Ingenieur Rolf F. wurde vorige Woche vom Amtsgericht Karlsruhe wegen fahrlässiger Tötung zu eineinhalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er durch rücksichtslose Drängelei einen Unfall verursacht hatte, bei dem eine Mutter und ihre kleine Tochter starben. Im Berufungsverfahren will der Verteidiger Rolf F.s einen Freispruch erreichen – der Medienrummel und der Verlust des Arbeitsplatzes bei DaimlerChrysler seien für seinen Mandanten schon Strafe genug

Die Zeiten sind nicht gut für DaimlerChrysler. Der Kurs der Aktie ist im Keller, Chrysler erholt sich nicht recht, das Maut-Unternehmen Toll Collect, an dem DaimlerChrysler beteiligt ist, ist vermutlich gescheitert – und das Amtsgericht Karlsruhe verurteilt einen Testfahrer des Konzerns zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten ohne Bewährung. Er hat durch sein rücksichtsloses Fahrverhalten eine junge Mutter und ihr Kleinkind ums Leben gebracht. Das hat DaimlerChrysler gerade noch gefehlt, derart schäbig dazustehen in einer Medienlandschaft, in der das Image einer Marke ebenso zählt wie die Qualität des Produkts. Was soll millionenschwere Werbung für den "guten Stern auf allen Straßen" und die mit elektrohydraulischer Bremse ausgestattete neue E-Klasse, wenn die ganze Republik lesen muss, welches Verhältnis zur Straßenverkehrsordnung man beim Hersteller tatsächlich pflegt und dass hier Automobilisten auf die dichtbefahrenen Verkehrswege entlassen werden, die vor allem auf dem Gaspedal stehen.

In Karlsruhe ging es eben auch um Mann und Motor und um die Frage, wer über wen mehr Macht hat. Deshalb drängen fast nur Männer in den Prozess gegen den 35-jährigen Testfahrer mit dem Spitznamen "Turbo-Rolf" und der Vorliebe für Zwölfzylinder. Sie warten in einer dicken Traube vor dem Amtsgericht. Sie stapfen in Wintermänteln die Treppe hinauf. Sie scherzen überlaut mit den Beamten der Sicherheitskontrolle. Sie fachsimpeln grüppchenweise im Gang. Sie füllen den Sitzungssaal 7 bis auf den letzten Stuhl.

Der Mann auf der Anklagebank heißt Rolf F., und säße er nicht auf diesem exponierten Platz, würde ihn keiner beachten, so unscheinbar ist er. Ein Jedermann, dessen Sakko Falten wirft. Auch das Delikt, für das er vor Gericht steht, ist für Herren in schnellen Wagen ein Jedermannsdelikt: Rolf F. hat am Morgen des 14. Juli 2003 mit seinem Mercedes Benz Coupé auf der A5 bei Karlsruhe einen Kleinwagen, der gerade auf der linken Spur überholte, durch dichtes Auffahren genötigt. Na und? Wer hier im Saal kennt das nicht?

Nur lief die Sache diesmal aus dem Ruder. Die 21-jährige Fahrerin des Kia wurde von der Angst gepackt, als sie den dunklen Bi-turbo des Herrn F. mit seinen aggressiven Xenonscheinwerfern im Rückspiegel heranschießen sah – 500 PS stark, 250 Stundenkilometer schnell. Als er knapp hinter ihr war, brach sie ruckartig nach rechts aus, verlor die Kontrolle über den Kia und raste ungebremst über die dreispurige Autobahn in den Wald. Der Baum, an dem ihr Wagen zerschellte, brach ab und stürzte auf die Autobahn. Sie selbst und ihr Töchterchen, das im Kindersitz festgeschnallt war, starben sofort. Der Mercedes gab Gas und verschwand.

Trotzdem hat man ihn unter 707 verdächtigen Fahrzeugen gefunden. Es waren Zeugen am Unfallort. Und – Pech für Rolf F. – es waren Zeugen, die etwas von Autos verstehen. Zum Beispiel Herr Fiene, ein Vielfahrer, der der Polizei sicher sagen konnte, dass der Mercedes "zwei getrennte Lichter auf jeder Seite hatte. Ein großes und ein kleines." Oder Herr Muth, Inhaber eines Limousinenverleihs, der ziemlich exakte Angaben über die Beschleunigung und die Auspuffanlage des dunklen Mercedes machen konnte. Sogar das Kennzeichen hat er teilweise erkannt: BB für Böblingen. Das wies schon auf DaimlerChrysler hin.

Um seinem Unterbewusstsein noch mehr über die Autonummer abzuringen, ließ der Zeuge Muth sich auf Bitten der Polizei in eine Art Hypnose versetzen. Im Tiefschlaf erkannte er hinter dem BB "zwei Buchstaben in Dreiecksform" und in der Mitte der folgenden Dreierzahlenkombination die Zahl 7. Das passte zu Spur 90, die zum Kraftfahrzeug mit dem Kennzeichen BB-AA 374 führte: Diesen Wagen fuhr an jenem Tage Rolf F.

Solche Erkenntnisse hat das Gericht freilich nicht verwendet, denn das Gesetz verbietet es, Beschuldigte oder Zeugen in Hypnose zu vernehmen. Aber die von Zeugen beschriebenen Einzelheiten des Kamikaze-Benz, die Überprüfung der Alibis aller verdächtigen Fahrer, die Weg-Zeit-Berechnungen, die anhand der Tankzettel des Rolf F. angestellt wurden, lassen ohnehin nur noch ihn als Täter infrage kommen. Er war an jenem Tag auf dem Weg vom Mercedes-Werk in Sindelfingen zur Mercedes-Teststrecke im emsländischen Papenburg, wo sein Team einen Prototyp testen sollte. Und er kam genau zum Unfallzeitpunkt am Unfallort vorbei. Wer den Prozess mitverfolgt hat, kann nachvollziehen, dass für das Gericht alle anderen Alternativtäter ausgeschlossen sind.