aids Karneval, Sex und Tod
In Salvador da Bahia feiern die Menschen den ausgelassensten Straßenkarneval Brasiliens. Bei der großen Party ist Aids kein Thema, obwohl die Infektionsraten ständig steigen
Wer den erschreckenden Zusammenhang von Lebenslust, Sex, Aids und Tod erkennen will, muss an diesen Ort fahren: Salvador da Bahia in Brasilien. Nicht nur zum Karneval, aber am besten dann. Nach Salvador, und nicht zum Karneval von Rio de Janeiro. Dort geben die Sambaschulen ihre perfekten Shows ab, choreografiert und durchkomponiert bis zum letzten Hüftschwung, bunt, laut und aufregend, aber doch eher Bühnenspektakel und Millionengeschäft. Der Karneval von Salvador da Bahia ist ein echter Straßenkarneval, bei dem jeder mitmachen kann. Der größte der Welt. Sechs Tage und Nächte der Ekstase. Ein Fest des Vergessens, des Sichgehenlassens, der öffentlichen Massenkopulation.
„Bahia: major explosão de alegria“ – so werben grelle Plakate auch in den anderen Karnevalshochburgen Brasiliens, „Bahia, die größte Explosion der Lust“. In der ehemaligen Kolonialhauptstadt der Portugiesen an der Baía de Todos os Santos, der „Bucht der Allerheiligen“, beginnt diese Explosion am Donnerstagabend vor Aschermittwoch. Der Bürgermeister übergibt den Stadtschlüssel an den dicken Rei Momo, den Karnevalskönig. Dann strömen anderthalb Millionen Menschen durch die Straßen – bis zum Morgen. Niemand scheint mehr zu schlafen. Schon bald am nächsten Vormittag beginnt der Reigen aufs Neue. Und Sonnabend wieder. Und Sonntag. Auch Montag. Am fetten Dienstag sowieso. Selbst am Aschermittwoch wird noch weitergefeiert.
19 Kilometer Straße werden für den Hauptzug entlang der Uferpromenade und durch die Innenstadt abgesperrt. Ein zweiter Zug wälzt sich durch die engen Gassen des Altstadtviertels Pelourinho. Nur wenige Menschen kommen kostümiert. Dazu ist es zu heiß. Dazu fehlt das Geld. Deswegen fallen die Blocos de Trio mit jeweils einigen tausend Mitgliedern besonders auf. Auf den ersten Blick scheinen sie den Karneval zu dominieren, wegen der gleichförmigen Uniformen, die sie tragen. Die Blocos de Trio sind die Vereine der hellhäutigen weißen Oberschicht. Viel größer, aber nicht so homogen, sind die Blocos Afros, die Blocks der Schwarzen, der dunkelhäutigen armen Unterschicht. Die Nachfahren der Sklaven bilden die große Mehrheit in Bahia. In der Millionenstadt Salvador sind neun von zehn Menschen farbig. Ihre Idole sind Nelson Mandela, Malcom X und Bob Marley. Ihre Musik schafft den Rhythmus des Karnevals: Samba-Reggae, eine Mischung brasilianischer und karibischer Stile, wobei der Samba nichts anderes ist als eine Kreuzung portugiesischer Fados mit westafrikanischem Bänkelsang.
Die Sambas von Salvador sind oft durch und durch politisch, thematisieren den scharfen, immer nahe an der Grenze zum Gewaltausbruch schwelenden Konflikt zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich, zwischen Sklavenhütte und Herrenhaus. 1997 wählte Olodum, die berühmteste Band von Salvador, ihren Samba-Reggae „Mundo Cão, Hundewelt, zum Leitmotiv für den Karneval in der Stadt, die sie „Roma Negra“ nennen, das schwarze Rom. Das Lied, bis heute populär und aktuell, ist ein verzweifelter Aufschrei gegen die Oberschicht: „Die Hänge rutschen / Alles stürzt ein / Langsam stirbt das Volk / Niemand kümmert’s / … / Du bezahlst die Steuern / Sie essen alles auf / Was für ein Land ist das / … / Ein Land der Hunde.“
Vor dem Mercado Modelo, dem Alten Zollhaus in der Unterstadt von Salvador, verkauft der steinalte Meistersänger José João dos Santos einige Texte der 300 von ihm komponierten Lieder. Eines heißt Camisinhas para Todos – Präservative für alle. Es ist ein Aufklärungslied, dessen trauriger Text der allgemeinen Sorglosigkeit Hohn spricht. Er beginnt mit der bezeichnenderweise untertreibenden Zeile „Aids ist eine Belästigung“ und endet mit der düsteren und treffenden Voraussage „Die Armen werden leiden“.
