leben in deutschland Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt

Das Land steht still, nur bei den Vereinen gibt es noch Wachstum: Jedes Jahr werden mindestens 15000 neue e. V. gegründet. Was treibt ihre Mitglieder? Zu Besuch bei vier Vereinen rund ums Auto

Früh am Morgen hat es auf dem Possen geschneit. Der Hügel, 440 Meter hoch, liegt südlich von Sondershausen im Thüringer Harz. Wildschweine grunzen im Gehege, Hirsche fressen von Spaziergängern hingeworfene Kastanien, die Bären schlafen – der richtige Ort für ein Vereinstreffen. Fünfzig Menschen aus der Republik haben sich zum sportlich-festlichen Wettstreit eingefunden. Das 3. Wintertreffen des Trabantclubs Sondershausen hat Trabi-Freunde aus Sachsen, Thüringen und Franken angelockt.

Im weiteren Tagesverlauf wird es darum gehen, Zylinderköpfe zu stapeln, Bälle durch rostige Metallfassungen von Scheinwerferlampen zu schießen und aus einem Kanister exakt zwei Liter Ersatzflüssigkeit in einen Blechtank zu schütten. Auch der diesjährige Meister im Anlasserstemmen will ermittelt sein. Die Königsdisziplin aber ist im himmelblauen Vereinsvehikel zu bewältigen. Am Heck des Wettkampftrabis – 600 Kubikzentimeter, Baujahr 1962 – klebt das internationale Landeskennzeichen der DDR. Im Zweitakter mit Handschaltung gilt es, vier Schwierigkeiten zu meistern: die Strecke von 50 Metern in exakt 15 Sekunden zurücklegen; der Länge nach über ein schmales, langes Holzbrettchen rollen; zentimetergenau vorwärts einparken; zentimetergenau rückwärts einparken. Jetzt gurgelt der Anlasser. Ein Röcheln, dann ein Röhren. Eine ölig blaue Wolke steigt in die morgendliche Luft. Sie will sagen: Los geht’s!

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Trifft der Deutsche einen Deutschen, ist fast mit Sicherheit ein Verein dabei. Bereits wenn der Deutsche in den Spiegel schaut, beträgt die Wahrscheinlichkeit 60 Prozent, dass das Gegenüber Mitglied eines Vereins ist. 574359 eingetragene Vereine (e.V.) zählte 2003 das Register, 29658 mehr als 2001 – ein jährliches Wachstum von 2,8 Prozent. Wäre unsere Wirtschaft nur auch so produktiv! Es gibt für alles Vereine und Vereine für alles, den sprichwörtlichen Kaninchenzüchter-Verein ebenso wie den Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V., den Eine Welt e. V., den Dritte Welt e. V., den Phantastische Welten e. V. Zum Gründen reichen drei Personen. Sinkt die Zahl unter drei, wird einem e. V. „die Rechtsfähigkeit entzogen“, sagt das Recht. Auf über 14 Millionen Kraftfahrer hat es seit 1903 der ADAC gebracht. Der Allgemeine Deutsche Automobilclub e. V. ist der größte Verein im Land. Was nicht verwundert. Denn macht ein Interesse das Wesen einer Nation aus (Kleingärtnern, Kegeln, Karneval), gründen sich dazu bevorzugt Vereine. Und das typischste Artefakt Deutschlands ist zweifellos das Auto.

So lässt sich das Verbindende und Unterschiedliche am deutschen Vereinsleben am allerbesten am Objekt Auto studieren. Nirgendwo bricht sich deutsche Wirklichkeit vielfältiger als in den Vereinen rund ums Auto. Neben dem Marktführer ADAC gibt es markenfixierte Vereinigungen wie den OPEL-Gäng Pirmasens e. V., typenorientierte Grüppchen wie den Corvette Club NRW, aggregatsbezogene (Adler-Motor-Veteranen-Club e.V.) und funktionsspezialisierte Autovereine (Taxiverband Deutschland e. V.). Natürlich gibt es neben den Männer- die reinen Frauenvereine wie den Deutschen Damen Automobilclub (DDAC). Die Gegenbewegung formiert sich in Vereinen wie autofrei leben! e. V. und Autofreies Wohnen e. V. Und wer unter die Räder geraten ist, organisiert sich im Unfallopfer-Netz e. V.

