aids Karneval, Sex und TodSeite 5/5
In Salvador da Bahia, wo die Fassaden wieder bunt leuchten und überall Bars, Restaurants, Souvenirläden und Diskotheken einladen, zieht die Altstadt mehr Touristen an als die Copacabana in Rio. „Allerdings“, sagt ziemlich resigniert Eduardo Farina, ein Tourismusplaner beim Instituto de Hospitalidade, „bekommen wir nur Sex- und Strandtouris-ten.“ Aber jetzt hat der neue Tourismusminister in Brasilia Zähne gezeigt. „Brasilien bekämpft den Sextourismus mit aller Macht“, sagte Walfrido dos Mares Guio kürzlich dem Jornal do Brasil. Auf die Imagewerbung der heimischen Tourismusindustrie anspielend, fügte er hinzu: „Weg mit den nackten Frauen, her mit dem Reichtum unserer Natur.“
In derselben Ausgabe der Zeitung wurde der Lokalteil mit einem Artikel über einen erfreulichen Aufwärtstrend aufgemacht, der den Reichtum aus einem anderen Blickwinkel sieht: „Das liberale Klima, der günstige Wechselkurs und die Schönheit der Männer haben Rio zum bevorzugten Ziel von reichen homosexuellen Touristen aus aller Welt werden lassen.“ Brasilien braucht Touristen, egal, aus welchem Grund sie kommen. Die hedonistischen Schwulen sind besonders begehrt – auch wegen ihres freizügigen Umgangs mit Geld. „Der bekennende Gay“, wusste das Jornal weiter zu berichten, „gibt im Schnitt vierzig Prozent mehr aus als der konventionelle Tourist.“ In Zeiten einer weltweiten Krise im Tourismus weiß jeder Politiker, was das bedeutet. Wer will da noch Reisende abschrecken, indem er die Risiken beim Sex allzu deutlich macht? Wer will da das Thema Aids und Tod aufs Tableau heben?
Auch in der am nördlichen Atlantikstrand von Salvador gelegenen Casquinha de Siri ist jede Nacht Karneval, auf den ersten Blick ganz harmlos: eine Bar und ein Restaurant mit Live-Musik. Die reichen Einheimischen und die Touristen können sich den Eintritt in den zum kühlenden Atlantikwind hin offenen Rundbau leisten. Blitzschnell stellen livrierte Kellner Eiskübel voller Bier, ganze Schnapsflaschen und Snacks auf die Tische. Auf der Bühne spielen Ableger der oft mehrere tausend Mitglieder zählenden Karnevalsbands auf.
In einem äußeren Ring von Tischen drängeln sich die Mädchen aus den Favelas. Plastikpumps, kurze Stretchhosen, knappe Tops – mehr an Kleidung würden die auch nachts kaum unter 30 Grad fallenden Temperaturen nicht erlauben. Mehr besitzen die Mädchen ohnehin nicht. Von den 50 Dollar, die ihnen ein Gönner vielleicht hinterher zusteckt, können sie ihre Familien ein paar Wochen lang ernähren. Es genügen ein paar aufmunternde Blicke, und schon sitzt eine ganze Schar der Hübschen von den Katzentischen bei den Wohlhabenden an den gedeckten Tischen. „Die Frauen hier fühlen sich nicht ausgenutzt“, insistiert gleichwohl Rainer Ernst, der deutsche Städteplaner, „sie empfinden es als Zeichen der Wertschätzung, als Anerkennung, wenn sie ein kleines Geldgeschenk bekommen – eine Geste, nicht viel anders als, sagen wir, ein Schmuckgeschenk in Deutschland.“
„Das stimmt“, bestätigt Sônia Fontes, die Frauenrechtlerin, „bei uns ist das alles ganz natürlich. In Salvador gibt es keine Prostitution wie etwa in Rio.“ Und demnach wohl auch kein allzu großes Aids-Risiko.
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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