krankenhaus oder bleiben allein zu Hause. Verzögert sich diese Isolierung aber nur um zwei Tage, so werden 32000 infiziert. Die Ergebnisse sind übrigens weitgehend unabhängig von irgendeiner Impfstrategie, weshalb lediglich bestimmte Schlüsselpersonen geimpft werden sollten – „vor allem der Fahrer vom Pizzaservice“, sagt Longini. Kommt es jedoch zur massenhaften Infektion, hilft alles Eindämmen nichts mehr, und eine groß angelegte Impfkampagne muss beginnen.
Zeitiges Handeln entscheidet. In vielen Städten der Vereinigten Staaten gibt es deshalb Alarmprogramme. Sie werden mit Daten von Krankenhausbesuchen gefüttert; der Computer wertet sie aus, und irgendwann klingelt’s. Nur leider klingelt es zu oft, was Ressourcen am falschen Ort bindet. Oder die Alarmsysteme sind so unempfindlich, dass sie Attacken geringeren Ausmaßes nicht entdecken. Michael Soto, Medizinstatistiker der RAND Corporation, hat den Einsatz der gängigen, kommerziell vertriebenen Melde- und Auswertesysteme simuliert und meint, dass sie ihr Geld nicht wert seien; das New Yorker System kostet beispielsweise eine Million Dollar pro Jahr, ungerechnet der Kosten falscher Alarme. „Die Anthrax-Attacken von 2001“, sagt Soto, „hätte man damit nicht bemerkt, und in Grippezeiten entdecken Sie sowieso nichts, weil das statistische Rauschen dann zu stark ist.“
Gibt es Abhilfe? Man könnte die Daten von Praxisbesuchen einbeziehen. Zusätzlich ließen sich mit massenhaft verteilten Biosensoren Daten gewinnen, eine Technik, an der gearbeitet wird. Noch mehr verspricht man sich von Geografischen Informationssystemen (GIS), die Kartografie und räumliche Algorithmen kombinieren. Am wichtigsten dürfte freilich die Wachsamkeit des Arztes sein, der hellhörig wird, wenn sich in seiner Praxis bestimmte Symptome saisonunüblich häufen.
Amerika bereitet sich unterdessen auch auf Agrarterrorismus vor. Der würde zwar nicht Menschen, sondern Pflanzen und Tiere dahinraffen – dies aber mit gewaltiger Wirkung. „Die Maul- und Klauenseuche hat uns gelehrt“, warnt James Cook von der Washington State University, „dass eine einzige kranke Kuh einen ganzen Wirtschaftszweig ruinieren kann.“ Die britische Seuche von 2001 ist daher das Referenzereignis für die Abwehr des Agrarterrorismus, für den die Vereinigten Staaten aus geografischen Gründen ein leicht zu treffendes Ziel darstellen. David Franz, Fachmann für „Biodefense“ an der University of Alabama in Birmingham: „Unser Agrarsektor ist so strukturiert, dass sich Regionen auf bestimmte Produkte konzentrieren – wenn ein Pathogen irgendwo zuschlägt, könnte es daher auf einen Schlag einen Großteil des Vieh-, Schweine- oder Geflügelbestandes dahinraffen.“ Zweiter Schwachpunkt: Das Land weist weite, unkontrollierbare Flächen auf. Dazu kommt, drittens, die Globalisierung: Sechs Millionen Container landwirtschaftlicher Produkte landen jährlich in den USA an. „Allenfalls zwei Prozent davon“, sagt Franz, „werden von der Kontrolle der Biosicherheit erfasst.“
Angriffe auf die Pflanzenproduktion könnten Wirtschaft und politische Stabilität gefährden, fürchtet der Pflanzenphysiologe James Stack von der Kansas State University. Wie seine Kollegen von der Medizinfront arbeitet er für die Regierung an Methoden, frühzeitig Informationen zu erfassen, um daraus Entscheidungen abzuleiten. Wie die Veterinäre konstruieren auch die Pflanzenpathologen landesweite Systeme, die aus Kommunikationstechnik und vernetzten Mikroskopen, Modellen und Simulationen, Verfahrensregeln, Ausbildungs- und Trainingsplänen bestehen; Geografische Informationssysteme wiederum verrechnen Angaben über Umwelt- und Wetterbedingungen, Flora und Fauna, Verkehrswege oder Siedlungsformen.
Wer sich das alles anhört, kommt zu dem Schluss: Hier handelt es sich im Wortsinn um Gefechtsfelder – und aus Wissenschaftlern werden Kombattanten. Der Kampf gegen den Bioterror ist freilich nicht bloß ein amerikanisches Problem. So wenig, wie es der Terrorangriff auf das World Trade Center eines war, dem Menschen aus mehr als 80 Ländern zum Opfer fielen. Die mittelbaren Wirkungen – ökonomische, kulturelle – trafen den Westen als Ganzes und damit wäre auch nach einem bioterroristischen Angriff zu rechnen.
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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