Porträt Die Frau, der man es zutraut
Courtney Love ist mit einem neuen Album zurück
A ls sie gerade mal wieder etwas Schlimmes angestellt hatte und es mal wieder nicht gut für sie ausging, meinte sie: „Ich muss bloß meinen Finger in die Luft strecken, schon bleibt Scheiße daran kleben.“
Es ist egal, ob dieser Satz wirklich von ihr stammt, es ist auch egal, ob sie sich wirklich im Februar 2002 beim Begräbnis von Joe Strummer von den Clash auf den Sarg geworfen hat und heruntergezerrt werden musste. Oder ob ihr Hund wirklich starb, nachdem er eines ihrer soeben wieder entfernten Brustimplantate gefressen hatte. Entscheidend ist, dass man all dies im Fall von Courtney Love mühelos für möglich hält. Sie ist die Frau, der man es zutraut. Verzweifelt zappelt sie in der kleinen Image-Box, in die man sie gesperrt hat, aber dabei erzeugt Courtney Love einen gewaltigen klaustrophobischen Lärm.
Ihr Comeback sollte im Oktober vergangenen Jahres seinen Anfang nehmen, aber leider gestattete sie sich kurz davor noch einmal in West-Hollywood unter Drogen eine kleine Randale. Deswegen kam ihr neues Album America’s Sweetheart (Virgin Music) erst jetzt heraus. Es ist ihr erstes Soloalbum – und nach Live Through This (1994), Celebrity Skin (1998) und ihrer legendären Rolle als Althea Leasure in Milos Formans Film Larry Flynt – Die nackte Wahrheit Courtney Loves erste wichtige künstlerische Äußerung seit sehr langer Zeit. Nicht einmal ihre Verächter haben je behauptet, sie sei eine schlechte Musikerin oder Schauspielerin. Auch America’s Sweetheart ist eine sehr, sehr gute CD: Grunge und Rock, mit Anleihen bei West Coast und beim Sechziger-Pop, parodistisch und doch ganz ernst gemeint und pathetisch. Es ist Neo-Klassik, für das dezente Headbanging ebenso geeignet wie für das indezente.
Kleines Promo-Malheur: Für die Oktoberausgabe des britischen Magazins i-D hatte der Starfotograf David Lachapelle bereits ein Shooting mit Courtney Love absolviert, das wegen einer angeblichen lesbischen Eskapade mit einem anderen Model am Set auch schon wieder Teil der Skandalchronik ist: Noch einmal, als wäre Wiederholungszwang am Werk, zeigen diese Fotos eine nicht mehr ganz junge Frau in ihrem bekannten „Kinderhuren-Look“, wie sie das nennt, mit den Korsagen und den zu kleinen Kleidern, den Netzstrümpfen und den Highheels, dem verwischten Lippenstift und dem verlaufenen Augen-Make-up.
Noch einmal also wird Courtney Love hier als Courtney Love inszeniert, diesmal in Designermode, die sich seit langem von ihr inspirieren lässt. Noch einmal: das Opfer, das Opfer ihrer Leidenschaften und Süchte, der Männer, mit denen sie sich bedauerlicherweise einließ, der Umstände, das all-american Sweetheart-Opfer eben. Und vermutlich trifft das Bild sogar zu.
Love, das wilde West-Coast-Groupie, hatte 1991 Kurt Cobain geheiratet. Drei Jahre später erschießt sich Cobain. Von diesem Tag an ist Courtney Love die Schwarze Witwe, die Verräterin des Grunge, die sich das Erbe greift, eine zweite Yoko Ono. Mit ihrer eigenen Band Hole macht sie weiter Musik, und das auch noch erfolgreich, und weil es um viel Geld geht, verwickelt sie die ehemaligen Bandmitglieder von Nirvana in Urheberrechtsprozesse, die von der Musikwirtschaft mit Argwohn verfolgt werden, denn sie könnten eines Tages die rechtliche Stellung der Künstler entscheidend verbessern. In Hollywood hat sie wenig Freunde. 1995 erleidet sie einen Zusammenbruch, danach erholt sie sich wieder, mit Hilfe eiserner Körper-Disziplin und plastischer Chirurgie. Sie kehrt als Filmstar zurück und versinkt wieder im Drogensumpf: grunge-to-glam-and-back.
Es widerstreiten zwei Bewegungen in ihrem Leben, die eine hat mit den Rollenmustern des Rock ’n’ Roll zu tun, mit Extase, Sex und Ruhm, mit Drogen, Schönheit und der ewigen Rebellion, mit der anderen Bewegung kamen der Tod herangerast, die Angst, das Versagen. Aber auch eine Tochter, der Wunsch nach Beruhigung und Familie, vor allem nach Würde. Love ist 39, und wenn sie jetzt in ihren Texten noch einmal den Inhalt der alten Rock-’n’-Roll-Schatulle auskramt, I got pills when I’m famous / I got pills when you’re old / I got pills coz I’m blonde / I got pills coz you’re dead, dann singt keine, die nach dem wilden Leben giert, sondern jemand, der sich schon durch Entziehungskuren von der Sucht nach dem wilden Leben befreien wollte, um nach wie vor mitten zwischen Abstürzen und Kicks festzustecken.
Verglichen mit anderen weiblichen Popstars wie Madonna, Christina Aguilera oder Pink, ist Courtney Love mit einem Mangel behaftet. Ihr ist der Ausweg in eine Vervielfältigung der Images und Rollen versperrt. Inzwischen hat sich diese Art Camouflage fast wie eine Norm durchgesetzt, als verpflichtender Modus weiblicher künstlerischer Freiheit, als stolze Überbietungsgeste in einer – zumindest, was die geschäftliche Seite anlangt – noch immer männlich beherrschten Welt des Pop. Die Frau mit den aufgequollenen, schrundigen Händen wirkt demgegenüber weder besonders sexy noch cool. Eher wie jemand, der die neue Zeit nicht erreicht hat.
Aber vielleicht ist das ja der Grund, warum man sie ernst nimmt. Wegen ihrer uncoolen Weiblichkeit, die schon vom Sex nach dem sexy Image gekostet hat. Einer ihrer Freunde sagte: „Rock ’n’ Roll tut so, als wäre er gefährlich, als wäre er ein Spiel mit Drogen, Sex und Tod. Aber Courtney Love ist das alles in Wirklichkeit. Sie war eine Drogensüchtige, und ihr Ehemann hat sich umgebracht. Wir tun, als zöge uns das an, aber wir haben viel zu viel Angst, dahin zu gehen, wo sie war.“
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie portraet
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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