Normalerweise findet Vereinsleben vorwiegend abends statt – außer es stehen besondere Anlässe an. Der jährliche Wettkampftag des Trabantclubs Sondershausen ist ein solcher. Doch warum muss man sich dazu im Winter treffen, im Schnee? „Im Sommer sind schon an jedem Wochenende überall Trabi-Treffen. Da kommst du als Veranstalter in den Markt nicht rein“, sagt Sven, Vorstandsmitglied des Trabantclubs. Er zwängt sich auf den Beifahrersitz des Wettkampftrabis. Dort erklärt er dem unsicheren Neuling das verehrte Vereinsobjekt. Da ist die Handschaltung. Hier der Rückwärtsgang. Kupplung ist wie überall. Vorsicht: Keine Bremsverstärkung! „Fahr mal zum Üben rückwärts bis zum Start!“ Denn auch der Reporter darf am Wettkampf teilnehmen. Dem Sieger winkt ein 15 Zentimeter hoher lächelnder Kunststoffschneemann mit Weihnachtsbaum, roter Mütze und Glocke.

Während auf dem Possen die Trabi-Freunde um Punkte kämpfen, sammelt sich am Nachmittag der Landesclub Berlin des Deutschen Damen Automobilclubs e. V. im Grunewald. Einmal im Monat treffen sich die DDAC-Damen im Wintergarten eines Tennisclubs zur Trockenrallye am grünen Tisch. Die vor dem Clubheim geparkten Limousinen sind zwar stattliche Vehikel. Aber im Winter macht es keinen Spaß, damit über kalte und dunkle Landstraßen zu rollen. Zur großen Frühjahrsrallye im Mai und zu den kleinen Rennen an Sommerabenden treten die Damen natürlich im Automobil an. Jetzt aber liegen Straßenkarte, Buntstifte und die Lupe mit Licht auf dem Tisch bereit.

Vereinsmeierei als Akt der Freiheit

„Die Vereinsmeierei ist nicht so typisch deutsch, wie Deutsche gern behaupten“, sagt Hermann Bausinger, Autor des Buchs Typisch deutsch. Der emeritierte Tübinger Volkskundeprofessor verweist auf Wales. Dort heißt es: Wo drei Waliser zusammenkommen, gründen sie ein Komitee. Auch der Durchschnittsamerikaner pflegt sich in mehreren vereinsähnlichen Gesellschaften zu organisieren. Eine globale Erscheinung sind Vereine aber keineswegs. „In Indien und Afghanistan ist die Möglichkeit den meisten nicht gegeben. Dort haben Sie Kasten und Stämme“, sagt der Soziologe Dieter H. Jütting, Direktor des Instituts für Sportkultur und Weiterbildung der Universität Münster. Er versucht das Phänomen wissenschaftlich anzugehen. Es lasse sich nicht auf Grüppchen mit dem Kürzel e. V. reduzieren. Jütting verwendet Bezeichnungen wie freiwillige Vereinigung oder soziale Formation. „Sich im Verein zu organisieren ist ein Akt der Freiheit“, sagt er. Diese Freiheit gebe es nicht überall. Vereine seien neben Stiftungen und anderen Non-Profit-Organisationen elementarer Bestandteil des „Dritten Sektors“, der Staat und Markt ergänzt. „In vormodernen, tribalen, sozialistischen oder religiösen Gesellschaften“, sagt Jütting, „ist ein Dritter Sektor nicht oder nur rudimentär vorhanden. Er ist ein Phänomen des Westens.“

Im Damen-Automobilclub gibt es erst einmal Kaffee und Kuchen. Der Betulichkeit gilt die maximale Konzentration, denn bevor die Rallye startet, sind die 70- und 80-jährigen Mitglieder noch mit dabei. Allerdings fehlt die Älteste, die 95-Jährige. Wie geht es ihr? Man redet. Anekdoten, Familiäres, Gebrechen. Eine Neue feiert ihren Einstand mit Sekt: Regina Caspers, 43-jährig. Über Monate hinweg war die Kunsthändlerin als Gast an Vereinsabenden der Automobildamen geladen, quasi als Mitglied auf Probe. Offensichtlich ist sie dabei couragiert „nach außen getreten“. Dass eine an den Gesprächen aktiv teilnimmt, wird erwartet von Damen, die in einen Verein aufgenommen werden möchten, der, 1926 von Lucy Elisabeth Freifrau von Linsingen gegründet, auf seiner Ehrenmitgliederliste Margarete von Hindenburg und Berta Benz aufführen kann.

