Autobiografie Einfach nur ein Einzelgänger

Die große, leider unvollendete Autobiografie des Kritikers und Essayisten Adolf Frisé

Großartiger Titel für eine Biografie – und zugleich mutig über einen Biografieversuch gehängter Unstern. Denn wie kann eine Lebensgeschichte entstehen, wenn der Verfasser sie schon im Titel verweigert: „Wir leben immer mehrere Leben“? Welches seiner Leben will er erzählen?

Gleich der erste Satz reißt dem Leser jeden sicheren Boden weg: „Es war im März, April, schon das zweite, bald das dritte Jahr Krieg. Etwa neun, halb zehn.“ Das ist nicht Unentschiedenheit eines Mannes, der uns als Kritiker, als Essayist vertraut ist, vor allem als Herausgeber der Werke von Robert Musil, und den wir nun als Erzähler in eigener Sache kennen lernen. Das ist Kunstprogramm eines wissenschaftlich arbeitenden Mannes, der die Widersprüche der Zeit, die Relativität aller Sicherheit, die mit Einstein in die Welt, die Unsicherheit, die mit Sigmund Freud in (das Verständnis von) unser aller Leben gekommen ist, sich und uns zumutet, wenn er von seinem Leben zu erzählen bereit ist.

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Wie muss den in der (halbwegs) bürgerlichen Sicherheit des wilhelminischen Reichs 1910 im niederrheinischen Euskirchen als Adolf Altengarten geborenen Erzähler die Enthüllung erschüttert haben, dass er anders heißt, dass nicht der schwerkriegsbeschädigte, strenge, schnauzbärtige Lehrer Altengarten sein Vater ist, sondern ein lebenslustiger Hotelier namens Frisé, schon vor der Geburt seines Kindes gestorben. „Ich begriff es, ich begriff es nicht“, erinnert sich der Achtzigjährige an den Zehnjährigen, der er war, und wagt einen Satz, der sich wie ein Echo anhört der um ihre Identität – und sei es im Liebeswahn – gebrachten Menschen bei Shakespeare: „Ich war auf einmal nicht mehr der, der ich all die Zeit gewesen war.“

So entdeckt ein Kind die Heilkraft der Literatur, des (Auf-)Schreibens: „Nichts vergessen. Ich hatte es mir … vorgenommen. Festhalten, was, wenn ich nicht zupacke, nicht wirklich geschehen ist, es läuft mir davon… Ich prägte mir, was auch immer ich las, ein, wollte es behalten. Was ich las, gehörte mir. Selbst das Durcheinander. Es ordnet sich wieder. Wir leben nie nur ein Leben. Wir leben immer mehrere Leben.“

Ist es nach dieser Erfahrung noch weit zu dem Mann, dessen Werk Adolf Frisé sein Leben, als Herausgeber, geschenkt hat? Robert Musil schreibt dem Studenten, der ihn in seiner kargen Berliner Pension besuchen und über ihn schreiben will, Sätze, die für beide – und für die Männergeneration der zwanziger Jahre, der Vor-Hitler-Zeit – erschreckende Wahrheit sind: „Der Mann ohne Eigenschaften – das ist ein Mann, der möglichst viele der besten, aber nirgends zur Synthese gelangten Zeitelemente in sich vereint – kann sich also gar nicht einen Standpunkt wählen, er kann nur versuchen, mit ihnen ordentlich fertig zu werden.“

Ja, denkt der Leser, nun geht es los mit Erinnerungen, Berichten, Anekdoten des Herausgebers über seinen großen Meister oder doch über all die vielen befreundeten Leute – von Benn bis Alfred Mombert, von Alfred Döblin bis Thomas Mann, die großen Gelehrten Friedrich Gundolf, Karl Jaspers, Eduard Spranger, Richard Alewyn – denen der junge Germanist, bald Journalist in Berlin, München, Heidelberg, begegnet. Nichts da. Dieser Autor bleibt sich und seinem Erzählprogramm treu. Er unterläuft jede Erwartungshaltung – nicht zum Schaden seines (jedenfalls im ersten Teil) genau komponierten, bis in die Reihung kurzer Sätze ausgefeilten Buches.

Wie also verlief die erste Begegnung mit Musil? Der junge Verehrer des noch kaum bekannten Schriftstellers ist, vor Aufregung, zu früh. Er läuft den Kurfürstendamm auf und ab – und muss sich gestehen: „Mir fiel nichts mehr ein, was ich Musil fragen könnte. Ja, was würde ich ihn fragen?“

Eine Stunde später stolpert er die Treppe der Pension wieder hinab und fragt sich: „Wen würde, was ich Musil gefragt, was er mir dazu gesagt hatte, schon interessieren. Aber ich war sicher, ich würde mich noch lange an jedes Wort an diesem Abend erinnern.“

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