Schweiz

Sagenhaft der Welt entrückt

Der Urnerboden ist eines der schneesichersten Hochtäler der Schweiz. Doch die Anreise ist nur etwas für Hartgesottene

Behaglich, wie ein Geißbub an der Sonne, streckt der Urnerboden sich aus, mehr denn eine Stunde lang.« Es wird Sommer gewesen sein, als Alois Herger, Pfarrer von Spiringen, 1952 diesen Satz notierte. Denn während des Winters dürfte er den entlegenen Außenposten seiner Pfarrei kaum zu Gesicht bekommen haben. Zwar sind es nur gut 30 Kilometer über den Klausenpass. Doch wegen der Lawinen, die regelmäßig von den steilen Bergflanken herunterrumpeln, blieb der Pass seit je zwischen November und Mai geschlossen. Damit war der Urnerboden mindestens sieben Monate im Jahr vom Kanton Uri, seinem Kanton, abgeschnitten. Das ist bis heute so.

Heute kann man auch im Winter in das 13 Kilometer lange, von steilen Bergen flankierte Hochtal fahren. Allerdings vom Linthal aus, das im benachbarten Kanton Glarus liegt. Die Post kommt von dort, das Brot, der Aushilfspfarrer, auch die wenigen Touristen. »Im Winter sind wir Glarner, im Sommer Urner«, sagt Otto Walker. Der Wirt im einzigen auch winters geöffneten Gasthaus ist gleichzeitig dafür zuständig, die 15 Kilometer lange Straße ins Tal freizuhalten. Sein Vater, auch er Wirt, genau wie der Großvater, hatte 1956 den ersten Schneepflug gekauft, auf eigene Kosten. Unter anderem auch, weil der Arzt im Tal die Nase voll davon hatte, immer auf Skiern hochzustapfen, wenn oben einer krank wurde.

Der Kaplan war etwas wunderlich. Er hat das Dorf verlassen

Winter und Sommer, das sind auf dem Urnerboden nicht einfach nur Jahreszeiten, es sind die größtmöglichen Lebensgegensätze. Im Sommer, da war man stets positiv in aller Munde: »Größte, ja schönste Alp der Schweiz, 1200 gesömmerte Kühe, 250 Senner, die abertausende Käselaibe produzieren, grüne Matten, Wanderwege et cetera…« So liest es sich bis heute in den Werbeprospekten. Der Winter jedoch, das war immer das Problemkind. Und er wird es mit jedem Jahr mehr.

»Das Ansuchen mehrerer Ennetmärchter, auf der Alp über Winter bleiben zu dürfen, wird abgeschlagen«, schrieb der Regierungsrat des Kantons im Jahr 1853. Des Öfteren wurden damals Menschen, die sich nicht daran hielten, zu Winterbeginn verhaftet und von der Polizei vor das Bezirksgericht gebracht. »Heute«, sagt Otto Walker mit einem schiefen Lächeln, »müsste man die Leute fast mit der Polizei heraufbringen.« Er hat einiges versucht, um die Leute auch im Winter hier oben zu halten, um zu verhindern, dass die Schule wegen Kindermangels geschlossen wird. Aus einem aufgelassenen Gasthof wollte er ein Waisenhaus machen, für sein Fuhrunternehmen suchte er Lkw-Fahrer mit Familie und bot ihnen günstige Wohnungen an. Doch zur Antwort bekam er immer nur denselben Satz: »Auf dem Urnerboden? Das kannst du vergessen.« Zu abgelegen, zu einsam, zu wenig los. 36 Einwohner gibt es im Winter noch. Seit drei Jahren ist die Dorfschule geschlossen, man kam nicht mehr auf die erforderlichen fünf Schüler. Ebenso lange ist der letzte Bäcker weg, im vergangenen Jahr zog auch der alte Kaplan ins Tal hinunter. Zuletzt sei der Kaplan etwas komisch gewesen, erzählt der Wirt. Nach seiner Rückkehr – 30 Jahren Missionsarbeit in Papua-Neuguinea – »war es für ihn ein bisschen schwierig, wieder hier in der Zivilisation zu sein«. Doch was allen »Bödelern« am schmerzhaftesten den winterlichen Schwund vor Augen führt: Seit Dezember fährt der Postbus, dieses gelbe und selbst in den abgelegensten Winkeln allgegenwärtige Fanal schweizerischer Alpenerschließung, nur noch auf Abruf und Voranmeldung.

