Guantánamo

Generalmajor Geoffrey Miller, Kommandant der Häftlingskolonie Guantánamo, kneift die Augen zusammen und gibt den Satz zum Besten, mit dem er jede unliebsame Erkundigung abblockt: "Meine Einheit hat den Auftrag, feindliche Kombattanten zum Zwecke nachrichtendienstlicher Ermittlungen in Haft zu halten und dadurch einen Beitrag zum Sieg der USA und unserer Alliierten im fortdauernden globalen Krieg gegen den Terror zu leisten."

Zum zweiten Mal befragt, was er empfindet, wenn das Lager als "amerikanischer Gulag" (New York Times) bezeichnet wird, erwidert er, er sei "enorm stolz" auf den Beitrag seiner Truppe im globalen Krieg gegen den Terror. Zum dritten Mal aufgefordert, die immer noch offene Frage zu beantworten, erklärt er: "Ich bin ein professioneller Soldat. Ich erfülle meine Aufgabe im Einklang mit den Verfahrensregeln der amerikanischen Armee. Wir gewähren den feindlichen Kombattanten eine humane Behandlung."

Guantánamos mit Fossilien übersäte Strände und kakteenbestandene Hügel wimmeln von exotischem Getier: Leguanen, Bananenratten, Truthahngeiern. Am Ostufer des seit 1903 von Kuba gepachteten Seehafens liegt eine amerikanische Kleinstadt mit Kindergärten, Schulen, Einkaufszentren, Tennisplätzen und einem Segelclub. Um die Enklave verläuft ein 28 Kilometer langer, mit Minenfeldern und Panzersperren gesicherter Zaun. Marineinfanterie patrouilliert auf der einen, Castros Grenzbrigade auf der anderen Seite.

Wasser und Klopapier zählen als "Komfortartikel"

Nicht weit vor der Grenze dösen in einer Senke die leeren Gebäude von Camp X-Ray, dem mittlerweile aufgegebenen ersten Gefangenenlager, in dem Anfang 2002 die ersten aus Afghanistan eingeflogenen Taliban eingesperrt wurden. Die mit Sperrholzplatten abgedeckten Gitterkäfige sind von dichtem Gestrüpp überwachsen. In dem Gestrüpp leuchten orange-gelbe Früchte, aus denen, wenn man sie aufdrückt, blutrote Kerne spritzen. Die Luft riecht modrig. Die Wachtürme, die Scheinwerfer, die Lautsprecher, die Entlausungsduschen – alles erinnert irgendwie an ein KZ. Ein Eindruck, den die charmante Offizierin der militärischen Presseabteilung gar nicht verwischen will. Die Besichtigung von Camp X-Ray soll verdeutlichen, wie sehr sich im neuen Camp Delta, wo die Häftlinge heute untergebracht sind, alles verbessert hat.

Die Offizierin hat eine Dreitagesvisite organisiert, bei der dem Reporter bis zu vier Aufpasser auf Schritt und Tritt folgen. Jede Unterhaltung wird überwacht, obwohl sämtliche Militärs ein intensives Medientraining absolviert haben. Ein Aufpasser interveniert sogar, als Brigadegeneral Mitchell LeClaire, Generalmajor Millers Stellvertreter, beim Dinner im feinen Bayview Club eine unvorsichtige Meinung zum Besten gibt. Der Brigadegeneral begnügt sich daraufhin mit leichterer Konversation, "der Verdauung wegen".

Die Überwachung ist nicht nur Sicherheitsgründen geschuldet. Die offiziell verbreitete Wahrheit deckt sich nicht immer mit den Tatsachen. Generalmajor Miller betont beispielsweise, dass alle Häftlinge seines Lagers auf dem afghanischen Kriegsschauplatz (der schließt in seiner Version Pakistan ein) gefangen genommen worden seien. Zwei in England wohnhafte Iraker wurden jedoch aus Gambia verschleppt, eine Tatsache, die das britische Außenministerium nachdrücklich bestätigt. Festnahmen fern des Kriegsschauplatzes lassen sich jedoch nur schwer mit der politischen Rechtfertigung einer zeitlich unbeschränkten Haft in Guantánamo in Übereinstimmung bringen. Die skizziert William Taft, Rechtsberater des amerikanischen Außenministers Colin Powell, so: "Wir befinden uns im Krieg. Den im Kriegszustand geltenden Gesetzen, Konventionen und Bräuchen zufolge dürfen feindliche Kämpfer für die Dauer der Feindseligkeiten festgehalten werden. Das ist keine Strafaktion, sondern entspricht unserem Sicherheitsbedürfnis und militärischer Notwendigkeit."