Musik Im vollen Ornat
Die Europatournee rollt. The Darkness zelebrieren ihre Rockmessen liturgisch korrekt
Zu schade, dass der ausblieb. Vier Musiker, die die Bühne durch die Öffnung eines Riesenhinterns betreten – das hätte optisch wie metaphorisch etwas hergegeben. Technisch sind der Machbarkeit heute keine Grenzen gesetzt. Allein stilistische Gründe mögen zur Aufgabe des Plans geführt haben. Zynismus ist, pophistorisch gesehen, eine vergleichsweise junge Erscheinung.
Davor muss es eine Ära gegeben haben, in der das Gemeinte mit dem Getanen wundersam zusammenfiel, ein Zeitalter vor dem Sündenfall postmoderner Ironie. Die Legenden wollen es so, und aus Legenden ist er immer noch gestrickt, der Gegenwartspop. Es stimmt zwar, dass alle Stile schon da gewesen sind und insofern gleich. Aber manche sind „da gewesener“. Wer’s nicht glaubt, sollte ein Konzert von The Darkness besuchen.
Zu erleben ist: ein Blitzbesuch in den Siebzigern, als das Schlagzeug noch „Schießbude“ hieß. Eine Revue vergessener Moden und stilistischer Exzesse, männlicher Falsettgesang eingeschlossen. Für die Älteren unter uns möglicherweise die Wiederbegegnung mit einem vergangenen Ich. Mitbringen sollte man eine gewisse Bereitschaft, sich vom gestischen Inventar der Epoche hysterisieren zu lassen. Voraussetzungen, die in der Großen Freiheit, Reeperbahn Hamburg, reichlich gegeben sind, als das Licht endlich ausgeht.
Noch ist gar nichts zu sehen außer dem Schattenriss eines Mannes, der leidenschaftlich einen Gitarrenhals bearbeitet, doch für die erste kleine Begeisterungswelle reicht es schon. Alle haben nämlich die Platte gehört und wissen, was kommt: Gitarren, Gitarren und nochmals Gitarren. Und Männer, die sie bearbeiten. In Posen, die mit Gitarren zu tun haben. Mehr nicht, aber auch nicht weniger– what you see is what you get. Da reißt der Bühnenhimmel auf und wirklich, er ist’s: Justin Hawkins, Gitarrist und Frontmann von Englands Popüberraschung der Saison.
Um seinen Hintern spannt sich dasselbe spacke Hosenkondom, das auf so vielen Illustrierten zu sehen war, darüber ein leptosomer Oberkörper mit Schulter-Tattoo. Rechts von ihm drischt Bruder Dan im Rocker-Shirt in die Seiten seiner Gibson Les Paul, zur Linken steht Frankie Poullain, der Bassist mit dem Schnauzer, der an diesem Abend durch ein Leopardenstirnband beeindruckt. Eine unwahrscheinliche Truppe, wenn man es recht bedenkt. Noch vor wenigen Monaten wären die vier mit dem Outfit nicht über die Pubszene Nord-Londons hinausgekommen. Inzwischen entbieten selbst die Studenten im Publikum stilgerecht den Teufelsgruß, und für den Herbst ist die Eroberung Amerikas geplant.
Warum das so ist, warum unter Jungen und Junggebliebenen eine mittlere Darkness-Mania grassiert, darüber wird auch im Mutterland des Pop noch gerätselt. Zufall, Wahnsinn, das Post-Oasis-Vakuum? Bloßer Medien-Hype? Vielleicht muss man einfach dem Heavy Metal verfallen, wenn man in der britischen Provinz aufwächst. The Darkness kommen aus Lowestoft, einem Nest an der Ostküste, das durch einen Satz des Schriftstellers W.G. Sebald in die Literatur eingegangen ist: „Ich war nicht vorbereitet auf das Gefühl von Niedergeschlagenheit, das mich in Lowestoft sofort ergriff.“
Ein weiterer Punkt ist der bedauerliche Zustand der Rock-’n’-Roll-Tagesordnung. Tonangebend in Charts und Musikpresse sind Gruppen wie Travis oder Coldplay, die so genannten Shoegazer-Bands, die so heißen, weil sie bei Konzerten ständig nach unten blicken. In den USA gibt es noch immer Heerscharen von Nu-Metal-Combos, die in melodiearmen Liedern ihr ungünstiges Schicksal als Söhne der weißen Mittelklasse beklagen. Und davor? Herrschte Grunge-Rock, auch nicht gerade eine fröhliche Spielart des Genres. Seit Punk damals den Pomp der Siebziger wegwischte, sind die großen Gesten verschwunden, bestenfalls war ihnen ein Asyl in wenig beachteten Ecken obskurer Subkulturen vergönnt – bis The Darkness kamen. Sie hatten heimlich geübt: Justin Hawkins kann noch heute jedes Hardrock-Solo Note für Note nachspielen. Kein urbaner Ennui hatte an ihnen genagt. Wenn Grunge das Genre durch protestantische Zerknirschungsrituale zu reinigen versuchte und darüber immer schmallippiger wurde, dann sind The Darkness die rockende Gegenreformation.
Im Konzert ist zu spüren, warum Permission To Land, das erste und bislang einzige Album der Band, sich millionenfach verkauft hat: Seine zehn Stücke zelebrieren den Kult wieder öffentlich in vollem Ornat. Sie folgen dabei einer Liturgie, die in Epen von Queen, AC/DC und Led Zeppelin konserviert worden ist: zweistimmige Soli, Steinzeitriffs, „ We will, we will rock you“- Getrommel, ondulierte Refrains, Spagatsprünge – was eben so dazugehört. Anleihen bei den heidnischen Altertümern kalifornischer Satanistenfraktionen gibt es auch, aber ohne tiefere Botschaft. Darkness-Songs feiern die Form, weniger den Inhalt.
- Datum 19.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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