Der Tourist, am Bahnhof von Linthal angekommen, muss eine neben dem Schalter anschlagene Telefonnummer wählen. Es meldet sich Markus Walker, der zusammen mit seinem Bruder Otto das Gasthaus, das Fuhrunternehmen und eine kleine Kiesgrube am Fätschbach betreibt. Während der Bruder den Schneepflug bedient, ist Markus Walter als Postbusfahrer im Einsatz. Die Frau des einen macht die Buchhaltung im Gasthof, die Frau des anderen betreibt den kleinen Dorfladen. Der Urnerboden im Winter – ein Familienbetrieb.

Am Eingang des 1400 Meter hoch gelegenen Tals, dort, wo die Grenze zwischen Uri und Glarus liegt, öffnet sich der Blick nach Südwesten. Rechts, wo die Straße verläuft, säumen die Jägerstöcke das Tal wie eine riesige, bedrohliche Mauer. An ihren schrägen Fuß drückt sich ein kleiner Weiler. Die Hütten und Häuser, jetzt im Winter nur vereinzelt bewohnt, sind großteils mit der Rückseite in den Hang hineingebaut. So bieten sie eventuell abgehenden Lawinen keine Angriffsfläche. Links vom Tal erheben sich, etwas weniger steil und von Wald besetzt, die Kammerstöcke und der Fisetengrat. Im hinteren Taldrittel, ganz in der Mitte, steht auf einem kleinen Hügel das eigentliche Dorf mit Kirche und zwei Dutzend Häusern. Und ganz hinten, über dem Talschluss, schimmert weißbläulich der tief verschneite Klausenpass. Eigentlich müsste nach geografischer Logik dort oben die Grenze zwischen Uri und Glarus verlaufen. Warum sie aber am Taleingang über dem Linthal gezogen wurde, ist so unerklärlich, dass es dazu einer Sage bedarf: Um jahrelange Grenzstreitigkeiten zu beenden, beschlossen Glarner und Urner, beim Hahnenschrei aus ihren Hauptorten diesseits und jenseits der Passhöhe einen starken Läufer loszuschicken. Wo sich die beiden träfen, sollte die Grenze sein. Die Glarner mästeten ihren Hahn am Abend zuvor, die Urner ließen ihn hungern, damit er recht früh krähe. Der fette Hahn verschlief, und so war der Urner Läufer schon fast im Linthal, als er auf den Glarner traf. Er bot dem Verzweifelten an, ihm noch so viel Land zu gewähren, wie er ihn auf seinen Schultern aufwärtstragen konnte. Dort, wo der Glarner tot zusammenbrach, verläuft bis heute die Grenze.

Sagenhaft. Das ist ein treffendes Adjektiv hier oben. Das Tal ist sagenhaft gelegen, sagenhaft tief verschneit, sagenhaft ruhig. Nur etwas stört anfangs das Idyll des Neulings: Zu bestimmten Tageszeiten gehen von den sonnenseitig gelegenen Jägerstöcken mehr Lawinen ab, als Autos über den Boden fahren. Mit lautem Donnern brechen Schneebretter aus den steilen Wänden und schieben wie in Zeitlupe eine Wolke weißen Schneestaubs vor sich her. Wer einmal begriffen hat, dass sich ihre Kraft an den vielen Felssimsen verzehrt und keine Gefahr für Häuser und Straße von ihnen ausgeht, der kann das Schauspiel auch genießen. Mitunter kann es aber zehn Lawinen lang dauern, bis die Urangst überwunden ist. Und noch etwas länger, wenn man an der Friedhofsmauer die Steintafel sieht, die an das große Lawinenunglück von 1940 erinnert. Der Weiler Hinterhütten wurde in einer Dezembernacht völlig zerstört, eine Frau und drei Kinder kamen ums Leben.

Huskys und Eiskletterer fühlen sich hier besonders wohl

1940, da war Anna Herger-Müller 27 Jahre alt. Jetzt geht sie »ins Einundneunzigste«, wie sie selbst sagt, doch an den Lawinenabgang ein paar hundert Meter neben ihrem Haus kann sie sich noch gut erinnern. Angst? Nein, Angst habe sie nicht, seitdem sei ja auf dem Boden nichts mehr passiert. Man gewöhne sich an das Gerumpel. Die älteste Bewohnerin verbrachte, von einem Jahr abgesehen, ihr ganzes Leben auf dem Urnerboden. Sie hat den Boom in den dreißiger Jahren erlebt, als sich wegen der allgemeinen Not mehr und mehr Bewohner als Selbstversorger hier ansiedelten. Die ersten 43 Winter ihres Lebens war sie hier eingeschneit. Ihr Mann Karl, wenig jünger und genauso fit, erinnert sich, wie er mit anderen immer auf Skiern die Post in Linthal unten holen musste. Vor allem eines bekam Anna-Herger Müller wie niemand sonst mit: den Kinderschwund. 50 Jahre lang war sie die Hebamme, hat insgesamt 300 Kindern auf den Urnerboden verholfen. »Anfangs waren’s noch acht bis zehn im Jahr, doch dann hat’s immer abgnommen und abgnommen und abgnommen.« Zusammen mit ihrem Mann hat sie deshalb Jahrzehnte lang das Gasthaus Sonne betrieben, im Sommer wie im Winter. Doch dieses Jahr bleibt die Sonne kalt. Die Enkelkinder wollen im Winter nicht mehr »wirten«. »Und was im Sommer ist, weiß man nicht.«