Das langjährige Mitglied Claudia Kraußer arbeitete noch bei DaimlerChrysler, als ihre Vorgesetzten, natürlich mit Hintergedanken, sprachen: „Toller Verein, dieser Damen-Autoclub, Sie treten doch bei?“ Schließlich entsprechen die Damen exakt der kaufkräftigen Zielgruppe des Autoherstellers. Kraußer schaffte die Aufnahme. „Ich hätte austreten können, als ich selbstständig geworden bin“, sagt sie. Da gefiel es ihr aber schon zu gut. So wichtig ist der Unternehmensberaterin der Verein, dass sie nach ihrer Hochzeitsnacht in der Frühe aufgestanden ist, um eine Rallye nicht zu verpassen.

Im Verein, sagt Vereinsforscher Jütting, gesellen sich soziale Aktivisten zum „geldlosen Austausch von Leistung und Kommunikation“. Das führe zu sozialem Reichtum. Er hat dies am Beispiel zweier Städte, Gronau und Borken, untersucht und ist dabei auf ein lebendiges Netzwerk von 800 Organisationen gestoßen, in das 63000 Personen eingebunden sind und das sich ständig wandelt und erneuert. Auf keinen Fall können seine Ergebnisse „das gerne in der Öffentlichgkeit gezeichnete Bild eines engen, rückwärts gewandten, in Ritualen erstarrten Vereinslebens bestätigen“. Diese Gewissheit führt er auf Wirkungen zurück, die von Vereinen und ihren Mitgliedern ausgehen. Er bündelt sie in drei Theoreme: Vereine erzeugen kostengünstig Güter und Leistungen, sie leisten einen wichtigen Beitrag zur sozialen Integration der Mitglieder, und sie sind institutioneller Ausdruck einer aktiven demokratischen Gesellschaft.

„Bei uns wird niemand fallen gelassen“, sagt Claudia Kraußer vom Damen-Automobilclub. „Zum Vereinsleben gehört, dass wir uns um die Alten kümmern.“ Die Seniorinnen sind bei der großen Rallye stets als Zaungäste dabei. Im Vereinsjargon heißen sie dann „Schlachtenbummler“. Das neue Mitglied Regina Caspers ist hingerissen: „Wenn die alten Damen von früher erzählen, kann ich stundenlang zuhören.“ Kraußer erklärt, was es für die Aufnahme in die ehrenwerte Runde braucht: „Die Dame braucht Sinn für Gemeinschaft, muss an Kunst interessiert sein, dem gesellschaftlichen Umgang entsprechen und einen gewissen Bildungsstand besitzen.“ Letztes Jahr, erzählt die Vorsitzende der Berliner Autodamen, Gesina Müller-Steineck, hätten sie zwei abgelehnt. „Die eine schrieb schon im ersten Brief ,Hallöchen‘. Da wusste ich gleich: Die passt nicht. Niveau muss man schon haben.“

Das Vereinsobjekt hat ein Imageproblem

Im Corvette-Club-NRW sind andere Dinge wichtig. Wer gerne in einem Chevrolet Corvette sitzt, ist dabei. „Im Verein kriege ich Techniktipps und Hilfe bei der Ersatzteilbesorgung“, sagt Ulrich. Heribert freut sich, via Verein „tief ins Thema reinzukommen“. Das Thema trägt er auf einem Foto im Geldbeutel mit sich herum: „Meine Corvette.“

Es ist fünf nach acht. Vereinstreffen im Hopfenstübchen des Restaurants Kockshusen in Essen. Man sitzt auf Barhockern und erzählt. Ulrich sagt, er habe „eine C1 für Rallyes und eine C5 für den Alltag“. Natürlich weiß jedes Vereinsmitglied, was die Abkürzungen bedeuten. Der Reporter muss aufgeklärt werden: Es gibt fünf Corvetten, alle aus Kunststoff gefertigt. C1 ist das älteste, C5 das neuste Modell. Das Auto, das gemeinhin als „Zuhälterschlitten“ bekannt geworden ist, sei die C3. Präsident Norbert, im beigen Hemd mit aufgenähter Corvette-Fahne, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Imageproblem“ der Corvette.

