Palästina Die Land-Vernichtungs-Maschine

Am 23. Februar berät der Internationale Gerichtshof über einen Protestantrag der Palästinenser gegen den israelischen "Zaun". Auf der Baustelle wächst die Wut der Anwohner

Budrus/Westjordanland

Abed Abdel Basset steht auf dem Dach seines Hauses und zeigt auf die breite Schneise, die sich durch palästinensischen Boden frisst. Mit dem Arm zeichnet er den geplanten Verlauf der Barriere nach. Erst den steinigen Hügel hinunter, dann durch den Olivenhain im Tal und schließlich im Halbkreis ums Dorf herum. „Die Kinder in der Schule werden das Ding direkt vor den Augen haben. Was für Perspektiven!“, klagt der 37-jährige Lehrer. Er würde sich eine andere Zukunft für die nächste Generation wünschen.

Budrus, ein kleiner Ort inmitten von Olivenhainen, liegt am westlichen Rand des Westjordanlands. Für die 1300 Einwohner sind die Bulldozer in Sichtweite eine Katastrophe. Sie haben nur zu genau verfolgt, wie es ihren Nachbarn ergeht, die bereits im Schatten der „Mauer“ (wie die Zaunanlage hier von allen genannt wird) leben müssen. Bauern sind abgeschnitten von den Feldern. Um dorthin zu gelangen, gibt es Tore, aber der Weg ist oft weit. Die Öffnungszeiten sind knapp bemessen, nicht immer verlässlich. Dazu braucht man allerlei Genehmigungen.

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Vor allem aber geht es um das fruchtbare Land, das der Zaun verschluckt. 68 bis 490 Meter breite Streifen sind zu diesem Zweck von der israelischen Armee „vorübergehend“ bis 2005 beschlagnahmt worden. „Sie haben uns gesagt, die Landnahme ist bloß für den Zaun, der im Frieden wieder abgebaut werden soll. Wir aber sind ziemlich sicher, dass wir dort nie wieder einen Fuß hinsetzen werden“, sagt Abdel Basset. „Denn wenn es bloß um die Sicherheit geht, warum machen sie uns dann unser Leben so schwer und sperren uns ein? Warum wird das Ding dann nicht zweihundert Meter weiter westlich entlang der Grünen Linie gebaut?“

Mit diesen Fragen wird sich vom 23. Februar an der Internationale Gerichtshof in Den Haag befassen. Auf palästinensisches Drängen hin wurde das Gericht von den UN angerufen, um „die legalen Konsequenzen“ der Tatsache zu prüfen, dass „Israel als Besatzungsmacht eine Mauer auf besetztem Land“ hochziehe. Die Richter sollen allerdings nur ein Rechtsgutachten abgeben. Bindend wäre es nicht.

Die israelische Regierung will der Anhörung fernbleiben. Aus ihrer Sicht handelt es sich um ein politisches Manöver, das Israel zum alleinigen Sünder stempeln soll. Schon das belastete Wort „Mauer“ ignoriere, dass der „Anti-Terror-Zaun“ zur Abwehr von Selbstmordattentätern konzipiert sei. Die von arabischen Staaten und Palästinensern eingereichten Dokumente jedoch beschäftigten sich weniger mit dem Zaun als mit dem gesamten israelisch-arabischen Konflikt, sagen die Israelis. Der Internationale Gerichtshof aber sei nicht die richtige Instanz, um darüber zu diskutieren.

In Budrus ist die Anhörung in Den Haag kein großes Thema. Sie wird als ein weiteres Mittel gesehen, das auf ihr Schicksal aufmerksam machen soll. Viel lieber redet man von der Kraft des eigenen Widerstands. Als sich die Bulldozer dem Dorf erstmals im November näherten, strömte die gesamte Gemeinde hinunter ins Tal zu den Arbeitern und den sie schützenden Soldaten. „Wie Skorpione sind wir auf sie geklettert“, erzählt Abdel Bassad stolz. Dass seither nicht mehr weitergebaut wurde, glaubt er, sei ihren regelmäßigen Demonstrationen zu verdanken. „Wir haben die Mauer drei Monate lang aufgehalten. Seit al-Dschasira über uns berichtet hat, sind wir berühmt“, sagt er.

Der Muezzin fällt ihm ins Wort. Statt zum Gebet ruft er zum Protest auf. Innerhalb weniger Minuten macht sich die Gemeinde in geübter Routine auf den Weg. Vorneweg die Männer und Buben, anschließend die Frauen und Mädchen in langen Kleidern und mit Kopftüchern. Mit Flaggen und Transparenten bahnen sie sich den Weg durch Kakteen hinunter zur Schneise, die abrupt in einem Olivenhain endet. Zwei Betonklötze in einer Furche zeigen an, dass bereits Stromkabel zur elektrischen Sicherung des Zauns gelegt wurden.

