LiteraturNur ein kleines bisschen Rache

Die frühere CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister erzählt in ihrem Buch von den kalten Seiten der Macht – und von Wolfgang Schäuble von 

Brigitte Baumeister wollte kein Buch der Rache schreiben. Darauf legt die frühere Schatzmeisterin der CDU Wert. "Dieses Buch sollte kein Aufschrei einer gekränkten Politikerseele werden", schreibt auch ihr Koautor Dietmar Brück im Vorwort des Bandes, der an diesem Donnerstag offiziell in Berlin vorgestellt wird Heyne-Verlag). Doch leise Zweifel sind erlaubt, und gegen Ende ihres Buches schreibt Brigitte Baumeister: "Wenn ich ehrlich bin, war mein tiefster Grund für meinen Durchhaltewillen, dass ich Schäuble diesen Triumph nicht gönnen wollte. So sollte er nicht davonkommen."

Die Geschichte der Brigitte Baumeister, das ist vor allem die Geschichte jener ominösen 100000-Mark-Spende, die der Waffenhändler Karlheinz Schreiber im Herbst 1994 der CDU zukommen ließ und die rund fünf Jahre später, im Januar 2000, den Sturz des damaligen CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble auslöste (ZEIT Nr. 6/04). Ein Stück Zeitgeschichte, das heute nur noch von mäßigem Interesse wäre – wenn nicht Wolfgang Schäuble derzeit als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gelten würde.

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Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die Spende Schreibers stehen bis heute die Umstände der Geldübergabe. Brigitte Baumeister beharrt darauf, dass sie den Umschlag mit dem Bargeld im Oktober 1994 von Schreiber in dessen Privathaus erhalten habe – mit dem Auftrag, ihn an Schäuble weiterzugeben. Dieser wiederum hat seinerzeit an Eides statt versichert, dass der Geschäftsmann ihm die Spende bereits im September persönlich in Bonn überreicht habe. Baumeister kann in ihrem Buch keine neuen Belege für ihre Version präsentieren, was nicht überrascht. Dafür rekonstruiert sie ausführlich die Vorgeschichte des Streits. Sie berichtet, wie Schäuble ihr bereits 1997 gedroht habe ("Du wirst immer den Kürzeren ziehen"); wie er sie später, während der Spendenaffäre 1999/2000, mit einer gezielten "Rufmordkampagne" unter Druck gesetzt habe: "Er begann, mich als überforderte, hysterische Frau darzustellen, die einer Krise nicht gewachsen war, die sie selbst verschuldet hatte."

Im Rückblick versucht Baumeister zu erklären, warum der Streit damals an einer scheinbaren Nebensächlichkeit – der Geldübergabe – eskalierte. Schäuble, so lautet die These der früheren Schatzmeisterin, habe alles getan, um die Spende des zwielichtigen Lobbyisten als "Reflexhandlung eines begeisterten CDU-Gönners" darzustellen – und sie damit zeitlich möglichst weit weg von einem zweiten Treffen mit Schreiber im Sommer 1995 zu rücken. Tatsächlich hatte Schäuble zunächst nicht nur die 100000-Mark-Spende geleugnet; auch jene zweite Begegnung mit Schreiber, bei der es um ein Rüstungsprojekt der Firma Thyssen in Kanada (Bearhead) ging, wurde erst im Verlauf der Spendenaffäre bekannt.

Problematischer ist der zweite Teil der Erklärung Baumeisters, denn er handelt von Persönlichem. Knapp zusammengefasst lautet der Vorwurf, Schäuble, der die attraktive Newcomerin im Bundestag einst gefördert hatte, habe mit ihr gebrochen, weil sie sich seinen – politischen und persönlichen – Besitzansprüchen widersetzt habe. Anstelle von Fakten bemüht Brigitte Baumeister die Psychoanalyse; das Resultat ist ein ziemlich fragwürdig konstruiertes Melodram. "Und doch halte ich es heute für alles andere als ausgeschlossen", schreibt sie über den Mann im Rollstuhl, "dass er mich auf eine schmerzliche, zerrissene Art auch als Frau besitzen wollte. … Anders lässt sich für mich die unbändige Wut nur sehr schwer erklären, aus der heraus er seinen Vernichtungsfeldzug gegen mich startete, nachdem ich mich ihm – politisch – verweigert hatte."

Dass Persönliches in der schwer nachvollziehbaren Auseinandersetzung mitschwang, wird wohl so sein. Aber ihre Glaubwürdigkeit steigert Brigitte Baumeister mit dieser Art von Anwürfen nicht. (Was sollte Wolfgang Schäuble zu seiner Verteidigung eigentlich entgegnen?) Auch die Rekonstruktion ihres Weges als typisches Frauenschicksal – Eine Frau zwischen Kohl und Schäuble – wirkt nicht authentisch. Zumal sie dem einen ihrer Förderer zugesteht, was sie dem anderen vorwirft: dass er sie kühl kalkulierend benutzt habe.

Baumeister erkennt zwar, dass Helmut Kohl sie 1992 zur Schatzmeisterin machte, weil er ein "dekoratives Aushängeschild für einen höchst halbherzigen Neuanfang nach der Flick-Affäre" brauchte, dennoch spricht sie über ihn voller Dankbarkeit. Mehr noch: Weil Kohl sie während der Spendenaffäre "moralisch unterstützt" habe, zeichnet sie das Bild des Altkanzlers in scharfem Kontrast zu Schäuble. "Neben allen Härten", die in seiner Position vielleicht unvermeidlich seien, verfüge Kohl "über eine tiefe Menschlichkeit". Über Schäuble heißt es dagegen, dieser habe nach dem Bruch mit ihr seine "andere Seite" gezeigt: "machtbewusst, kompromisslos, knallhart". Nur kurz stellt sich die missbrauchte Schatzmeisterin die Frage, "ob Kohl nicht auch mir gegenüber taktisch agierte". Dann wischt sie diesen Verdacht bei Seite: "Er mochte mich, er hielt zu alten Weggefährten."

Nein, einen "Beitrag zur politischen Kultur" hat Brigitte Baumeister mit ihrem Buch nicht geleistet. Überzeugend und aufschlussreich sind vor allem die Passagen über ihre Ankunft in der Schatzmeisterei; über den kühlen Empfang durch die Gralshüter der Schwarzen Kassen, von denen sie selbst wohl tatsächlich nichts wusste ("Ich habe nicht erkannt, was ich vielleicht auch gar nicht erkennen wollte"). Auch spricht manches dafür, dass sie mit ihrer Version der 100000-Mark-Spende im Recht sein könnte; doch so, wie sie ihre Rolle als leichtgläubiges Opfer eines brutalen, männlichen Machtspiels darstellt, macht sie es sich zu einfach. Welches war ihr Part, zum Beispiel gegenüber Schreiber? Sie habe sich als Schatzmeisterin "durchaus auch als Fürsprecherin" der Anliegen einzelner Firmen verstanden, schreibt sie. Das offenbart selbst noch im Rückblick eine erschreckende Naivität.

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  • Schlagworte Helmut Kohl | Wolfgang Schäuble | Angela Merkel | CDU | Brigitte | Bundestag
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