Auch hier stellt sich ein neues Mitglied vor: „Ich bin Hubraumfanatiker, habe eine eigene Werkstatt. Ich fahre auch Motorrad. Und meine Frau auch.“ Dann informiert Präsident Norbert über die Planung der Jahreshauptversammlung. Datum und alles Weitere stünden bald im Internet: „Es wird keine Post verschickt.“ Einer am Tisch fragt, ob das rechtens sei. Ein Zweiter sagt: Nur, wenn alle einverstanden sind. Ein Dritter: „Wenn Norbert einverstanden ist, sind alle einverstanden.“

Vereinsmeierei ist Geben und Nehmen und daher nicht zu verwechseln mit Altruismus. Letztlich gewinne, wer sich engagiert, „soziales Prestige“, sagt Vereinsforscher Jütting. Er kann nicht verhehlen, ein Fan seiner Forschungsobjekte zu sein: „Eine tolle Erfindung!“ Und was für eine tolle Demokratieschule: „Ich muss keinen ermorden, ich kann ihn einfach abwählen. Ich verleihe Macht auf Zeit.“ Seine Studien haben zwar gezeigt, dass die meisten Vereine stark hierarchisch strukturiert sind – mit exponierten ersten Vorsitzenden –, aber 85 Prozent der Vereine gaben an, die Ämterbesetzung erfolge demokratisch. Nur 15 Prozent besetzen ihre Ämter „durch informelle Absprachen“.

Jochen Böhme zählt seinen Verein zu den 15 Prozent. „Was da läuft, hat mit Demokratie nichts zu tun.“ Er ist sich nämlich nicht sicher, ob er überhaupt noch Mitglied des Vereins Unfallopfer-Netz ist. Juristisch betrachtet, vermutlich schon. Doch die Vorsitzende hat ihn vor zwei Tagen gefeuert. Kann sie das? Böhme ist durcheinander. „Die Stimmung im Verein ist sehr schlecht“, sagt er, während er seinen Wagen durch den Kreis Ravensburg in Schwaben steuert. Dennoch wolle er seiner Vereinsarbeit weiter nachgehen. Sinn und Zweck des Vereins sei schließlich, Opfer von Unfällen zu beraten, wenn Haftpflichtversicherer nicht für Schäden am Lebendigen aufkommen wollen.

Böhme hält in seinem Referat inne, als er sein Auto auf den Besucherparkplatz eines Wohnquartiers in Baienfurt steuert. Vorsichtig steigt er aus, eine Cervicalstütze hält seinen Kopf gerade. Ein Schleudertrauma. Dann späht er im Schein der Straßenlampe nach der Hausnummer von Frau L. Seit einem Jahr berät Böhme, als Leiter der Selbsthilfegruppe Bad Saulgau, Frau L. Sie hatte, genauso wie er, Schwierigkeiten mit ihrem Anwalt. Mittlerweile haben beide einen anderen, denselben.

Psychoterror auf der Vereins-Homepage

Der Unfallopfer-Netz e. V. steht beispielhaft für einen weiteren Aspekt der Vereinsarbeit, jenseits von Folklore, Geselligkeit oder Sozialprestige: In vielen Vereinen geht es um Selbsthilfe. Das hat tiefe historische Wurzeln. Das Mittelalter war noch nicht um, da entstanden Schützengesellschaften, zum Schutz der Städte. „Und mit ihren Schützenfesten erfanden sie ein bürgerliches Gegenstück zu den Turnieren der Adligen“, sagt Bausinger. Doch die Armee machte zivile Waffenträger praktisch überflüssig. Als Traditionsvereine aber haben sich viele Schützengesellschaften am Leben gehalten. Das Muster, analog den strammen Stadtschützern Defizite mit organisierter Selbsthilfe zu beseitigen, hat sich bewährt. Wo Politik, Gesetzgeber und Wirtschaft beim Organisieren des Zusammenlebens nicht hinkommen, springen Vereine oder vereinsähnliche Organisationen in die Bresche. Der Weiße Ring e. V. hilft Opfern der Kriminalität. 2002 wurde der Verein zur Unterstützung der Überschwemmungsopfer der Hochwasserkatastrophe 2002 ins Vereinsregister eingetragen.

Der Helfer Jochen Böhme war vor drei Jahren frühmorgens von einem Betrunkenen gerammt worden. Um zu seinem Recht zu kommen, schloss sich Böhme dem Opferhilfe-Verein an und gründete 2003 die Selbsthilfegruppe Bad Saulgau. Diese findet man auf der offiziellen Vereinsseite im Internet nicht mehr (die zornige 1. Vorsitzende hat Böhme und Bad Saulgau gelöscht). Schaut man dort ins öffentliche Forum, wird man Zeuge eines unschönen vereinsinternen Hickhacks. Von schlimmen Vorwürfe ist da zu lesen. Hat sich die 1. Vorsitzende privat aus der Vereinskasse bedient? Sind 500 Euro für den Transport eines Computers ein angemessener Spesenbetrag? Ist die Vorsitzende psychisch in der Lage, den Verein zu führen? Von Krieg, Schmutz, Psychoterror, Hetzkampagne, Diktatur ist die Rede. Wer den hässlichen Streit verfolgen will, muss sich beeilen. Alle paar Stunden löscht die Vorsitzende missliebige Wortmeldungen. Böhme sinnt darüber nach, einen neuen Verein zu gründen: Adrasteia e. V., benannt nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit. Aber da steht er schon vor der Tür von Frau L. Die braucht jetzt seinen Rat. Die Hilfe geht vor. Er klingelt. Frau L. hat ihn erwartet. Sie kämpft seit zehneinhalb Jahren gegen die Allianz-Versicherung.

