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Liberal bis in die letzte Zeile
Der britische „Economist“ ist das Blatt der globalen Führungsschicht. Er blieb sich immer treu – und verdoppelte seine Leserzahl
Es ist 11.30 Uhr am Montagmorgen. Mit Kaffeebechern und Schreibblöcken bewaffnet, schlendern rund vierzig Männer und Frauen durch den engen Korridor auf das kleine Eckbüro zu, das im 13. Stock des Economist Plaza im Londoner Stadtteil St. James liegt. Von hier oben fällt der Blick direkt auf die Baumwipfel der Parks und die Dächer des Regierungsviertels Whitehall. Vor dem großen Schreibtisch stehen sieben Stühle, reserviert für die Ressortleiter. Der Rest findet auf der Fensterbank Platz, lehnt sich an die Wand oder sinkt nieder in den Schneidersitz. Die Redaktion des hat sich in drangvoller Enge zur wöchentlichen Konferenz um ihren Chefredakteur versammelt.
Die Atmosphäre ist freundlich und konzentriert. Der Chefredakteur Bill Emmott eröffnet die Runde. Mit leiser, höflicher Stimme bittet er Emma Duncan, die Themen den Innenpolitik vorzustellen: Universitätsgebühren sind ein großes Thema, konstitutionelle Reformen und die Eisenbahn. Aus der Runde werden kurz ein paar Gedanken eingeworfen und diskutiert, manche lachen verhalten. Es geht weiter mit den Themen aus den USA, dann Kunst und Kultur, dann die Finanzmärkte und Wissenschaft und Technologie. Bill Emmott fixiert jeden Sprecher, fragt nach, wirft ein und nickt.
Der Staat soll dem Markt dienen
Dann kommt der Höhepunkt – die Leitartikel. „Aids“, schlägt einer vor. Ja, Aids ist ein guter Titel. Diese Woche wird die Weltgesundheitsorganisation neue Statistiken veröffentlichen. Die Forschung hat einige Fortschritte gemacht, aber in Afrika steigt die Zahl der Aids-Toten weiter an. Wenn die westlichen Industrienationen sich nicht bald stärker engagieren, wenn das Thema in Indien, Russland und China nicht endlich ernst genommen wird, könnte Aids in zehn Jahren zu einem Problem für die gesamte Welt und ihren Wirtschaftskreislauf werden!
Nächster Leitartikel: der Stabilitätspakt. Deutschland und Frankreich werden ihn erneut brechen. Er taugt nichts, und die Kommission versagt als ihre Hüterin. Das hat der Economist schon lange gepredigt, aber wie kann man dann die haushaltspolitische Disziplin in der Euro-Zone garantieren? Durch die Europäische Zentralbank. Sie sollte zum fiskalpolitischen Wächter ihrer Mitgliedsstaaten werden, ähnlich wie der Internationale Währungsfonds, so soll das Argument lauten. Denn die EZB hat (theoretisch) mehr Autorität als jede politische Institution. Was Zentralbanker sagen, das zählt am Markt mehr als das Wort von Politikern. Und der Markt mit seiner unkorrumpierbaren Eigendynamik reguliert sich eben am besten selbst.
Es sind klassische Economist- Themen. Der Markt als Effendi, der Staat als sein Diener. Regierungen sollen sich dort einmischen, wo es um die Sicherung der Grundlagen für wirtschaftliches Wachstum geht, aber sie sollen sich davor hüten, den Markt regulieren zu wollen. Dieses Mantra hat Adam Smith, britischer Pate der Volkswirtschaftslehre, bereits im 18.Jahrhundert gepredigt. Dieser Grundgedanke war es auch, der den schottischen Hutmacher James Wilson vor 161 Jahren dazu trieb, den Economist zu gründen. Seither hat sich das Blatt aggressiv der Propagierung von Freihandel und Fortschritt verschrieben, und in den achtziger Jahren, als diese Ideologie unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher zur Politik wurde, begann der Aufstieg des Economist. Er wurde zum Sturmgeschütz der Globalisierung, denn „in einem globalisierten Wirtschaftskreislauf gibt es langfristig nur Gewinner“, so lautet die alte These.