Dabei ist der Urnerboden im Winter, wenn an den Wochenenden das Wetter stimmt, gar nicht schlecht besucht. Im weiten Talgrund wird regelmäßig eine wunderschöne Langlaufloipe angelegt, die nach dem gemästeten Glarner Hahn »Gulispur« heißt. Im Hochwinter ist sie allerdings »ein wenig das Problemkind«, wie Otto Walker sagt. Erst wenn es unten im Tal nirgends mehr geht, dann kommen die Leute zahlreich herauf. Hier kann man oft noch bis Ende April seine Runden ziehen. Doch insgesamt, findet der umtriebige Wirt, müsste »wieder mal ein Schweizer Langläufer vorne mitlaufen, das würde dem ganzen Sport einen Schub versetzen«. Stattdessen haben seit einigen Jahren zwei andere Wintersportarten den Urnerboden für sich entdeckt: die »Hündeler«, also Hundeschlittenfahrer, sowie die »Iisklatteri«, die Eiskletterer. Vor allem Letztere kommen in großen Gruppen und arbeiten sich mit hohl klingenden Pickelschlägen die Eisbärte auf den immer im Schatten liegenden Felsen hinter dem Hotel hinauf. Da scheint der Sport des Hundeschlittenführers um einiges unbeschwerlicher und genussreicher zu sein. Sobald nämlich eine Runde auf der eigens angelegten Hundeschlittenspur gedreht wurde, sitzen diese »Sportler« mehr oder weniger den ganzen Tag auf einem Klappstuhl in der Sonne, im Kreise ihrer angeketteten Huskys, und unterhalten sich mit den anderen »Hündelern« über – ihre Hunde.

Wer sich daran satt gesehen hat, kann hinter dem Gasthaus in die kleine Seilbahn steigen, die seit zwei Jahren auf den 600 Meter höheren Fisetengrat hinaufführt. Wieder so eine Initiative von Otto Walker, um den Boden zu beleben. Von verschiedenen Stiftungen und durch die Gründung einer Genossenschaft mit mehr als 1000 spendenden Mitgliedern brachte er das Geld für den Bau der Bahn zusammen. Wie alle Betriebe hier muss sie im Sommer so viel Geld einbringen, dass sie im Winter davon leben kann. Durch die vielen Wanderer im vergangenen Sommer, erzählt Walker stolz, hätte man die finanziellen Erwartungen weit übertroffen.

Einmal oben, kann man mit guten Schuhen den lang gezogenen Grat entlangwandern, aus nächster Nähe die Gletscher des Gemsfairen, des Clariden und des Tödi betrachten. Oder man setzt sich auf eine fast direkt am Grat montierte Holzbank, blickt hinunter auf das stille, lang gezogene Tal des tief verschneiten Urnerboden und tut es ihm gleich, indem man sich ausstreckt – ganz so behaglich, wie ein Geißbub an der Sonne eben.

Information

Anreise: Zum Beispiel mit Lufthansa ab Frankfurt am Main nach Zürich, derzeit ab knapp 130 Euro inklusive Steuern.

Von Zürich mit der Bahn in 1,5 Stunden nach Linthal, Bus verständigen (Tel. 0041-79/6091271), nach halbstündiger Fahrt ist man am Urnerboden

Unterkunft: Das Gasthaus Urnerboden (Tel. 0041-55/6431416) hat sechs Doppelzimmer mit Dusche und WC, samt Frühstück kostet es pro Kopf 60 Franken, rund 39 Euro. Unterbringung in Vierbettzimmern mit Etagendusche kostet 35 Franken (23 Euro)

Auskunft: Glarnerland-Tourismus (zuständig auch für Urnerboden), Tel. 0041-79/6993094, www.urnerboden.ch

Schweiz-Tourismus, Frankfurt am Main, Tel. 00800/10020030 (gebührenfrei), www.myswitzerland.com

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  • Von Hans Gasser
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 19.02.2004 Nr.9
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