Aids-Therapien Die List der Viren

Im Kampf gegen die weltweite Aids-Epidemie wird Ende Februar zum ersten Mal in Deutschland ein HIV-Impfstoff in einer klinischen Studie an Menschen getestet. 50 Probanden, zumeist Medizinstudenten, stehen dafür zur Verfügung. Nach Vorstellung der Forscher wird mit dem Impfstoff eine Immunantwort hervorgerufen, die vor Ansteckung mit HIV, vor allem in den Entwicklungsländern, schützen soll.

Weltweit leben mehr als 42 Millionen Menschen mit dem HI-Virus, davon die meisten in Afrika, Asien und Südamerika. Dort erkranken Menschen schnell am Vollbild Aids, weil sie oft noch andere Leiden und Mangelerkrankungen aufweisen. Nach einer Infektion dauert es in den Industrieländern durchschnittlich zehn Jahre, bis sich erste Symptome einstellen. Ziel einer Therapie ist es, den Beginn der Beschwerden hinauszuzögern. Obwohl der Aids-Erreger bereits 1983 beschrieben wurde, gibt es noch keine Therapie, mit der die Immunschwächekrankheit besiegt werden kann. Das liegt vor allem an der hohen Wandlungsfähigkeit des Virus.

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Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) gehört zur Gruppe der Retroviren. Sie dringen in menschliche Zellen ein und bringen den Zellzyklus durcheinander. Dabei wird das Erbgut des Virus mit Hilfe des Enzyms Reverse Transkriptase in DNA umgewandelt. Diese Verwandlung ist der entscheidende Trick, mit dem es den Viren gelingt, ihr Erbgut in das der Wirtszelle einzubauen. Diese hört fortan auf das Kommando der Eindringlinge und bildet neue HI-Viren. Besonders perfide an den HI-Viren ist, dass sie mit Vorliebe Zellen im Körper entern, die gerade auf ihre Bekämpfung spezialisiert sind. HIV vermehrt sich gern in aktivierten T4-Zellen, also in Schlüsselzellen der Immunabwehr.

Therapieversuche bei Aids-Kranken gab es bereits Ende der achtziger Jahre. Zidovudin, das unter den Namen AZT oder Retrovir bekannt wurde, war das erste Mittel aus der Gruppe der Reverse-Transkriptase-Inhibitoren. Diese Medikamente blockieren die Umwandlung des Virenerbguts, sodass es die Wirtszelle nicht mehr auf Zerstörung programmieren kann. Doch der Erfolg währt manchmal nur kurz. Denn die Viren übernehmen häufig die Steuerung der Wirtszelle, auch wenn sie medikamentös daran gehindert werden.

Gegenwärtig wird versucht, dem Virus noch auf andere Art den Garaus zu machen: Wird die innere Virusverpackung durch Proteasehemmer blockiert, können keine reifen Partikel entstehen und aus der Zelle geschleust werden. Diese Therapie kann, bei Zugabe von zwei Hemmstoffen der Reversen Transkriptase als Dreierkombination, das Überleben der Infizierten um durchschnittlich acht Jahre verlängern. Heute ist es deshalb keine Seltenheit mehr, wenn HIV-Patienten 20 Jahre nach der Ansteckung noch leben.

Die antiretrovirale Therapie geht mit teils erheblichen Nebenwirkungen wie Durchfall, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, aber auch Depressionen einher. Viele Infizierte schlucken mehr als ein Dutzend Pillen täglich. Sie müssen akribisch einen Zeitplan einhalten, da es wichtig ist, die Konzentration der Arzneien auf einem bestimmten Niveau zu halten.

Die Crux aller Therapien schließlich besteht darin, dass HI-Viren bisher immer einen Weg gefunden haben, sich trotz aller Hindernisse in den Zellen zu vermehren. Dazu gehört auch, dass sie sich manchmal wie Legastheniker verhalten. Bei der Vermehrung ihres Erbgutes passieren nämlich zahlreiche Übertragungsfehler. Dadurch entstehen neue genetische Varianten der Viren. Manche sind resistent gegen alle derzeit verfügbaren Behandlungen.

Besonders fatal kann es sein, wenn Infizierte, die behandelt werden, ungeschützten Sex haben. Weil die Virenmenge in ihrem Körper gesunken ist, glauben manche Patienten, dass sie weniger infektiös sind. Doch das Risiko einer Ansteckung bleibt. Wenn sie Viren weitergeben, sind diese nach diversen Behandlungen oft besonders zählebig und multiresistent. Gegen solche Erreger ist dann buchstäblich kein Kraut mehr gewachsen.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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  • Schlagworte Sozialpolitik | Südamerika | Virus | Therapie | HIV | Erbgut | Enzym | DNA | Afrika | Asien
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