Ein Gewinner des immer grenzenloseren Austauschs von Waren und Informationen in den vergangenen zehn Jahren war der Economist selbst. Seit 1993 hat er seine Auflage von gut 500000 auf mehr als 900000 Exemplare erhöht. Er ist zum einzigen wirklich globalen Magazin geworden. Jede Woche lesen drei Millionen Menschen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 154000 Dollar den Economist. Es ist das Blatt der globalen Führungsschicht – in mehr als 200 Ländern.
Der Blickwinkel, aus dem jede Woche Ereignisse aus Politik, Wirtschaft und den Finanzmärkten aus allen Teilen der Welt kommentiert werden, ist stets derselbe: „Die extreme Mitte“, wie der ehemalige Chefredakteur Geoffrey Crowther das einmal genannt hat. Erzliberal ohne Wenn und Aber. Der Entwurf von Giscard d’Estaing für eine europäische Verfassung reichte dem Economist nur für den Papierkorb. Aber nicht, weil er eine europäische Verfassung grundsätzlich ablehnte, sondern weil die Redaktion fand, dass durch zähe Verhandlungen um unterschiedliche Interessen ein entstelltes Kompromisspamphlet entstanden sei. Für den Economist zählt nicht, was unter dem Einfluss politischer Nuancen und Strömungen machbar, sondern was grundsätzlich am besten ist. Er unterstützte die Amerikaner in Vietnam und im jüngsten Krieg gegen Saddam Hussein und tritt gleichzeitig für die Schwulenehe ein und verurteilt die amerikanische Waffenlobby.
Redakteure ohne Namen
In derselben Weise, in der sich der Economist seit mehr als anderthalb Jahrhunderten von seinen Grundprinzipien nicht entfernt hat, sind auch die Organisation und die Präsentation des Blattes erstaunlich unverändert geblieben. Das beginnt mit der Sprache. Sie ist einfach und schnörkellos, die Artikel sind kurz und straff gegliedert. Eine umfangreiche Stilbibel gibt den Redakteuren vor, welche Formulierungen der Umgangssprache zulässig sind und wann welche Adjektive zu gebrauchen sind. Grundsätzlich aber gilt: möglichst wenig. Nicht blumiger Erzählstil ist gefragt, sondern möglichst viel Information auf möglichst wenigen Textzeilen. Der Economist nennt sich eine Zeitung, obgleich er doch als Magazin daherkommt. Reportagen, große Interviews oder tiefgründige Traktate gibt es nicht. Wer sich den Stil nicht angewöhnen kann, dessen Stücke werden radikal redigiert und in die klassische Form gebracht.
Hinter dieser formelhaften Präsentation stehen nicht mehr als weltweit 75 Redakteure, die im Akkord für jede Ausgabe ein Stück recherchieren und schreiben, manchmal auch zwei. In der britischen Medienwelt gehören sie zu einer selten gewordenen, uneitlen Spezies unter den Journalisten. Denn sie begnügen sich damit, anonym zu schreiben. Der Economist ist das letzte große Printmedium, das seine Artikel ohne Namensnennung der Autoren veröffentlicht, so wie die Times das mehrere hundert Jahre lang getan hat und der Hamburger Spiegel – von Ausnahmen abgesehen – bis in die neunziger Jahre hinein tat.