Die meisten Karnevalsgruppen von Salvador halten es mit der westafrikanischen religiösen Tradition des Candomblé. Deren Götter, die Orixás, wurden, da die Kulte in der Sklaverei und lange danach verboten waren, von den Afrikanern in die katholischen Riten hineingeschmuggelt. Die Nachfahren der Sklaven huldigen nur zum Schein den Heiligen der katholischen Kirche. In Wirklichkeit haben sie jedem von diesen einen ihrer Orixás zugeordnet. Aber anders als die Heiligen geben die Orixás keine Moral vor. Sie kennen keine Sünde, nur gute Kräfte und böse Kräfte. Liebe und Lust sind gute Kräfte. Sex ist eine gute Kraft. Und oraler oder analer Sex ist für die Anhänger des Candomblé nicht einmal Sex, nur Spaß, wiewohl auch eine gute Kraft. Aids ist eine böse Kraft. Aber keine Strafe für sündiges Verhalten.
Der Karneval von Salvador da Bahia erlebt in diesen Tagen wieder eine seiner Explosionen der Lust, sechs Tage und Nächte Sinnesfreuden und Leichtsinn. Aufgepeitscht werden Blocos und die vielen einfach nur so Mitgerissenen, die, wenn sie überhaupt einen Sinn im Leben sehen, dann in der amoralischen Triebhaftigkeit des Candomblé, durch die Musik aus den Trios Elétricos. Die Trios sind die Umzugswagen, fahrbare Bühnen, auf Sattelschleppern mit Umkleidekabinen und Bars, ausgestattet mit 100000 Watt starken Anlagen. Allein die schiere Schallkraft der überdimensionalen Boxen versetzt die Masse in Zuckungen. Was im Rheinland die Süßigkeiten, sind hier die camisin has. Jeder der Wagen führt Eimer voller Präservative mit sich. Es regnet Kondome zum Karneval.
Nur mit Mühe kann die Polizei den Menschenfluss im vorgeschriebenen Bett halten. Wenn er zu weit über die Ufer, also von den Avenuen in die Seitenstraßen, von den Promenaden zu den Zuschauertribünen strömt, prügeln die Polizisten wild, aber doch nach einem gewissen Muster drauflos, nach einem rassistischen Muster: Je dunkler die Haut, desto schlimmer die Stockschläge.
Wer mitten im Zug ist, kommt aus dem Gedränge nicht mehr heraus. Die prunkvollen, mitunter ganz in Gold ausgeschlagenen Kirchen der portugiesischen Kolonisatoren sind verriegelt und verrammelt. Denn, wie ein Padre weiß: „Die treiben es doch im Stehen auf der Straße, und sie würden es auf unseren Kirchenbänken tun.“ Der orgiastische Fluss ist gesäumt von camarotes, teuer zu bezahlenden Logen der Oberklasse, camarotes auf Tribünen, in Hotels und eigens dafür vermieteten Privatwohnungen. Hier werden kühle Getränke und deftige Speisen gereicht. In Diskotheken geht die Party dann weiter, wenn draußen zwischen zwei Trios der Lärm einen Moment lang verebbt. Die camarotes werden von bewaffneten Sicherheitsleuten geschützt.
Der Freitag ist in Brasilien der Tag der Geliebten
Die Menschen schieben sich, hunderttausendfach im Trancezustand, Haut an Haut über den glühenden Asphalt. Sie tanzen und pressen ihre Geschlechtsteile an die Rundungen der Mittänzer. In der einen Hand halten sie die Bierdose oder die Caipirinha. Die andere Hand fährt über den Körper des Nächsten – tastend, nach dessen Genitalien oder dem Geldbeutel. Schon am ersten Tag schwimmt ein anderer Fluss, der aus Urin und Kot, mit gebrauchten Präservativen zwischen weggeworfenen Bierdosen, durch die Straßen.