Zeiten, Krisen, Moden und Politik bringen stets neue Vereinstypen hervor. Die ersten entstanden im 18. Jahrhundert. „Das revolutionär Neuartige an den Vereinsgründungen war, dass diese über alle gesellschaftlichen Schranken, sei es des Standes oder der beruflichen sowie auch konfessionellen Bindungen, hinweg erfolgten und insofern gesellschaftlichen Wandel erst ermöglichten“, schreibt die Politikwissenschaftlerin Annette Zimmer von der Universität Münster in ihrem Buch Vereine – Basiselemente der Demokratie.

Würstchen gegen Riesen

In der Frühgeschichte des Vereinswesens ist das 19.Jahrhundert von entscheidender Bedeutung. Da setzte die bis heute „maßgebliche Welle der Vereinsgründungen“ ein, sagt der Volkskundler Bausinger. Gesangsvereine machten vielerorts den Anfang, dann folgten Turnvereine, und beide waren „wichtige Träger der liberalen Bewegung“. In ihnen formierte sich „Widerstand gegen die undemokratische Herrscherwillkür“. Die karitativen Vereine kamen mit der Industrialisierung. Die Arbeiterbewegung gründete Konsum- und Bildungsvereine, Kunstinteressierte etablierten Kulturvereine, und Verschönerungsvereine kämpften für den Bau von Parkanlagen und Aussichtstürmen. Gemeinsam mit anderen erreichte der Einzelne mehr.

Das Unfallopfer-Netz ist ein Kind des Internet. In den Foren tauschte man Erfahrungen aus, dann gründete man den Verein. Noch immer ist das Internet die Basis. Dort sind, mit Hilfe eines Passworts, 15000 Seiten Informationen einsehbar. Wer sich durchloggt bis zu den Schwarzen Listen, erfährt, welcher Arzt gepfuscht, welcher Gutachter versagt und welcher Anwalt Opfer im Stich gelassen hat. „Diese Aufzeichnungen helfen, dass andere schneller ans Ziel kommen“, sagt Böhme. Die Gegner seien fast immer die Haftpflichtversicherer des Unfallverursachers. „Da kämpft stets ein kleines Würstchen gegen einen Riesen.“

Währenddessen erhitzen sich im Hopfenstübchen die Köpfe. Der Kellner schleppt Essen heran. Corvetten-Präsident Norbert sieht’s und wettert: „Wir hatten letztes Mal besprochen, dass während des offiziellen Teils nichts gegessen wird. Sonst kriegt wieder einer das Entscheidende nicht mit.“ Er erkennt, dass es zu spät ist. Die Teller dampfen auf den Tischen. Norbert ist ohnehin unzufrieden mit seinem Volk. Seit Oktober bitte er im Internet (www.corvette-club-nrw.de) um Vorschläge zur Saisoneröffnungsfahrt. „Seit Oktober habe ich nichts gehört!“ Besser sieht es im Hinblick auf eine zweite Ausfahrt aus. Die anvisierte Kneipe, verkündet Norbert, „hat Parkplätze ohne Ende“. Im Sommer, sagt Kai, würden sie mit ihren Corvetten nur in Kneipen Halt machen, auf deren Parkplätzen die Autos auch gesehen werden. Jeder will auffallen, weiß Kai: „Sonst können wir ja gleich wie die Chinesen rumlaufen, im blauen Anzug.“

