Beim Streit über Mel Gibsons Film Die Passion Christi, der in dieser Woche in den Vereinigten Staaten anläuft, geht es im Kern um zwei Fragen: Wer brachte Jesus um? und: Wer kontrolliert Hollywood? Die Antworten sind auf bizarre Weise miteinander verknüpft. Sie liefern die Munition für den amerikanischen "Jesuskrieg" (The New Yorker).

Mel Gibson tut etwas höchst Konventionelles: Er verfilmt einen populären Stoff und bedient sich dabei einiger Kniffe. Zu sehen sind die wichtigsten Stunden der Christenheit, die Phase zwischen Verrat und Kreuzigung Jesu. Den Höhepunkt bildet, in quälend brutalem Detail, das Protokoll der Folterung. Ein christlicher Gewaltfilm, der seine Weihe aus dem Anspruch ableitet, authentisch zu sein und deshalb auf Aramäisch, Lateinisch und Hebräisch (mit englischen Untertiteln) gezeigt wird. Seit Monaten lädt Gibson ausgesuchte Führer der evangelikalen Christen zu Privatvorführungen ein. So breitet sich die Erwartung aus, mit seinem Film beginne ein Kreuzzug zur Bekämpfung der Ungläubigkeit. Morris Chapman von der Southern Baptist Convention glaubt, "der Herr" habe "uns etwas in den Schoß gelegt, das Katalysator für die spirituelle Wiedergeburt Amerikas werden kann". Deshalb immunisierte eine ideologisch gefestigte Anhängerschaft den Film schon vor dem ersten Kinotag gegen die Zumutungen der Kritik.

Ein neuer Kulturkampf

Auch ein paar Unzuverlässige hatten sich Zugang zu den Vorab-Vorstellungen verschafft. Seither kursiert der Vorwurf des Antisemitismus. Er gründet auf der Beobachtung, dass "in einem zweistündigen Film nicht ein Jude, der gegen Jesus ist, auch nur einen intelligenten Satz sagt", meint Rabbi Marvin Hier vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles. Gibsons Juden seien "ungekämmte, aggressive, finstere Gestalten". Der Film, schreibt der New Yorker, missachte die Erkenntnisse der Historiker und weise "die Verantwortlichkeit für den Tod Jesu mehr den Juden als den Römern zu". Womit die Diskussion schnell die These von der jüdischen Kollektivschuld erreicht, die schon die Geschichte des Passionsspiels jahrhundertelang unheilvoll begleitete und bis heute den Kern des christlichen Antijudaismus bildet. Zwar hat Papst Paul VI. die Kollektivschuldthese 1965 förmlich zurückgewiesen, aber Mel Gibson erkennt weder den Papst noch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils an. Er gehört einer katholisch-fundamentalistischen Splittergruppe an. Vom Wall Street Journal nach dem Holocaust befragt, steht Gibson kurz vor der Leugnung: "Natürlich hat es Grausamkeiten gegeben. Krieg ist furchtbar."

Gibson verbreitet nun, er liebe "die Juden". Jesus hätten "wir alle" getötet. Der sei "für die Sünden aller Menschen gestorben". Das wird bibelkundige Christen leichter überzeugen als Andersgläubige, die sich zwei Stunden lang Gibsons Gewaltorgie hingeben. Nach Ansicht seiner Kritiker ist Gibson in Gefahr, die "Liebesbotschaft Jesu in eine Botschaft des Hasses zu verwandeln". Derlei Anwürfe kontert Gibson mit der Bemerkung, seine Gegner schürten eine "antichristliche Stimmung". Er raunt von einem Komplott gegen ihn. Wer "die Wahrheit" über die Leidensgeschichte Christi erzähle, werde von Juden unter Druck gesetzt. Damit scheint er die New York Times zu meinen, die in Amerika der Innbegriff des linken Establishments ist und überdies einer jüdischen Familie gehört. Über Frank Rich, den Kulturkolumnisten der Times, sagt Gibson: "Ich würde ihn am liebsten umbringen und seine Eingeweide aufspießen." Rich nimmt das, so schreibt er, nicht als Morddrohung, sondern als Ausdruck des andauernden Kulturkampfes.

30 bis 40 Prozent der Amerikaner nennen sich Evangelikale. Sie werden von der Rechten politisch vertreten, etwa dem Präsidenten, dem Justizminister, dem Sprecher und dem Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus – alles Evangelikale. Trotzdem fühlen sie sich in Mainstream-Medien und in der Unterhaltungsindustrie nicht verstanden und gehört. Hollywood und die Medienkonzerne gelten ihnen als Domäne der amerikanischen Juden, die anderen ihre säkulare und linke Weltsicht aufoktroyierten. Drum haben sie ihre eigene Jesus-Industrie geschaffen, bestehend aus Musik-Labels und Buchverlagen, 200 Fernsehsendern und 1500 Radiostationen. Der Streit um Gibsons Passionsspiel symbolisiert den Versuch des christlichen Fundamentalismus, mit einer frömmelnden Weltsicht in Hollywood Fuß zu fassen. Es geht am Ende um nicht weniger als die kulturelle Hegemonie in Amerika.

Zwei auserwählte Völker

Was zunächst wie ein Teilerfolg wirkt, ist in Wahrheit ein Pyrrhussieg. Im Bekehrungseifer unterminiert der Rechtsfundamentalismus sein eigenes Lieblingsprojekt: den Schulterschluss mit der israelischen Rechten. Traditionell haben Radikalchristen zu Israel ein gebrochenes Verhältnis. Juden sehen sie als Blinde, die Jesus nicht erkennen. Andererseits gilt ihnen die Existenz Israels als Beweis der biblischen Weissagung, wonach sich die Wiederkehr des Herrn in einer Apokalypse ankündigt, bei der die Juden umkommen oder Jesus als Messias akzeptieren. Spätestens seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 versuchen "Versöhner" der christlichen Rechten, diesen Konflikt zurückzustellen und in den Juden die Beschützer der heiligen Stätten vor dem muslimischen Fundamentalismus zu sehen. Amerika und Israel wären demnach von zwei auserwählten Völkern bewohnt. Der Konflikt um Gibson reißt nun die alten Wunden wieder auf. So meint Ted Haggard, Präsident der Evangelikalen-Vereinigung, die jüdischen Kritiker des Films seien "kurzsichtig". Sie riskierten in Zeiten "großen Drucks auf Israel" die "Entfremdung" von den Christen. Israels Juden sollen hübsch still sein, wenn sie von Amerikas rechten Christen Unterstützung wollen.