Im ausweglosen Gedränge auf den Straßen wird gerempelt, getrampelt und achtlos auf Schnapsleichen getreten. Dort, wo der Zug über die Uferpromenade geht, gibt es einen Weg ins Freie: zum Strand. In der Brandung ertrinken Dutzende, die sich zur Abkühlung in den rauen Atlantik stürzen. Andere sterben durch Messerstiche oder Pistolenschüsse. Sie haben den Fehler gemacht, hinter einer scheinbar aufmunternden Geste die rasende Eifersucht nicht zu sehen. Wieder andere werden erst Jahre später ihr Ende finden, jene, die das Präservativ im Suff dann doch vergessen haben oder es einfach nicht mögen und an einen HIV-Infizierten geraten sind. Sex ist schnell zu haben, Lust immer da. Aus der Sicht eines Europäers erscheint die Leichtsinnigkeit so exotisch wie unvernünftig.
Rainer Ernst ist Architekt und Städteplaner aus Berlin. Er leitet die Kunsthochschule in Weißensee. In Salvador hat er über Jahre hinweg bei der Restaurierung des von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Altstadtviertels Pelourinho geholfen. Er hat die Sozialstrukturen von Städten in Asien, Afrika und Lateinamerika studiert. Im Pelourinho wollte er dazu beitragen, dass die Sanierung nicht zur Vertreibung der alteingesessenen Bevölkerung führt. Es ist ihm nicht gelungen. Die meisten Familien wurden einfach in andere Elendsviertel, in die Favelas außerhalb des Stadtzentrums verfrachtet, um Raum für Restaurants und Souvenirshops zu schaffen. Die Häuser wurden brutal mit Farbe und Beton renoviert: außen bunt, innen leer. Plastische Chirurgie am kolonialen Erbe.
Zwei Familien sind in dem von Ernst betreuten Gebäuden übrig geblieben. Es sind die für die schwarze Bevölkerung typischen Matriarchate. Drei Generationen von Frauen und Kindern, zehn, fünfzehn Menschen, lebten in zwei Zimmern. Jetzt betreiben sie Gastwirtschaften. Ihre Männer, wenn sie sie überhaupt kennen, kehren nur gelegentlich von der Wanderschaft, von der Arbeitssuche auf den Plantagen und in den Minen zurück, wo sie schuften und hausen wie einst ihre Vorfahren, die Sklaven. Zum Karneval kommen sie, zur „größten Explosion der Lust“ – und zum größten sich in Gewalt entladenden Frust. Professor Ernst, von der Lebensfreude immer noch angezogen, von der Morbidität immer noch erschreckt, hat etliche Karnevals in Salvador mitgemacht. „Er ist das größte Stadtfest des Sex und des Todes der Welt.“
Man könnte vermuten, Karneval, Sex und Leichtsinn ließen auch die Aids-Rate zur größten der Welt werden. Wenn Brasiliens Aids-Politik nicht so vorbildlich wäre. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Vereinten Nationen loben die Brasilianer seit geraumer Zeit regelmäßig. Wenn die WHO Berichte über neue, beunruhigende Entwicklungen bei der Verbreitung des HI-Virus herausgibt, wird das Riesenland am Amazonas kaum noch erwähnt. Botsuana und Swasiland mit bald vierzig Prozent Infizierten stehen auf den Listen der Risikogebiete ganz oben. Südafrikas Zahlen überragen wegen der sehr viel größeren Bevölkerung die der anderen Staaten südlich der Sahara um ein Vielfaches. Über Brasilien aber heißt es im letzten Bericht der UN: „Eine relative Stabilisierung von Aids-Fällen ist seit 1997 zu beobachten.“ Die Weltbank hatte vorausgesagt, im Jahr 2000 würden rund 1,2 Millionen Brasilianer infiziert. Laut Abia, einer großen Aids-Aufklärungsorganisation im Lande, waren es aber nur 540000. Zweifel an solchen Zahlen ist jedoch angebracht. Und dies ist das Perfide: Die Erfolgsmeldungen erwecken ein falsches Gefühl von Sicherheit. Der UN-Bericht warnt zu Recht: „Ein Trend zu vermehrter heterosexueller Übertragung und ein Prozess der allgemeinen Verarmung könnte in Zukunft negative Konsequenzen haben.“
