Im Jahr 1994 starb mein Vater. Im Mai hatte er dem Krebs in seinem Magen nichts mehr entgegenzusetzen, und wie immer in solchen Momenten gab es plötzlich so vieles, worüber ich gern noch gesprochen hätte. Oder zumindest weiter mit ihm geschwiegen, wie wir es so lange getan hatten.

Ich erinnere mich daran, wie mir fast 30 Jahre zu- vor der Brief ins Auge gefallen war. Auf einen Blick konnte ich erkennen, dass es keine Geschäftspost war, und ich wunderte mich darüber, dass mein Vater ihn mir nicht gezeigt hatte. Eigentlich war es nämlich üblich, dass er seinen fast volljährigen Sohn ums Gegenlesen bat, bevor er einen Brief abschickte. Sein gesprochenes Deutsch war gut, aber beim Schreiben schlichen sich Fehler ein, die ich auszubügeln hatte. Nun lag dieser Brief auf seinem Schreibtisch, und ich begann ihn zu lesen. Adressiert war das Schreiben an die Welt, ein Leserbrief also an die Tageszeitung, die mein Vater damals abonniert hatte. Über zwei Seiten, geschrieben in gestochener Handschrift, mit sehr vielen Fehlern. Doch sie waren ihm offensichtlich egal gewesen.

Es gibt Räume in alten Häusern, die für Kinder besonders spannend sind

Einige Tage zuvor hatte er in Heidelberg auf der Straße Albert Speer gesehen. Speer war der Architekt gewesen, der Hitlers größenwahnsinnige Visionen in Gebäude und Städte umsetzen und Germania bauen sollte, die phänomenale Hauptstadt des großdeutschen Reiches. Im Zweiten Weltkrieg wurde Speer dann Rüstungsminister und saß anschließend als Kriegsverbrecher in Berlin-Spandau ein. In der Haft hatte er seine Lebenserinnerungen geschrieben, die später ein großer Erfolg wurden. 1966 war er entlassen worden und nach Heidelberg zurückgekehrt.

Die Empörung meines Vaters hatte weniger damit zu tun, dass er Speer noch weiter inhaftiert sehen wollte. Ihn hatte wohl eher die Haltung des Mannes aus der Fassung gebracht, der als ehemaliger Täter stolz, gerade und ungebeugt durch die Straßen ging. So, als wäre es die Parade eines Siegers, während die Opfer ihr Leid nie vergessen konnten.

Mich überraschte das nicht. Es gibt Räume in großen alten Häusern, die für Kinder ganz besonders spannend sind; man hat sie nie betreten und stellt sich Drachen oder Feen hinter der Tür vor. Auch bei uns gab es diese geschlossene Tür, nur war mir klar, was dahinter war, und eigentlich mochte ich keinen Blick durchs Schlüsselloch werfen.

Ich weiß nicht, ob mein Vater den Brief wirklich abgeschickt hat. Als ich ihn las, kam es mir jedoch so vor, als wäre er sowieso nicht an eine Zeitung adressiert, sondern an die Geschichte: "Sehr verehrte Geschichte, wie kannst du es zulassen, dass jemand, der…" Es war der Beschwerdebrief an eine Historie, über die bei uns zu Hause nie gesprochen wurde, weil sie zu grausam, blutig und leidvoll war. Mit der wir lebten, ohne sie auch nur einmal zu erwähnen.

Ich habe viele Juden kennen gelernt, die jammerten wie an der Klagemauer. Das ist keine Abwertung, es war eben ihr Umgang mit einem Grauen, in das sich niemand hineinversetzen kann, der es nicht selbst überlebt hat. Mein Vater hingegen schwieg, und an dieses Schweigen ist in unserer Familie nie gerührt worden. Mir war klar, dass es für ihn schrecklich gewesen wäre, über seine Erlebnisse zu sprechen, und der Tag, an dem das geschähe, sich in furchtbares Elend verwandeln würde. Ich wollte aber, dass es meinem Vater und mir mit ihm gut ging. Allein deshalb wäre ich nie auf die Idee gekommen, ihn zu bitten: "Jetzt erzähl doch mal." Welches Zeitzeugnis hätte ich mir denn bei ihm abholen sollen? Wie seine engsten Familienmitglieder verschleppt wurden und nie mehr zurückkamen? Oder wie er erlebt hatte, dass irgendwelche SS-Schergen Kinder an die Wand geklatscht haben? Vielleicht sogar seine kleine Schwester?