Budrus/Westjordanland

Abed Abdel Basset steht auf dem Dach seines Hauses und zeigt auf die breite Schneise, die sich durch palästinensischen Boden frisst. Mit dem Arm zeichnet er den geplanten Verlauf der Barriere nach. Erst den steinigen Hügel hinunter, dann durch den Olivenhain im Tal und schließlich im Halbkreis ums Dorf herum. "Die Kinder in der Schule werden das Ding direkt vor den Augen haben. Was für Perspektiven!", klagt der 37-jährige Lehrer. Er würde sich eine andere Zukunft für die nächste Generation wünschen.

Budrus, ein kleiner Ort inmitten von Olivenhainen, liegt am westlichen Rand des Westjordanlands. Für die 1300 Einwohner sind die Bulldozer in Sichtweite eine Katastrophe. Sie haben nur zu genau verfolgt, wie es ihren Nachbarn ergeht, die bereits im Schatten der "Mauer" (wie die Zaunanlage hier von allen genannt wird) leben müssen. Bauern sind abgeschnitten von den Feldern. Um dorthin zu gelangen, gibt es Tore, aber der Weg ist oft weit. Die Öffnungszeiten sind knapp bemessen, nicht immer verlässlich. Dazu braucht man allerlei Genehmigungen.

Vor allem aber geht es um das fruchtbare Land, das der Zaun verschluckt. 68 bis 490 Meter breite Streifen sind zu diesem Zweck von der israelischen Armee "vorübergehend" bis 2005 beschlagnahmt worden. "Sie haben uns gesagt, die Landnahme ist bloß für den Zaun, der im Frieden wieder abgebaut werden soll. Wir aber sind ziemlich sicher, dass wir dort nie wieder einen Fuß hinsetzen werden", sagt Abdel Basset. "Denn wenn es bloß um die Sicherheit geht, warum machen sie uns dann unser Leben so schwer und sperren uns ein? Warum wird das Ding dann nicht zweihundert Meter weiter westlich entlang der Grünen Linie gebaut?"

Mit diesen Fragen wird sich vom 23. Februar an der Internationale Gerichtshof in Den Haag befassen. Auf palästinensisches Drängen hin wurde das Gericht von den UN angerufen, um "die legalen Konsequenzen" der Tatsache zu prüfen, dass "Israel als Besatzungsmacht eine Mauer auf besetztem Land" hochziehe. Die Richter sollen allerdings nur ein Rechtsgutachten abgeben. Bindend wäre es nicht.

Die israelische Regierung will der Anhörung fernbleiben. Aus ihrer Sicht handelt es sich um ein politisches Manöver, das Israel zum alleinigen Sünder stempeln soll. Schon das belastete Wort "Mauer" ignoriere, dass der "Anti-Terror-Zaun" zur Abwehr von Selbstmordattentätern konzipiert sei. Die von arabischen Staaten und Palästinensern eingereichten Dokumente jedoch beschäftigten sich weniger mit dem Zaun als mit dem gesamten israelisch-arabischen Konflikt, sagen die Israelis. Der Internationale Gerichtshof aber sei nicht die richtige Instanz, um darüber zu diskutieren.

In Budrus ist die Anhörung in Den Haag kein großes Thema. Sie wird als ein weiteres Mittel gesehen, das auf ihr Schicksal aufmerksam machen soll. Viel lieber redet man von der Kraft des eigenen Widerstands. Als sich die Bulldozer dem Dorf erstmals im November näherten, strömte die gesamte Gemeinde hinunter ins Tal zu den Arbeitern und den sie schützenden Soldaten. "Wie Skorpione sind wir auf sie geklettert", erzählt Abdel Bassad stolz. Dass seither nicht mehr weitergebaut wurde, glaubt er, sei ihren regelmäßigen Demonstrationen zu verdanken. "Wir haben die Mauer drei Monate lang aufgehalten. Seit al-Dschasira über uns berichtet hat, sind wir berühmt", sagt er.

Der Muezzin fällt ihm ins Wort. Statt zum Gebet ruft er zum Protest auf. Innerhalb weniger Minuten macht sich die Gemeinde in geübter Routine auf den Weg. Vorneweg die Männer und Buben, anschließend die Frauen und Mädchen in langen Kleidern und mit Kopftüchern. Mit Flaggen und Transparenten bahnen sie sich den Weg durch Kakteen hinunter zur Schneise, die abrupt in einem Olivenhain endet. Zwei Betonklötze in einer Furche zeigen an, dass bereits Stromkabel zur elektrischen Sicherung des Zauns gelegt wurden.