Womöglich sind diese Folgen schon eingetreten. In einem Haus der Gapa, einer anderen nichtstaatlichen Hilfsorganisation, der größten im Bundesstaat Bahia, helfen rund sechzig feste Mitarbeiter und hundert Freiwillige jedem Infizierten, der an ihre Tür klopft. Die Gapa wird von europäischen NGOs finanziert. Das meiste Geld kommt aus Holland. Gapa residiert in einer schönen Villa in der Rua Comendador Gomes Costa, im Barris, einem der wenigen Mittelstandsviertel von Salvador. In einer Favela, wo die Armen hausen, könnte ein solches Beratungszentrum nicht arbeiten. Die Favelas der 4Millionen-Stadt werden, wie in all den anderen brasilianischen Monsterstädten, weitestgehend von der Drogenmafia beherrscht, eine Entwicklung, die im UN-Bericht unerwähnt bleibt. Nicht einmal die reguläre Polizei wagt sich in die Favelas, allenfalls die Militärpolizei – und dann auch nur im kriegsmäßig durchgeführten Großeinsatz. Eine Hilfsorganisation mit Geld und Medikamenten würde hier nicht überleben.
Selbst in unmittelbarer Nähe der gelb gestrichenen Villa wissen die Anwohner nicht, was in dem Haus passiert. Wenn man an der nächsten Straßenecke fragt, wo das Gapa-Gebäude zu finden ist, wird man mit unwissendem Kopfschütteln abgespeist. Wer dort Hilfe sucht, will nicht auffallen. Im Land der explodierenden Lust wirkt das Stigma Aids doppelt schwer: Es bedeutet krank und von der Lebensfreude ausgeschlossen zu sein. Die Plakate im Foyer werben um Verständnis für die, die sich angesteckt haben. Es könnte dein Vater sein. Es könnte dein Mann sein. Es könnte deine Schwester sein. Viele suchen keine Hilfe. Sie wollen nicht als HIV-positiv identifiziert werden.
Der Freitag ist in Brasilien der Tag der Geliebten oder, bei Männern mit bisexuellen Neigungen, der Tag des Geliebten. Für einsame Ehefrauen ist er der Tag des diskreten Liebhabers. Nach dem Ausflug ins Love-Motel kommen die Ehepartner wieder zusammen, als habe gar kein Seitensprung stattgefunden. So wird das Virus in den Familien verbreitet. Moacyr Villas Boas kommt ohne Umschweife auf das Problem zu sprechen, das am meisten Sorge bereitet: das leichtsinnige Verhalten der jungen Leute. Was ist der Grund dafür? Der selber noch junge Berater im Gapa-Haus sagt: „Die Jugendlichen haben die Zeit nicht mehr erlebt, in der es keinerlei Behandlung gab, in der HIV-positiv gleichbedeutend mit dem baldigen Tod war.“ Das heißt, dass fatalerweise der größte Erfolg der brasilianischen Aids-Politik – die kostenlose Behandlung von Infizierten mit antiretroviralen Mitteln (siehe Die List der Viren ) – eine ungeahnte Schattenseite hat. Die Jugendlichen glaubten, so Villas Boas, Aids sei eine Krankheit wie jede andere, gar nicht so schlimm, behandelbar – ja die Medizin kostet nicht einmal etwas, ist definitiv billiger als ein Präservativ.
In Salvador bekommen, schätzt er, zwei- bis dreitausend Infizierte den Pillencocktail. Allerdings nicht in Beratungszentren wie dem Gapa-Haus, sondern in den großen, zumeist staatlichen Kliniken. Und diese liegen auch wieder in den besseren Vierteln, unerreichbar für die ärmsten Bewohner der Favelas. Andererseits – die Diskrepanz der Zahlen ist unübersehbar – spricht Villas Boas von rund 39.000 Infizierten im Bundesstaat Bahia. Dieser hat knapp über 13 Millionen Einwohner, also etwas mehr als viermal so viele wie die Stadt. Das würde zweierlei bedeuten. Dass es etwa 9.000 Infizierte in Salvador geben dürfte. Und dass zwei Drittel nicht behandelt werden.
