Katmandu

Maya hat nichts verkauft. Wieder nichts. "Zu wenig Touristen", sagt sie. Sie sagt es lächelnd, nicht klagend, aber ein wenig verzweifelt. Die zarte 24-jährige Frau aus dem Westen Nepals steht etwas ratlos auf dem Durbar Square, einer Art historischem Freilichtmuseum im Zentrum der Hauptstadt Katmandu. Seit dem späten Vormittag hat sie versucht, eines der kleinen Seidentäschchen, die sie in einer alten Plastiktüte bei sich trägt, loszuwerden.

Die Konkurrenz ist groß, und es kommen immer weniger Besucher. Zwar bietet Nepal nach wie vor eine einzigartige Naturkulisse, doch der Ruf ist ruiniert. Es ist der Mythos vom Shangri-La, das James Hilton in seinem Roman Der verlorene Horizont 1933 als ein Land beschrieb, in dem Mensch und Natur in spiritueller Eintracht harmonisieren. Ein Missverständnis von Anfang an.

Maya weiß, warum die Gäste ausbleiben. "Die Maoisten", murmelt sie und meint den bewaffneten Aufstand, der sich seit 1996 über das ganze Land ausbreitet. Die Maoisten haben Mayas Bruder getötet, einen Dorfpolizisten. Daraufhin ist die Familie in die Hauptstadt gezogen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Bevölkerung im Tal von Katmandu um 60 Prozent gewachsen. Hunderttausende Menschen sind innerhalb des Landes vor den Konflikten geflohen.

Katmandu, der alten Königsstadt mit ihren circa 800000 Einwohnern, droht der Kollaps. Wasser gibt es in Mayas Wohnviertel oft erst um zwei Uhr nachts. Dann steht sie mit den Nachbarn am einzigen Wasserhahn, weiß aber nicht, wie lange die Vorräte reichen müssen. Immerhin, sie fühlt sich sicher. Das ist wichtig. In der Hauptstadt machen martialisch auftretende Armeepatrouillen glauben, dass die Regierung zumindest hier die Lage im Griff hat. Gerade in diesen Tagen, neun Jahre nach dem Beginn des Aufstandes, rechnet sie mit neuen Anschlägen.

Auf dem Land sieht es anders aus. Dort regieren mehr und mehr die maoistischen Rebellen, etwa 5000 Kämpfer und 15000 Milizionäre. Seit dem Scheitern der jüngsten Friedensgespräche vor einem halben Jahr und dem Ende des Waffenstillstands hat es wieder Hunderte Tote gegeben. Erst Anfang dieser Woche starben im Westen Nepals fast 40 Menschen, unter ihnen drei Kinder.

Über 9000 Opfer seit dem Beginn des Konflikts im Jahr 1996 zählt Raj Pyakurel, Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Insec, in seinen akkuraten Statistiken. Zwei Drittel davon wurden von Regierungskräften getötet, der Rest von den Maoisten, die allerdings oft wesentlich grausamer vorgehen. Die meisten Toten sind Zivilisten. "Kein einziger Tourist", bemerkt Pyakurel ungefragt und mit schiefem Grinsen.

Dann holt er weit aus, um die Hintergründe des Konflikts zu erklären. Dabei geht es um "Familien- und Königsdiktaturen", die das Land über Jahrhunderte im Griff hatten. 1990 erzwang eine starke Volksbewegung unter dem Bündnis der Kommunistischen Partei Nepals und der Kongresspartei die Einführung einer parlamentarischen Demokratie mit einem konstitutionellen Monarchen. Doch die politische Kultur des Landes war auf diese Revolution nicht vorbereitet.