Film Leere Mitte
Romuald Karmakars sparsamer neuer Film
Ein roter Vorhang, eine weiße Gardine, dahinter die Umrisse einer jungen Frau. So beginnt Romuald Karmakars Kammerspiel über eine Frau (Anne Ratte-Polle) mit unbestimmter Sehnsucht und ihren Mann (Frank Giering), einen erfolglosen Autor, der meist lesend herumliegt und ansonsten seinem Selbsthass zu entkommen versucht. Die Bühne ist eine typische Wohnung in Berlin-Mitte oder im Prenzlauer Berg. Sechziger-Jahre-Möbel, Ikea, Geerbtes. Rainald Goetz’ auf dem Sofa, ein Säugling im Markenkinderwagen in der Ecke.
Das Spiel dieses Paares ist ein staksiger Tanz um eine leere Mitte. In ihr lässt sich alles abstellen, was das Herz schwer macht: die verpassten Gelegenheiten und vertagten Veränderungen, das wortreiche Nichts und schließlich ein namenloser Säugling, den man leicht vergessen würde, behauptete er seine Existenz nicht gelegentlich mit missmutigen Lauten. Das Kind sieht keinem ähnlich – als stehe es für eine Zukunft, die mit der Vergangenheit nichts gemein haben will.
Romuald Karmakar hat es sich noch nie leicht gemacht. Ob er in Der Totmacher den Serienmörder Fritz Haarmann streng nach den Protokollen seiner Vernehmungen porträtiert, in Manila den Chor der hässlichen Deutschen dirigiert oder Manfred Zapatka im Himmler-Projekt drei Stunden lang die „Posener Rede“ von Heinrich Himmler vortragen lässt – nie würde Karmakar die Sperrigkeit des Wortlauts mit geschmeidigen Kino-Illusionismen absorbieren. Und so knarzt und ächzt auch die Sprache in seinem jüngsten Film (nach dem gleichnamigen Theaterstück des Norwegers Jon Fosse) wie ein Möbelpacker, der sich zu oft in den vierten Stock gemüht hat. Karmakar hat ihren artifiziellen Klang, ihre konstruierte Überhöhung und scharfkantige Rampenphonetik nicht abgeglichen mit dem Naturalismus all jener Kinogeschichten, die sich anstrengen, dem vermeintlich Echten auf den Mund zu schauen.
Fosses Dialoge sind schluckaufartige Wiederholungen von Befindlichkeiten: „Ich halte das nicht mehr aus. Ich schaff das nicht. Wir können so nicht weiter leben.“ Der erste Satz, der Anne Ratte-Polle aus dem Mund fällt. Sie wird ihn wieder aufheben, um ihn noch ein- oder zweimal folgenlos zu verlieren. Eine Weile staunt man über diese sprachlosen Geschöpfe. Über Karmakars feines Gespür für die Ironie, die das Leiden seiner Protagonisten in ihren Atempausen konterkariert. Man registriert die wechselhafte Tiefenschärfe des Gesprochenen und ihre unaufdringlichen Verlagerungen ins Bild. In seinen besten Momenten gelingen Karmakar mit diesem gewagten Cross-over aus theatralem Gestelze und filmischer Erdung wunderbare Tableaus über die Ökonomie der mittelständischen Depression. Etwa, wenn die Schwiegereltern auftauchen und ihre Gleichgültigkeit nur mit dürftigem Lächeln und kreuzhässlichen Babygeschenken kaschieren.
Doch Karmakar belässt es nicht dabei, und wie im Rabattrausch spart er ein, wo nichts mehr einzusparen ist. Die Einstellungen werden enger, die Wände rücken näher. Der Ausflug der Frau ins Nachtleben und die Eifersucht des Mannes addieren der Krise des Paares nichts mehr hinzu. Zwei ins Leere funkende Seelen. Eine große Tragödie vom falschen Leben im Prenzlauer Berg ergibt das noch nicht. Eher Anschauungsmaterial für die reine Sprechakttheorie.
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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