An vordester Front steht Ajed Murar, ein kleiner Mann mit Schnurrbart. In fließendem Hebräisch verhandelt er mit dem israelischen Offizier, der nur wenige Meter entfernt auf der anderen Seite des Grabens wartet. Sollte die Protestaktion länger als zehn Minuten dauern, droht der Offizier, werde er sie mit Tränengas auflösen. Ayed Murar kündigt dreißig Minuten an und verspricht, dass sie sich danach friedlich zurückziehen werden. Die Demonstranten, darunter auch ausländische und israelische Sympathisanten, schreien sich zwanzig Minuten lang die Kehlen heiser. Auf Englisch wird die „Bestrafung durch den Gerichtshof“ gefordert. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Niemand wirft einen Stein, kein Schuss fällt.

Der Zaun, eine Idee der Linken

Hätte diese Form des Protests – statt Selbstmordattentaten – in den letzten dreieinhalb Jahren Schule gemacht, würde es heute wohl keinen Zaun geben. Die Idee von einer klaren Trennung – mehr oder weniger entlang der Grünen Linie – stammt ursprünglich von der israelischen Linken: Die Bevölkerung sollte dadurch vor Terror geschützt und die Friktionsfläche mit den Palästinensern verkleinert werden. Diese Zaun-Väter werfen heute Ariel Scharon vor, das Konzept „gekidnappt“ zu haben, um es seinen ideologischen Vorstellungen anzupassen. Im Klartext: Er will so viele Siedlungen wie möglich auf die israelische Seite bringen.

Die Grüne Linie, die das Westjordanland vom Kernland Israel trennt, ist 373 Kilometer lang. Das Zaunprojekt aber erstreckt sich mittlerweile auf 654 Kilometer.

Nach den jüngsten Plänen, so berichtete vorige Woche Ha’aretz, soll der Zaun 900 Quadratkilometer des Westjordanlands auf die israelische Seite bringen. Noch aber ist die Geschichte des Zauns nicht zu Ende geschrieben. Gebaut wurden erst knapp 200 Kilometer; acht davon als hohe Betonwände. Über den weiteren Verlauf wird auch in Israel debattiert. Die geplante Umzäunung der Siedlungen Kedumim, Ariel und Emmanuel ist erst einmal aufgeschoben. Josef Lapid, der Vorsitzende der Koalitionspartei Schinui, schlägt vor, den Zaun um 200 Kilometer zu kürzen. Der Chef des Innengeheimdiensts, Avi Dichter, rät: „Baut den Zaun fertig, so schnell und gerade wie möglich. Aber lasst die Schnörkel und Enklaven erst mal weg.“

„Worte sind explosiver als TNT“

Denn sollte sich die zweite Phase des Zaunbaus verwirklichen, so werden die Einwohner von Budrus auch auf dem Weg nach Osten, etwa ins dreißig Kilometer entfernte Ramallah, auf eine Barriere stoßen. Pläne der Armee enthüllen, dass Budrus mit acht weiteren palästinensischen Dörfern in einer Enklave von fünfzig Quadratkilometern eingeschlossen werden soll. Das Tor in Richtung Osten soll zwar offen bleiben, heißt es. Aber nur zu oft haben die Palästinenser schon erfahren, wie in ihrem Alltag Ausnahmen zur Regel werden. „Wir können hier nicht mit der Mauer ringsherum überleben. Ohne Jobs, ohne Krankenhäuser, ohne Sicherheit, ohne Universität“, sagt Ajed Murar.

Budrus gilt als ein ruhiger Ort. Keine Hochburg von Fanatikern. Viele der Einwohner haben in Israel gearbeitet, sprechen hebräisch. Der Zaun wird die Kluft noch vergrößern, die sich zwischen beiden Seiten aufgetan hat. Abed Abdel Basset weiß, dass Selbstmordattentate der palästinensischen Sache letztlich bloß schaden. Er glaubt an die Koexistenz mit Israel. Deshalb sieht er es nicht gerne, wenn bei einer Demo plötzlich auch Bilder von (dem in israelischer Haft sitzenden Intifada-Anführer) Marwan Barghuti oder die grünen Flaggen der Hamas hochgehalten werden. Er will keine Trittbrettfahrer beim Kampf gegen die Mauer.

Seine Waffe sind die Medien. Wenn sich am 23. Februar die Richter in Den Haag zusammensetzen, will Basset den Journalisten einiges bieten. Seine Frau Fadua bereitet gerade mit den Schulkindern in Budrus Theaterstücke vor. Sie sollen der Welt zeigen, „wie die Mauer uns isolieren wird“. Geplant ist auch eine Ausstellung im Dorf mit geschnitzten Tauben aus Olivenholz. Schon lange sammelt er alle Artikel, die über das Thema berichten. „Worte“, fügt er hinzu, „sind oft gewichtiger als eine Tonne TNT.“ Damit werden sich die Bulldozer wohl kaum auf Dauer fernhalten lassen. Aber vielleicht, so hoffen die Menschen in Budrus, können sie ja wenigstens den weiteren Verlauf der Schneise beeinflussen, die ein paar hundert Meter vor ihrem Dorf aufhört.

 
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