Philosophische Hilfestellungen (139. Folge) Der Ethikrat

Diesmal für: Sibel Kekilli, Berlinale-Gewinnerin

»Deutsche Film-Diva in Wahrheit Porno-Star« – mit dieser Schlagzeile zog vorige Woche die »Bild«-Zeitung über die junge Schauspielerin Sibel Kekilli her. Die Frage, wer wir alle »in Wahrheit« sind, interessiert auch den Ethikrat.

Wir wollen uns nicht lange beim Offensichtlichen aufhalten: Natürlich ist die Doppelmoral der Bild atemberaubend, die einerseits die Vergangenheit von Sibel Kekilli als »Pornostar« anprangert, andererseits Fotos aus diesen Filmen begierig abdruckt. Und natürlich ist es für die Qualität des Films Gegen die Wand unwichtig, was Frau Kekilli früher so alles angestellt hat.

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Gar nicht offensichtlich ist dagegen, warum das Thema überhaupt den Boulevard und die Feuilletons so stark beschäftigt. Leben wir nicht längst in einer durchsexualisierten Welt, in der die Vergangenheit als Pornostar in etwa so aufregend ist wie ein früheres Engagement als Funkenmariechen? Wie seltsam, dass Bild auf Begriffe zurückgreift, die seit Jahrzehnten aus der Mode sind: Wir lesen von einer »sündigen Schauspielerin« und einer »gefallenen Tochter«. Während also Merkel und Schröder in die Türkei reisen, um laut darüber nachzudenken, ob die Türkei schon in der Gegenwart angekommen ist, entfacht Deutschlands bekannteste Türkin über Nacht eine Moraldiskussion hierzulande, bei der es mit fast biblischem Ernst um die Heilige (»Engelsgesicht«) und um die Hure (»die Sündige«) geht und um Eltern, die nun ihre Tochter verstoßen. Alles Vokabeln, die schon lange auf der Liste bedrohter Wortarten stehen – als versuche man, mit den Entrüstungsmetaphern des Jahres 1954 ein Phänomen des Jahres 2004 zu fassen zu bekommen. Das Bundesverfassungsgericht wird hier nicht helfen können. Es kann zwar ergründen, wo übrall türkische Frauen Kopftücher tragen dürfen, und sicher auch, ob Türkinnen diese in Pornofilmen tragen dürfen (oder dies von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt werden sollte). Doch die eigentliche Frage, die hinter dem Lärm um nichts steht, wird nicht die Rechtsprechung lösen. Die Frage nämlich, was es heißt, in der Moderne anzukommen.

Hier herrscht doppelte Ratlosigkeit – ein gefundenes Fressen für den Ethikrat. Einerseits ist es zugleich das Thema der Türkin in Gegen die Wand wie von Sibel Kekilli. Im Film geht es ihr darum, ihr Leben bestimmen zu können »wie die anderen deutschen Mädchen«. Aus Heilbronn büxte Kekilli aus, um »frei und modern« zu sein. Als sie es war, stellte sich die Frage, worin diese Freiheit eigentlich besteht. Andererseits ist da die Ratlosigkeit einer irritierten Öffentlichkeit, die nicht weiß, was sie mit dieser »modernen Türkin«, die nicht nur kein Kopftuch trägt, anfangen soll. Es gibt Versuche, aus Sibel Kekilli einen türkischen Joschka Fischer zu machen: Was immer war, sie sei daran gereift, sie stehe zu ihrem Leben, wie sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte. Daran ist zwar richtig, dass wir unserer Vergangenheit ehrlich ins Gesicht schauen müssen. Aber wenn es heißen soll, dass jeder Blödsinn deswegen gut sei, weil es jemand als Teil seines Lebens sieht (»gelebte Biografie«), dann wird diese Einstellung zur Farce.

Die Frage, die sich Sibel Kekilli ebenso wie wir alle wird stellen müssen, ist fundamentaler: Was sollen Selbstbestimmung und Modernität jenseits sexueller Freizügigkeit bedeuten? Und weil gerade Aschermittwoch war, darf der Ethikrat aus vollen Händen Asche auf unser Haupt streuen. Hinter der doppelten Ratlosigkeit steht der Schrecken vor dem Fehlen einer Vorstellung von einem gelungenen Leben in der modernen Welt. »Der Mensch ist ein Gaukler von Natur und spielt eine fremde Rolle«, erkannte schon Kant, ohne je einen Porno gesehen zu haben. Wir sollten uns aufmachen, nach einer angemessenen Rolle für uns zu suchen.

 
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