Auf dem Thüringer Possen ist es nach Abschluss der Wettfahrt höchste Zeit, die Wintertauglichkeit der anwesenden Fahrzeuge zu prüfen. Welcher Trabi ist am besten gerüstet für Schnee und Eis? Auch in dieser Disziplin vergibt der Verein jährlich einen lächelnden Schneemann. Schließlich heißt Trabant „treuer Wegbegleiter, Gefährte“, erklärt Daniel, der Vorsitzende des Trabantclubs Sondershausen. Das soll der Trabi auch im Winter sein. Und werde er ewig bleiben. Daniel ist 30 Jahre alt und „im Trabi groß geworden.“ Genau wie die anderen im Club. Da „alles aus dem Osten nach der Wende kaputtgeredet worden ist“, sind die 87500 auf Deutschlands Straßen verbliebenen Trabis zu Symbolträgern geworden. In den Fanclubs gedeiht der Stolz. „Wir zeigen: Was aus dem Osten kommt, hat Bestand. Warum soll man wegwerfen, was einen so lange begleitet hat und läuft und läuft und läuft?“, sagt Daniel. Oliver aus Oelsnitz ergänzt: „Mit Politik hat das nichts zu tun.“ Genauso wenig macht Mike für seine Leidenschaft ideologische Gründe geltend. Er fährt Trabi „aus Spaß an der Freude.“

Nun zündet Daniel die Taschenlampe an und stapft dem Lichtkegel hinterher durch den Schnee, von Karre zu Karre. „Winterreifen?“ Winterreifen sind dran. „Türschlossenteiser?“ Auch da. Dann will er von Yvonne aus Mühlhausen wissen: „Wo ist der Eiskratzer?“ – „Da nehme ich die Musikkassette.“ Der Juror notiert. Sand und Schneeketten fehlen. Mehr Wintertauglichkeitspunkte scheint Jana aus Delitzsch zu holen: Gulaschsuppe und Kocher im Kofferraum. Autokarte der DDR. Allerdings fehlen Besen und Schaufel. Pluspunkte gibt es für den Wodka. „Sonderzubehör“, sagt Daniel und macht weiter Notizen. Oliver aus Oelsnitz winkt mit Handschuhen („Ohne geht’s nicht!“), langen Unterhosen und Freifahrriemchen (eine evolutionäre Vorstufe der Schneeketten). Leider findet die Lampe mit Wackelkontakt gerade in diesem wichtigen Moment gar keinen Kontakt. Wird also Gerry das Rennen machen? Gerne erklärt der Delitzscher dem Laien das Wirkungsprinzip seines geheimnisvollen Salzsäckleins: „Einfach über die Scheiben reiben, dann beschlägt’s nicht!“

Im Grunewald haben sich die Damen vom DDAC in ihre Tisch-Rallye vertieft. Start in Güterfelde. Gudrun Sikatzis, im Vereinsamt Sportwartin, berechnet einen 34-Grad-Winkel, zieht eine Gerade. „Gemeint ist wohl die Kreuzung hier oben“, murmelt sie und kontrolliert mit der Lupe. Dann zeichnet sie eine Straßenstruktur von der Vorlage auf eine Klarsichtfolie und sucht die entsprechende Straße mit Abzweigung auf der Landkarte. „Da landen wir ja in der Walachei!“, sagt sie.

In Baienfurt redet sich Frau L. in Rage: „Kriminell!“ Sie meint damit abwechslungsweise Anwälte, Gutachter, Ärzte. Das Unfallopfer weiß zu kämpfen. 20000 Euro hat sie für einen Anwalt aus dem Fenster geschmissen. Der hat, außer teure Stunden aufzuschreiben, nichts unternommen. „Du wirst beschissen von hinten bis vorn.“ Bei ihrem Unfall gingen kaputt: Fersenbein, Nasenbein, Brustkorb. Beim Aufzählen der beschädigten Lendenwirbel beschleunigt sie mit Abkürzungen: L3, L4, L5. Der Bruch von S1 (erster Steißbeinwirbel) bewirkte eine halbseitige Lähmung. Schließlich kommt die Rede auf Lumbalischialgie und eine Kausalität im Zusammenhang mit Delta-v. In der Not wird der organisierte Laie zum Experten. „Wir sind Fortgeschrittene“, sagt Frau L. In zehneinhalb Jahren hat sie einen 50-prozentigen Behinderungsgrad erstritten, genießt Steuervorteile, profitiert von vergünstigten Eintrittskarten. Trotzdem rät ihr Böhme, weiter „voll durchzuziehen“. Er selbst ist mit seiner traumatischen Schädigung eines Auges und einer Instabilität der Halswirbelsäule noch „in der vorgerichtlichen Phase“ und „noch immer bei 20 Prozent“. Da liegt noch was drin. Er beugt sich mit Frau L. über bunte Bilder, die er hat anfertigen lassen: sechs Scanneraufnahmen von einem gesunden Hirn. Dann legt er Aufnahmen hin, auf denen schwarze Flecken zu sehen sind: „Meins.“ Schließlich zieht er einen Bogen mit Hirnbildern hervor, auf denen noch mehr Störzonen sind: „Alzheimer.“ Das Denkorgan des 46-jährigen Böhme, so ist aus der Bilderreihe zu schließen, liegt in der Mitte zwischen gesund und Alzheimer. „So was versteht sogar ein Richter“, sagt er voller Zuversicht.