In der britischen Presselandschaft ist der Economist mit seinem sturen Festhalten an dieser Tradition immer mehr zum Außenseiter geworden. Auf dem wettbewerbsstärksten europäischen Zeitungsmarkt werden dem Leser Leitartikler und Kolumnenschreiber längst nicht mehr nur mit einem fett gedruckten Namen, sondern auch mit einem Foto präsentiert. Der Economist will sich diesem „Trend zum Personenkult im Journalismus widersetzen“, sagt der Redakteur Johnny Grimonds. „Es geht um das Lied, nicht den Sänger.“
Hier singt immer der gesamte Chor. Viele der Stücke, vor allem aber die Leitartikel, entstehen durch die Zusammenarbeit mehrerer Redakteure. Die teilen erst die Idee miteinander und später die Arbeit. Das Resultat ist eine Atmosphäre, wie man sie heute in britischen Redaktionen kaum noch kennt. Dort herrschen niedrige Löhne und raue Sitten; jeder kann jeden Tag gefeuert werden. Beim Economist ist der Personalumschwung nicht besonders hoch. „Wer hier arbeitet und sich bewährt, der hat einen Job fürs Leben und dazu einen, der gut bezahlt ist“, meint eine ehemalige Redakteurin.
„Wir müssen relevant bleiben“
Was den Economist wiederum überhaupt nicht von anderen Organen unterscheidet, ist die Rolle des Chefredakteurs. Es herrscht das Patriarchat. Bill Emmott, seit gut zehn Jahren an der Spitze, ist die oberste Instanz. Im Zweifel legt er die Parteilinie fest, und dann spielt es keine Rolle, welche Ansicht die Redakteure vertreten. Der Krieg im Irak war ein gutes Beispiel. Die Redaktion war geteilt in ihrer Meinung. „Da ging es nicht so ruhig ab in unseren Konferenzen“, erinnert sich Emmott. Schließlich gaben er und der Außenpolitikchef Clive Crook die Marschrichtung vor. Täglichen Einfluss übt Emmott dann in seiner Rolle als oberster Fehlerleser aus. Jedes einzelne Stück geht über seinen Schreibtisch, bevor es gedruckt wird. Ohne sein Okay kommt nichts ins Blatt.
Dem 47-jährigen Emmott passt der Chefposten wie angegossen. Der Mann mit dem Lenin-Bart und dem sanften Gesicht ist gleichzeitig leidenschaftlicher Verfechter des Thatcherismus und Gegner der Monarchie. Margaret Thatcher trieb den Staat zurück und bekämpfte „die antidemokratische Machtfülle in den Händen der Gewerkschaften“, sagt Emmott, und die Monarchie „ist die Antithese dessen, wofür der Economist steht: Demokratie, Freiheit und der Lohn für eigene Leistung“.
Mit dieser Einstellung repräsentiert Emmott die liberale Ideologie seines Blattes in Reinform. Er kam vor über zwanzig Jahren direkt aus Oxford zu der Zeitung, diente sich auf Auslandsposten in Tokyo und New York und als Ressortleiter Business nach oben und übernahm vor elf Jahren die Führung. Die prächtige Entwicklung des Economist lag nicht zuletzt an ihm. Er schrieb nicht nur über Globalisierung, er betrieb sie auch, indem er die Anzahl der Auslandsniederlassungen auf 19 Büros erheblich ausweitete und dem Blatt die Sparten Lateinamerika, Afrika und Wissenschaft und Technologie hinzufügte.
Den Eigentümern machte er damit viel Freude. Der Economist gehört zur einen Hälfte dem britischen Medienkonzern Pearson, der auch die Financial Times herausgibt, und zur anderen Hälfte anonymen Privatinvestoren und Mitarbeitern. Zwar hat auch der Economist in den vergangenen Jahren durch den Rückgang des Anzeigengeschäftes heftige Verluste einstecken müssen, aber die stetig steigende Auflage, vor allem in den USA und Asien, ließ den Vorsteuergewinn der Economist-Unternehmensgruppe im vergangenen Jahr von 14,8 auf 20,9 Millionen Pfund klettern.
Wie seine jüngste Vergangenheit hängt auch die Zukunft des Economist hauptsächlich von dem politischen und wirtschaftlichen Erfolg der Smithschen Dogmen vom Freihandel ab. „Wir müssen relevant bleiben“, sagt Bill Emmott. Mit anderen Worten, das Projekt Globalisierung muss erfolgreich sein. Sonst würde auch der Economist eingehen, denn anpassen würde er sich sicher nicht.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 26.02.2004 Nr.10
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