Gianni Tassios Musikgeschäft in der Via del Campo Nummer 29 gleicht einer mit Devotionalien geschmückten Wallfahrtsstätte. Was anderswo der Unterkiefer des heiligen Antonio ist, das ist hier die Esteva-Gitarre von Fabrizio De André, die Gianni Tassio nach dessen Tod ersteigert hat. Im kalten Neonlicht des Schaufensters hängen Zeitungsausschnitte, die erste Single, Liedtexte, Notenblätter und Fotos. De André jung, De André alt, De André rauchend, De André mit Baskenmütze und seinen Lebensdaten: 1940–1999, so wie auf der marmornen Gedenktafel an der Hauswand gegenüber.

Er war der wohl erfolgreichste Chansonnier einer Stadt, die sich rühmen kann, eine ganze Musikströmung hervorgebracht zu haben: die Genueser Schule. Es sind italienische Legenden wie Luigi Tenco, Gino Paoli, Fabrizio De André. Ihre Lieder haben sich mit Zeilen wie "Ich habe mich an einem Nachmittag in dich verliebt, an dem ich gerade nichts Besseres zu tun hatte" in die Herzen der Italiener gebrannt. Musik ist der wahre Exportschlager Genuas.

Schon zu Lebzeiten war Fabrizio De André ein kultisch verehrter Poet, der mit dem Lied Via del Campo nicht nur diese Straße, sondern auch ein Lebensgefühl unsterblich machte: das einer Stadt der Huren, der Seemänner, des rattenverseuchten Labyrinths mit Blick auf das Meer. De André besang nicht das Genua der Dogen, der Welteneroberer, nicht das Genua der Palazzi der Via Garibaldi. De André besang die Poesie der Pflastersteine.

Im Mausoleum hängen kleine, glitzernde Fabrizio-De-André-Altare, aus Blechbüchsen gefertigt von einem Genueser Künstler, mitsamt einem Aschenbecher voller plastifizierter De-André-Kippen. Im Schrank hinter dem Verkaufstresen stehen acht Gästebücher, voll mit Bewunderung: 75000 Widmungen, Geständnisse, Gedichte. Davor sitzt Gianni Tassio mit einer Baseballmütze auf dem Kopf und wartet. Er wartet auf Fabrizio-De-André-Wallfahrer, er wartet auf Zuhörer.

Wie alle Liebenden wird er nicht müde, die Geschichte der ersten Begegnung zu erzählen. 1958 war es, als der 15-jährige Schallplattenverkaufsgehilfe Gianni Tassio den 18-jährigen Studenten Fabrizio De André traf, der auf der Suche nach einer Platte von George Brassens war. Wer dieser Junge sei, habe De André den Ladenbesitzer gefragt. Der habe ausweichend etwas von einer guten Tat gemurmelt und davon, dass die Mutter des Jungen, na ja, Sie wissen schon. Daraufhin habe De André den Ladengehilfen zum Essen eingeladen, was dem zunächst gar nicht recht war: Ich dachte schon, er sei schwul, sagt Gianni Tassio. Welches Interesse hätte dieser verwöhnte Bürgersohn sonst an ihm haben können, an ihm, dem Sohn der Hure Lilli, die jeder in der Via del Campo kannte?

Dann, beim Essen, fragte Fabrizio De André ihn: Was hast du gefühlt, als du erfahren hast, dass deine Mutter Prostituierte ist? Gianni Tassio zögerte zu antworten. Es machte ihn misstrauisch, dass sich ein Fremder für seine Gefühle interessierte. Vielleicht ahnte er, dass hier ein Poet für seine Inspiration ein Stück Leben brauchte. Aber dann gab er ihm doch eine Antwort: Wie soll ich mich schon gefühlt haben, sagte er. Wie ein Stück Scheiße.

Mist lässt Blumen gedeihen, habe Fabrizio De André erwidert, ein Satz, der klingt wie ein Kalenderspruch. Aber dann komponierte er das Lied Via del Campo und sang " Dai diamanti non nasce niente / dal letame nascono i fior ", aus Diamanten wächst nichts, und der Mist lässt Blumen gedeihen; und zum ersten Mal hatte Gianni Tassio das Gefühl zu existieren. Diese zwei Zeilen, das war er. Auf ewig.

Ich werde immer in Fabrizios Schuld stehen, sagt Gianni Tassio. Er erzählt nicht, er rezitiert mit verteilten Rollen. Mal ist er Fabrizio, der Mädchentätschler mit der samtweichen Stimme – du hast hier übrigens etwas Zigarettenasche –, mal ist er Gianni, der Hurensohn, zu dessen Kommunion niemand kam außer einem Onkel, den die Mutter dafür bezahlt hatte. Hinter seinem Rücken hängt noch die Preisliste des Stundenhotels, in dem seine Mutter gearbeitet hat. Handtuch und Seife: Lire 0,5. Daneben ein Foto vom G8-Gipfel: mit Schlagstöcken und Schutzschilden bewaffnete Polizisten, die an einer verwundert blickenden Katze vorbeigehen. Die Via del Campo ist schön, sagt Gianni Tassio, weil hier die Welt an dir vorbeizieht.