Training wider das Männerklischee

Um halb neun schaut Sportwartin Gudrun Sikatzis von ihrer orangen Zickzacklinie auf, die sie in den vergangenen Stunden auf die kopierte Karte gemalt hat. „Ist es das Schloss in Stern?“ Stimmt, dort ist das Ziel. Die Trockenrallye ist zu Ende. Die Frauen haben, wie sie ihr Vereinswirken stets zu nennen pflegen, „gearbeitet“. Damit sind sie bestens trainiert, wenn im Frühling die Saison im Freien beginnt. Claudia Kraußer schildert die harten Bedingungen bei den verschiedenen Outdoor-Wettkämpfen: „Die Parkelektronik wird abgeschaltet. Handybenutzung ist verboten. Beim Navigationssystem wird die CD rausgenommen.“

Aber die Wildnis hat ihre Tücken. Auf einer Rallye, die durch ein neues Bundesland führte, blieb Gesina Müller-Steineck, die Berliner Vorsitzende, mit ihrem Mercedes im Morast stecken. „Ein Bauer zog mich mit dem Wartburg raus. Seither trage ich weder Lackschuhe noch Röcklein.“ Müller-Steineck schwört auf gutes Schuhwerk.

Im Corvette-Club überlassen die Frauen den Männern das schwere Gerät. Isabelle, die Freundin von Kai, sagt: „Ich hab nicht mal die Kupplung drücken können.“ Und: „Ich habe Angst, das Auto gegen die Wand zu setzen. Dann hätte Kai keine Freundin und kein Auto mehr.“ Und doch ist sie ihm eine Hilfe. Jedes Jahr führt der Urlaub das Paar dorthin, wo es Ersatzteile gibt: in die USA. Das letzte Mal schleppten sie eine 80 Pfund schwere Hinterachse mit nach Hause. „Teilen Frauen das Hobby, gibt’s weniger Reibereien“, sagt Präsident Norbert, der froh ist, dass in seinem Club ein Drittel Frauen sind (auch wenn keine von ihnen Corvetten lenkt). Über Frauen freut sich stets auch das Vereinsmitglied Ulrich: „Ich fahre meine Rallyes immer mit Beifahrerinnen. Frauen sind geduldig, wollen nicht selber fahren und können gut Karten lesen.“

„Wir beherrschen auch das Einparken und sind schnell unterwegs“, sagt Claudia Kraußer. Ihr Blick lässt keinen Zweifel zu, dass die motorisierten Frauen vom DDAC dem Männerklischee von der unbedarften Lenkerin in keiner Weise entsprechen. Dafür wird trainiert. Auf dem Programm der Deutschen Damen Rallye im Mai steht immer das Gymkhana. Im anspruchsvollen Parcours werden nicht nur Millimeterarbeit beim Parken und Kurvenbeherrschung im Hütchenslalom verlangt, sondern es wird auch ermittelt, wer seine Räder fehlerfrei durch eine schmale Spurengasse lenken kann.

Unter den Trabi-Fans herrscht mittlerweile Hochstimmung. „Eine starke Truppe seid ihr!“, ruft Daniel in den Saal und schreitet zur Preisverleihung. Den Pokal in der Kategorie „Weiteste Anreise im Trabi“ holt sich Oliver. 212 Kilometer hat er von Oelsnitz in Sachsen nach Sondershausen pannenfrei zurückgelegt. In der Kategorie „Bestes Winterfahrzeug“ hat der Wodka im Kofferraum nicht ausgereicht. Jana wird Zweite. Ihr Vater Gerry (mit dem Salzsäcklein zur Scheibenpflege) war nicht zu schlagen. Um 21.50 Uhr verkündet Daniel den Sieger in der Königsdisziplin Geschicklichkeitsfahren. Eine Sensation habe sich ereignet: „Gewonnen hat jemand, der nie zuvor in einem Trabi gesessen hat!“ Alle schauen her: Der Journalist? Kann gar nicht sein. Daniel brüllt: „Gewonnen hat – ein Schweizer!“ Gejohle. Der Große Preis für Zweitakt-Ostkultur geht an ein Bergvolk. Ich schließe den Schneemann in meine Arme, mein Herz. Dann stellen sich alle Sieger zum Foto auf. Blitzlicht, fast ein Gewitter. Und aus den Boxen röhrt es: We are the Champions.