Überall werden Kondome für den Karneval verteilt
Trotz aller Mühe ist auch anderes schief gelaufen. Gapa wollte lange vor dem Karneval eine breit angelegte Aufklärungskampagne starten. Das hat nicht geklappt. Die Fernsehspots und Zeitungsanzeigen wurden erst in letzter Minute fertig. Als könne er damit wieder etwas gutmachen, kramt der Berater im Archiv nach einem alten bunten Handzettel für Touristen. Brasilien, das Land des Vergnügens lautet der Titel in sechssprachiger Ausfertigung. „Wer nach Brasilien kommt, begeistert sich nicht nur für unsere Strände, unsere Musik und Kultur“, heißt es dort treffend, „die Freizügigkeit der Brasilianer und Brasilianerinnen ist überdies eine Attraktion für viele Touristen.“ Eine kleine Warnung wird gegeben: „Aids verpflichtet uns, mehr Rücksicht und Respekt auf unseren Körper zu nehmen.“ Gefolgt von einer Aufforderung: „Aber niemand wird deshalb davon abgehalten, seine erotische Kreativität auszuschöpfen. Erforschen Sie Ihren Körper mit seinen Quellen zur sicheren Lust.“ Wieder eine Warnung: „Nebst der Anwendung von Kondomen verhüten Sie jeden direkten Kontakt zwischen Mund und kleinen Wunden mit Sperma, Flüssigkeit der Vagina sowie Blut.“ Und noch eine Aufforderung: „Beachten Sie diese Risiken, und tun Sie alles, was Ihnen Spaß macht beim Sex.“
Eigentlich ist immer Karneval in Salvador. Die Lust hat kein Ende. Lange Nächte in den Kneipen, Wochenenden am Strand. Auf jeden Fall werden die richtig „wüsten Wochen“ mit den Weihnachtsglocken eingeläutet. Ende Dezember, den ganzen Januar über bis Anfang Februar gibt es Vorfeste. Auf kleineren Umzügen wird geübt, bei großen Musikfestivals auf die Orgie vor der Fastenzeit eingestimmt. Nacht für Nacht finden Partys in Tanzlokalen und Ballsälen statt. Sie stehen im Zeichen von Orixás Xang, dem Lustmolch, und Exu, dem Chaoten. Ohne irgendwelche Zurückhaltung berichtete vor zwei Jahren ein Reporter des sonst eher prüden Hamburger Abendblattes über einen Karnevalsball im Hotel da Bahia: „Das Gelage gleicht einem Spaziergang durch die Seiten eines erotischen Katalogs. Da hüpft das ganze Sortiment an Strapsen, Korsagen und ‚Tangas‘ – Marke filo dental (Zahnseide)… Eine anschmiegsame Mulattin bedeckt ihre Brustwarzen mit einer lebenden Boa, eine andere trägt nur Papierschlangen… Und dann passiert es: Der frivole Xang dreht am Lichtschalter. Es ist dunkel. Jetzt ist alles erlaubt. Alles.“
Noch weniger Hemmung herrscht im Internet. Bei einer einschlägigen Adresse, einem Forum für bekennende Sextouristen, schwärmt ein Amerikaner, der sich Darren nennt, von seinen Erlebnissen an der Bucht der Allerheiligen: „Ich war gerade ein paar Stunden in Salvador und erkundete den Pelourinho, da erblickte ich auf der Praça Sa eine hübsche Mulattin. Wir sprachen miteinander, und sie machte deutlich, dass sie zu haben war, weil sie mich fragte, ob ich eine ‚Massage‘ wolle… Ihr Angebot: 50 Real für eine Stunde… Gingen ins Hotel Ibiza (11 Real die Stunde), ganz ordentlich… Maria ist keine Schönheitskönigin, aber doch so hübsch, dass der Preis fair ist…“ Zusammen 61 Real, das sind rund 18 Euro. Bemerkenswert an diesem „Erfahrungsbericht“ ist auch, dass dieser Darren kein Wort über Aids, über Safer Sex oder über Kondome verliert.
