Franz Ferdinand, das sind P. Thomson, A. Kapranos, N. McCarthy, R. Hardy

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Der ideale Popstar von heute ist jung, flexibel, formbar. Seine Bindung an überlieferte Stile reicht gerade so weit, dass er sie in Grundzügen imitieren kann. Er geht überallhin, wenn die Firma es verlangt. Wenn es der Quote dient, lässt er sich sogar im australischen Dschungel mit Kakerlaken überschütten. Deshalb spielt der ideale Popstar in keiner Band. In Bands könnte es Probleme geben, wenn eine Imagekorrektur etwa die Auswechslung des Drummers verlangte.

Am Modernitätsanspruch der Industrie gemessen, wirkt die klassische Popband wie ein Auslaufmodell. Die Produktionskosten sind hoch, die Erfolge zweifelhaft, die menschlichen Ressourcen schwer zu berechnen. Wer braucht heute noch ein echtes Schlagzeug, wenn es ein synthetisches exakter tut? Wer zahlt, wenn der Sänger mal wieder drogenbedingt ausfiel? Und die ganzen Diskussionen! Über den richtigen Stil, die richtige Haltung, den einzuschlagenden Weg – schlimmer als bei den Grünen. Die nächste Strukturreform, sollte man meinen, wird alledem ein Ende setzen. Doch so einsinnig verläuft der Fortschritt zum Glück nicht.

Die Band als popkulturelle Organisationsform ist nicht nur nicht verschwunden, sie liegt sogar wieder im Trend. Seit einigen Jahren trifft man sich vermehrt in Proberäumen, um in Vierer- oder Fünferformationen Musik zu machen. Manchmal sind es auch acht wie bei dem Freundeskreis, der sich zu Schallplattenveröffentlichungszwecken Belle And Sebastian nennt. Im vergangenen Jahr sorgte ein Kollektiv namens The Polyphonic Spree für Furore, weil seine 23 Mitglieder in keinen Tournee-Bus passen wollten. Ein logistisches Problem, das Teil der Selbstinszenierung wurde.

Andere sind kunstvoll neurotisch selbstverliebt und verachten ihre Verehrer wie die New Yorker Art-Punks The Liars. Oder sie überraschen durch neo-neo-situationistische Freiheitsmanifeste wie The International Noise Conspiracy aus Schweden. Oder sie wollen ganz einfach wieder nur sein wie die Beatles oder die Kinks. Verschwendung, Autismus, Gegenwartskritik, großer Freundschaftszauber – vieles ist denkbar, wenn Einflüsse zu kommunikativem Handeln führen. Denn gemeinsam ist all diesen Bands weder ein einheitlicher Stil noch die Rückkehr zu den Tugenden des Handgemachten. Es ist der Protest gegen den Effizienzgedanken des Reißbrettpop.

Zugegebenermaßen handelt es sich bislang um einen Subtrend, der die taylorisierten Produktionszentren der Hits von heute nur am Rand berührt: sendefähigen Glamour großen Stils verstrahlen allein Robbie Williams und Beyoncé Knowles. Doch auch hier gibt es bereits erste Ausnahmen. Jüngstes Beispiel: die schottische Band Franz Ferdinand. Als noch gar nichts von ihr zu hören war außer der ersten Single Darts of Pleasure, schrieb der New Musical Express bereits: „This band will change your life!“ Natürlich ist das Ausdruck der üblichen Selbsterregung, wie sie die Inselpresse turnusmäßig befällt, aber was wäre Pop ohne Pathos?

Franz Ferdinand gelten als Art-School-Band, wobei „Art-School“ als Metapher zu verstehen ist: für die Bereitschaft, sich von Ideen begeistern zu lassen, gepaart mit einem soliden Ekel vor dem singenden Starproletariat der TV-Shows. Sie äußert sich in Extravaganzen wie dem Einfall, sich nach dem österreichischen Erzherzog zu benennen, dessen Ermordung den Ersten Weltkrieg auslöste. Oder in original Poppertollen, die offensiv getragen werden. Musik machen Franz Ferdinand übrigens auch, eine ungestüme, von nervösen Gitarren vorangetriebene Musik, die mit für Hits unüblichen Mitteln wie häufigen Tempowechseln Hits erzielen möchte. Aber die Musik ist vor allem Trägermedium einer Idee: dass wahre Popmusik einer sozialen Reibung entspringt, wie sie von unterschiedlichen Individuen erzeugt wird.