Studieren Holland – Deutschland 1:0
Immer mehr deutsche Studenten flüchten an die Universitäten unseres Nachbarlandes. Dort werden sie in kleinen Kursen persönlich betreut – und es gibt keinen Numerus clausus
Es ist höchste Zeit, dass endlich mal einer mit Kartoffeln schmeißt!“, schimpft Philipp Benden, „das deutsche Bildungssystem ist doch längst marode.“ Benden, 27, stammt aus Düsseldorf und hat ein Semester in Berlin hinter sich. Sonst studiert er nebenan: in Holland. Seit vier Jahren ist er an der Universiteit van Amsterdam in Psychologie eingeschrieben. Im Unterricht wird holländisch gesprochen, die Literatur ist auf Englisch geschrieben, Philipp Benden muss hart arbeiten. „Ich wollte keine Nummer in einem überlaufenen Studiengang sein. Hier in Holland habe ich dreimal so viel gelernt wie in Deutschland.“ An das halbe Jahr in Berlin erinnert er sich mit gemischten Gefühlen: „Wenn man im Studium in Deutschland keine Eigeninitiative ergreift, dann tut sich auch nichts.“
In Holland ist das anders: Der Unterricht findet in kleinen Gruppen statt, man lernt nach Stundenplan. Die Studiengänge dauern vier Jahre, die Fächer sind nicht durch einen Numerus clausus begrenzt, die Studenten werden von den Dozenten intensiv betreut, die ihnen in speziellen Kursen zeigen, wie sie etwa eine Hausarbeit strukturieren. An deutschen Hochschulen müssen sich das die Studenten selbst beibringen.
Diese Vorteile sprechen sich herum: Holland ist nach Amerika und England das beliebteste Studienland der Deutschen. 1993 studierten noch knapp 2000 Deutsche in Holland. Mittlerweile sind fast 9000 Studenten an holländischen Unis eingeschrieben, Tendenz weiter steigend. Umgekehrt gehen immer weniger holländische Studenten nach Deutschland.
Peter Stegelmann heizt diesen Trend an: Seine Consulting-Gesellschaft berät holländische Hochschulen, wie sie deutsche Studenten am besten anwerben können. Vom Staat bekommt eine holländische Universität 5000 Euro für jeden Studenten, der sich einschreibt. Eine Prämie gibt’s obendrauf, wenn er das Studium erfolgreich abschließt; bricht der Student ab, muss die Uni zurückzahlen. Auch die einzelnen Fachbereiche bekommen pro Student Geld und machen daher emsig Reklame für sich. „Bildung ist zu einem Markt geworden. Studenten werden hier professionell umworben“, sagt Stegelmann. Auf den großen Hochschulmessen in Hamburg, Köln und Berlin sind holländische Hochschulen stets zahlreich vertreten. Gefragt sind vor allem die Wirtschaftsstudiengänge an den Universitäten in Utrecht, Maastricht oder Nijmwegen.
Nils Garrelfs, 21, aus Oldenburg, studiert Betriebswirtschaft und redet auch so. Zumindest dann, wenn er erklärt, warum er für sein Studium nach Maastricht gegangen ist: „Dort habe ich ein exzellentes Studienprogramm zu einem akzeptablen Preis.“ Die privaten Wirtschaftsschulen in Deutschland waren ihm zu teuer, die BWL-Studiengänge an einer normalen Uni zu voll. Mit dem Studium in Maastricht ist er hoch zufrieden: Zusammen mit zehn weiteren Studenten lernt er in kleinen Tutorengruppen, bei denen neben dem eigentlichen Stoff auch Rhetorik auf dem Stundenplan steht. Der Unterricht ist auf Englisch, ein Auslandssemester Pflicht. Alle sechs Monate bekommt Nils Garrelfs einen persönlichen Bewertungsbericht ausgestellt, in dem ihm empfohlen wird, weiterzustudieren oder nicht. Seinen Bachelor-Abschluss möchte er in Maastricht machen, für den Master aber an eine amerikanische Uni wechseln. Doch ohne ein Stipendium sind die amerikanischen Unis zu teuer für ihn. Holländische Studiengänge sind dem angelsächsischen System ähnlich, aber viel billiger. Ein Studienjahr kostet hier 1476 Euro, mehr als die Hälfte erstattet der Staat jedem, der sein Jahr abgeschlossen hat. Wer nach vier Jahren allerdings noch nicht fertig ist, bekommt keine Unterstützung mehr vom Staat, kann jedoch ein Darlehen aufnehmen. Ein wichtiger Ansporn für viele, das Studium straff durchzuziehen.
Neben dem Preis gefällt Nils Garrelfs besonders, dass die Studenten an seiner Uni aus vielen unterschiedlichen Nationen kommen. „Die Leute in Deutschland müssen sich nicht wundern, dass so viele fürs Studium ins Ausland gehen. Hier sind Bachelor und Master längst Standardabschlüsse. Die Deutschen tun sich ja noch immer schwer damit.“ Holländisch hat er während seiner zwei Jahre nicht gelernt, schließlich reicht für das Campusleben Englisch.
Das gilt nicht für Studenten wie Philipp Benden, die einen Studiengang in niederländischer Sprache belegen. Geholfen hat Benden ein sechswöchiger Sprachkurs vor Studienbeginn, den er mit einem Test abgeschlossen hat. „Holländisch ist für mich eine witzige Sprache, aber wenn ich es für mein Studium nicht gebraucht hätte, hätte ich es nicht unbedingt gelernt“, sagt er. Trotzdem ist er nun stolz auf seine Sprachkenntnisse. Sein Studium hat ihn gleich doppelt internationalisiert: In Holland wird in vielen Städten auf der Straße oder auch im Fernsehen Englisch gesprochen. „Einer der größten Vorteile, die mir das Studium in Amsterdam gebracht hat, ist, dass ich nun zwei Sprachen fast perfekt beherrsche: Englisch und Holländisch“, berichtet Benden.
Viele Deutsche treibt es aber aus simpler Berechnung über die Grenze. Psychologie ist das zweitbeliebteste Fach deutscher Studenten in Holland. Wer in Deutschland am Numerus clausus scheitert, muss sein Traumfach nicht aufgeben, sondern schreibt sich im NC-losen Holland ein. Für Deutsche, die in Grenzstädten wohnen, eine unkomplizierte Alternative: Von Aachen fährt man mit dem Zug genauso lange nach Maastricht wie nach Köln.
- Datum 26.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 26.02.2004 Nr.10
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