In Baienfurt erzählt Unfallopfer Böhme: „Ich war früher Turniertänzer. Aber Tango mit Schleudertrauma? Tango, wo du den Kopf hin- und herschleuderst?“ Nach seinem Unfall habe er manchmal vergessen, die Kinder von der Schule abzuholen. „Zwiebeln sind mir in der Pfanne verkohlt. Ich bin vergesslicher als meine 83-jährige Mutter.“ Bei Treffen im Verein, sagt er, „hilft manchmal auch nur das Reden“. Frau L. erzählt, dass sie, seit sie im Verein sei, spüre: „Ich bin nicht allein.“ Dann sagt sie zum Schluss noch einen Satz, über den Böhme lachen muss: „Wer sich nicht wehrt, wird überfahren, und wir sind schon überfahren worden.“

Nadelbäume sind Vereinsfeinde

„Die Corvette ist einfach brutaler, maskuliner. Da musst du arbeiten beim Fahren“, sagt Norbert. Ulrich teilt die Begeisterung: „Eine Fahrmaschine, brachiale Gewalt!“ Später wird erneut das Parkplatzproblem debattiert. Was gibt es da bei Vereinsausflügen nicht alles zu berücksichtigen! „Asphalt, nicht Asche, Dreck oder Rasen“, sagt Präsident Norbert. Und: „Keine Bäume.“ Blühende Linden, harzende Nadelbäume gehören zu den schlimmsten Feinden des Kunststoffauto-Fahrers. „Mit Wasser geht das nicht ab. Musst du polieren.“ Die brutalen Corvetten sind empfindliche Geschöpfe. Fallen Regentropfen, fährt Kai seine Corvette sofort an den Straßenrand und ruft den Abschleppdienst an. Die Unterseite seines Fahrzeugs könnte nass und schmutzig werden. „Der fährt nicht mehr ruhig, der fährt mit Wolkensuchgerät“, sagt Norbert über seinen Kameraden.

Dann ist der Vereinsabend im Hopfenstübchen zu Ende. Draußen auf der Straße verschwindet eine C5 krachend in der Nacht. Präsident Norbert hat ihr ein wenig nachgelauscht: „Schöner Ton.“ Dann schließt er die Türen seines eigenen Autos auf. Er fährt im Winter ein praktisches Fahrzeug, mit einem robusten Stahlrohrkäfig hinter den Sitzen. „Für meinen Rottweiler“, sagt er beim Einsteigen. Dann drückt er einen Knopf, „klack“. Die Türen sind zentralverriegelt. Norbert fährt nach Bochum.

Auch bei den Damen ist Feierabend. Die 39jährige Claudia Kraußer äußert zum Abschied einen kräftigen Satz: „Seit ich in diesem Verein bin, habe ich keine Angst mehr vor dem Altwerden.“

Mitternacht auf dem Possen. Neuschnee hat die Winterfahrzeuge wie in Watte gepackt. Drinnen aber wird noch der Sieg gefeiert. Mit Kräuterschnaps. Mit Bier. Mit Nord-Gold-Eierlikör. Von den Klopfer-Schnäpsen gibt es ein ganzes Sortiment, zum Beispiel „Sahnelikör mit Whisky“. Dann wird Rockmusik aufgelegt. Zu Status Quo kommen Luftgitarren zum Einsatz. Polonaise muss sein. Die Uhr geht gegen vier, als der DJ zu Dschingis Khan greift. Ein wild gewordener Haufen stürmt in die Mitte des Saals. Arme legen sich um Schultern, im Kreis wirft jeder die Beine hoch, links, rechts, und alle singen: „Moskau, Moskau! Wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, Ho ho ho ho ho, hey Moskau, Moskau!“

Um fünf machen sich die Letzten auf. Sie stapfen durch den Neuschnee zu den Baracken und kämpfen sich in die Schlafsäcke. Im Lauf der verbliebenen Nacht wird der Vereinsabend zu Erinnerung. Morgen ist bald. Dann wird im ganzen Körper der Kater die Krallen ausfahren und der Schneemann noch immer lachen.

Nächste Woche im Leben

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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