Trotz der kostenlosen Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten und der gesunkenen Todesrate von Aids-Patienten ist Brasilien nach wie vor eines der Länder mit der höchsten HIV-Infizierungsrate der Welt. Die britische Hilfsorganisation Avert – Englisch für abwenden – führte in ihrer Statistik Ende 2001 610.000 Menschen auf, die zu diesem Zeitpunkt in Brasilien mit Aids lebten. Und jetzt, zu Beginn des Karnevals 2004, sagt Sônia Fontes bei einem Treffen, auf dem es um die dankenswerte Sozialarbeit geht, die etliche der Karnevalsmusikgruppen leisten, in Brasilien sei die Zahl der Infizierten in den beiden vergangenen Jahren stark gestiegen – auf nun zwei Prozent der Bevölkerung. Das wären 3,4 Millionen. Frau Fontes müsste es eigentlich wissen. Sie ist Abgeordnete im Parlament von Bahia und Vorsitzende der Kommission zum Schutz der Frauenrechte.
Trotz des Zahlenwirrwarrs sind die Beharrlichkeit und die Erfolge der Regierung unbestreitbar. Ein Drittel des Gesundheitsbudgets geht für die Aids-Cocktails drauf. Brasilien hat den internationalen Pharmakonzernen Preisnachlässe für die Mittel abgetrotzt, hat Patente gebrochen und Generika wie Lamivudina und Estavudina in eigener Regie hergestellt. Dadurch kostet die Therapie mit den antiretroviralen Medikamenten rund 3000 Dollar im Jahr pro Person, ein Drittel von dem, was im Rest der Welt dafür aufgewendet werden muss. Vergangene Woche hat der Staat begonnen, im ganzen Land Kondome für den Karneval zu verteilen. Ein neuer Rekord. Zehn Millionen Präservative sollen unters das Volk gebracht werden. Für 177 Millionen Brasilianer. Drei Viertel dieser 177 Millionen sind allerdings katholisch.
So haben Aufklärung und Verhütung einen mächtigen Gegner. Im Oktober vergangenen Jahres hat der aus Kolumbien stammende Kurienkardinal Alfónso Lopez Trujillo den Gebrauch von Kondomen abermals verdammt. Sie böten keinen effektiven Schutz gegen das Virus, sagte der Präsident des päpstlichen Rats für die Familie. Das trifft ja auch zu. Hundertprozentigen Schutz kann es nicht geben. Bei vielen armen und ungebildeten Gläubigen kam die Botschaft jedoch anders an. Sie glauben nun, die Kondome nützten überhaupt nichts. Warum dann die von vielen als Lusttöter empfundenen Gummis überhaupt überziehen?
Die Enzyklika aus Rom wiederum hat die Erzdiözese in Rio de Janeiro gleich noch ermutigt, gegen ein Aids-Aufklärungsvideo gerichtlich vorzugehen. Per einstweiliger Verfügung ließ sie eine TV-Kampagne verbieten, die von Brasiliens größtem Sender O Globo sowie vom beliebten MTV ausgestrahlt wurde. „Es ist eine Sünde, keins zu benutzen“, hieß es in dem Film. Die Kondome ablehnende Haltung der Kirche wurde mit der Hexenverfolgung und dem Schweigen des Vatikans angesichts des Holocaust verglichen. Ein überzogener Vergleich, aber auch ein zu indizierender? Die Bischöfe sahen sich „dämonisiert“. Das Gericht folgte ihnen. Der Streit zwischen Staat und Kirche hat sich verschärft. Kondome seien der „einzige Schutz“, beharrt das Gesundheitsministerium. Es gebe „andere effiziente Methoden, um eine Aids-Übertragung zu vermeiden“, erwidert die Bischofskonferenz, meint Abstinenz und Treue – die nackten Karnevalstatsachen ignorierend.
Um die Richtigkeit seiner Politik zu unterstreichen, verweist in diesem Streit Gesundheitsminister Humberto Costa wieder auf Brasiliens Erfolge: Die Zahl der Aids-Toten sei von fast 12.000 im Jahre 1996 auf 1.400 im vergangenen Jahr gesunken. Sicherlich unbeabsichtigt, vermittelt aber auch er die trügerische Botschaft: Es besteht kein Grund zur Übervorsicht, wir haben Aids fast schon besiegt. Und das stimmt eben nicht. Durch die Medikamente wird der Tod nur hinausgeschoben. Einen Grund zur Entwarnung gibt es nicht.
