Der 60. Jahrestag des 20. Juli 1944 wirft seine düsteren Schatten voraus. Noch bevor Guido Knopps vierteilige Dokumention am 2. März im ZDF beginnt, wird die ARD den Attentäter Stauffenberg mit einem Spielfilm von Jo Baier ehren. Sebastian Koch, ein guter Schauspieler, hat seinem freundlichen Antlitz die historische Augenklappe des kriegsversehrten Obersten übergestreift; Ulrich Tukur, ein womöglich noch besserer Schauspieler, gibt den Generalmajor Tresckow, aber leider nur sehr kurz, das heißt gerade so lange, dass er Stauffenberg von seiner Hitlerverehrung heilen kann, indem er ihm die Kriegsverbrechen an der Ostfront vor Augen führt.

Mehr will der Film von der Vorgeschichte des Attentats nicht erzählen; aber immerhin stellt er klar, dass die jüngeren Offiziere nicht als Widerständler geboren wurden. Das ist einerseits viel; denn damit ist den notorischen Kritikern des 20. Juli ein Instrument der üblen Nachrede aus der Hand geschlagen. Andererseits ist es zu wenig, um dem Film auch nur ansatzweise Spannung und tragische Fallhöhe zu geben. Er schildert so minutiös, wie es 90 Minuten erlauben, den Ablauf dieses Tages; aber nur wer den ausgetüftelten Plan bis in seine Einzelheiten schon aus Büchern kennt, wird bei den Verzögerungen, den kleinen, dann größeren Missgeschicken, schließlich dem Auffliegen der ganzen Verschwörung auch mitzittern und mitverzweifeln können. Dem Drehbuch fehlt, mit einem Wort, das Einmaleins des Suspense.

Und mehr noch: An keiner Stelle wird deutlich, dass hier nicht abermals nur ein Anschlag auf Hitler versucht wurde, sondern ein Staatsstreich zur vollständigen Entmachtung der Nazis, einschließlich Übergangsregierung und Plänen zur Umerziehung eines ganzen Volkes. Wenn am Ende, da schon fast alles schief gegangen ist, plötzlich ein General nach dem anderen als Eingeweihter auftaucht, beginnt der Zuschauer zu ahnen, dass er offenbar der Einzige ist, der hier nicht eingeweiht wurde. Wer zum Beispiel ist dieser kleine zittrige Mann, der sich vergeblich selbst zu erschießen versucht? Von dem Generalobersten Beck, der die moralische Autorität des Widerstands schlechthin war, hat der Zuschauer niemals zuvor etwas vernommen. Er weiß darum auch nicht, dass an dem Unternehmen "Walküre" jahrelang gefeilt worden war; und nicht nur von Militärs, sondern auch von konservativen Politikern wie Carl Goerdeler, Sozialdemokraten wie Julius Leber, Diplomaten wie Ulrich von Hassell.

Der Zuschauer, kurzum, erkennt das wahre Ausmaß der Verschwörung ungefähr mit derselben Verblüffung wie die Nazis, die erst aus den Kaltenbrunner-Protokollen erfuhren, dass fast zweihundert, größtenteils prominente Personen hinter dem Attentat standen. Das wäre übrigens ein origineller Ansatz gewesen: Einmal die Geschichte des 20. Juli oder vielmehr ihre Rekonstruktion aus der Sicht der Gestapo zu schildern, die ersten Verhaftungen auf Grundlage der Kabinettsliste für die Übergangsregierung, die mühsamen Verhöre, die Folterungen, die Erpressung von Angehörigen, die zufällige Entdeckung Goerdelers, der als Landstreicher über die Dörfer zog, bis ihn eine zuverlässige Volksgenossin anzeigte.

Nun wird man einem Stauffenberg-Film nicht vorwerfen wollen, dass er sich auf Stauffenberg konzentriert. Wohl aber muss man beklagen, dass selbst Stauffenbergs Bedeutung unklar bleibt, wenn nicht sein später, alles entscheidender Einstieg in die Widerstandskreise dramatisiert wird, die im Herbst 1943 nach all dem Planen, Hoffen und Bangen schon fast erschöpft und resigniert waren. Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat sie zu der Tat geführt, die für den Rest des Volkes ein Ärgernis geblieben ist. Der 60. Jahrestag wird es wieder zeigen.