medizin Vorsorge mit NebenwirkungenSeite 2/2

Das ist die Crux der Vorsorge. Häufig werden große Programme aufgelegt, ohne dass die Forschung abgeschlossen ist. Eine begründete Plausibilität – es wird schon nützen – muss ausreichen. Eine geplante Untersuchung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zur Evaluierung der Darmspiegelung als Screening-Methode musste abgeblasen werden, weil sie „von der politischen Entwicklung überrollt“ wurde, bedauert Nicolaus Becker vom DKFZ. Die Einführung der Koloskopie war eher eine politisch gewollte als eine medizinisch begründete Entscheidung.

„Wir wissen nichts über die Koloskopie unter Routinebedingungen“, sagt selbst Berndt Birkner. Der niedergelassene Darmspezialist engagiert sich seit Jahren für eine bessere Vorsorge und sitzt unter anderem im Kuratorium der Felix Burda Stiftung. Am Freitag, dem 27. Februar, wird er auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin über die Darmkrebsfrüherkennung sprechen. Hätte man es vor zwei Jahren mit der Evidenz ganz genau genommen, so Birkner, wäre weiterhin der Stuhltest die Methode der Wahl geblieben. Die Koloskopie wäre Menschen mit Darmkrebsfällen in der Familie vorbehalten geblieben. Beim Stuhltest werden winzige Mengen Blut im Stuhl der Untersuchten nachgewiesen, durch die sich frühe Stufen von Dickdarmkrebs ankündigen. Für diesen Test existieren solide Daten. In vergleichenden Studien wurde jeweils eine Gruppe getestet, eine nicht getestet. In der Folgezeit verstarben in der Gruppe der Probanden, die den Teststreifen regelmäßig eingesetzt hatten, deutlich weniger Patienten. Bedauerlicherweise sei der Stuhltest in den Hintergrund gerückt, sagt Birkner.

Ob die Darmspiegelung für jedermann die Darmkrebssterblichkeit in Zukunft senkt, bleibt offen. Die deutsche Koloskopie-Lobby nimmt einen positiven Ausgang des wenig wissenschaftlichen Großversuchs an und propagiert die Untersuchung. Die Schweizer haben sich für ein differenziertes, zurückhaltendes Vorgehen entschieden. Im besten Falle zeichnet sich in zehn Jahren ein erster Trend ab. Dann wird man erneut darüber spekulieren können, ob das Vorpreschen der Deutschen oder das Zaudern der Schweizer der richtige Weg gewesen ist.

Ein von den Kassen in Österreich in Auftrag gegebener und vor wenigen Tagen veröffentlichter Bericht des Instituts für Technikfolgenabschätzung in Wien fordert, die Patienten über die unzureichende Datenlage und die möglichen Risiken aufzuklären. Lobend erwähnt der Bericht hierzu eine neue Patienteninformation der Universität Hamburg, Fachwissenschaft Gesundheit, die nüchtern Vor- und Nachteile beleuchtet, ohne den Patienten zur Vorsorge zu drängen – ein „Infoflyer“, der seinen Namen auch verdient, leider aber nicht in den Arztpraxen ausliegt.

 
Service