50 Dollar eines Gönners – davon kann eine Familie Wochen leben
In Salvador da Bahia, wo die Fassaden wieder bunt leuchten und überall Bars, Restaurants, Souvenirläden und Diskotheken einladen, zieht die Altstadt mehr Touristen an als die Copacabana in Rio. „Allerdings“, sagt ziemlich resigniert Eduardo Farina, ein Tourismusplaner beim Instituto de Hospitalidade, „bekommen wir nur Sex- und Strandtouris-ten.“ Aber jetzt hat der neue Tourismusminister in Brasilia Zähne gezeigt. „Brasilien bekämpft den Sextourismus mit aller Macht“, sagte Walfrido dos Mares Guio kürzlich dem Jornal do Brasil. Auf die Imagewerbung der heimischen Tourismusindustrie anspielend, fügte er hinzu: „Weg mit den nackten Frauen, her mit dem Reichtum unserer Natur.“
In derselben Ausgabe der Zeitung wurde der Lokalteil mit einem Artikel über einen erfreulichen Aufwärtstrend aufgemacht, der den Reichtum aus einem anderen Blickwinkel sieht: „Das liberale Klima, der günstige Wechselkurs und die Schönheit der Männer haben Rio zum bevorzugten Ziel von reichen homosexuellen Touristen aus aller Welt werden lassen.“ Brasilien braucht Touristen, egal, aus welchem Grund sie kommen. Die hedonistischen Schwulen sind besonders begehrt – auch wegen ihres freizügigen Umgangs mit Geld. „Der bekennende Gay“, wusste das Jornal weiter zu berichten, „gibt im Schnitt vierzig Prozent mehr aus als der konventionelle Tourist.“ In Zeiten einer weltweiten Krise im Tourismus weiß jeder Politiker, was das bedeutet. Wer will da noch Reisende abschrecken, indem er die Risiken beim Sex allzu deutlich macht? Wer will da das Thema Aids und Tod aufs Tableau heben?
Auch in der am nördlichen Atlantikstrand von Salvador gelegenen Casquinha de Siri ist jede Nacht Karneval, auf den ersten Blick ganz harmlos: eine Bar und ein Restaurant mit Live-Musik. Die reichen Einheimischen und die Touristen können sich den Eintritt in den zum kühlenden Atlantikwind hin offenen Rundbau leisten. Blitzschnell stellen livrierte Kellner Eiskübel voller Bier, ganze Schnapsflaschen und Snacks auf die Tische. Auf der Bühne spielen Ableger der oft mehrere tausend Mitglieder zählenden Karnevalsbands auf.
In einem äußeren Ring von Tischen drängeln sich die Mädchen aus den Favelas. Plastikpumps, kurze Stretchhosen, knappe Tops – mehr an Kleidung würden die auch nachts kaum unter 30 Grad fallenden Temperaturen nicht erlauben. Mehr besitzen die Mädchen ohnehin nicht. Von den 50 Dollar, die ihnen ein Gönner vielleicht hinterher zusteckt, können sie ihre Familien ein paar Wochen lang ernähren. Es genügen ein paar aufmunternde Blicke, und schon sitzt eine ganze Schar der Hübschen von den Katzentischen bei den Wohlhabenden an den gedeckten Tischen. „Die Frauen hier fühlen sich nicht ausgenutzt“, insistiert gleichwohl Rainer Ernst, der deutsche Städteplaner, „sie empfinden es als Zeichen der Wertschätzung, als Anerkennung, wenn sie ein kleines Geldgeschenk bekommen – eine Geste, nicht viel anders als, sagen wir, ein Schmuckgeschenk in Deutschland.“
„Das stimmt“, bestätigt Sônia Fontes, die Frauenrechtlerin, „bei uns ist das alles ganz natürlich. In Salvador gibt es keine Prostitution wie etwa in Rio.“ Und demnach wohl auch kein allzu großes Aids-Risiko.
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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