Was den Oberammergauer Passionsspielen recht ist, ist Mel Gibsons Film Die Passion Christi billig, nämlich der Vorwurf der Judenfeindschaft. Indessen wird mit solchem Vorwurf nur der Sack geschlagen, wo doch der Esel gemeint ist; denn eine Passionsdarstellung, die sich an die Berichte der Evangelisten vom Leiden und Sterben Jesu hält, kann dem Vorwurf gar nicht entgehen. Es sind ja die Evangelien selbst, die vor allem in den Passionsberichten voll von vorwurfsvollen und schroff feindlichen Aussagen über die Juden sind.

Dabei ist eine sich steigernde Feindseligkeit unverkennbar. Das frühe Glaubensbekenntnis – "unter Pontius Pilatus gekreuzigt" – erwähnt die Juden noch gar nicht. Der ältesten Passionserzählung zufolge, wie wir sie aus dem Markusevangelium rekonstruieren können, überstellen die Führer der Juden Jesus zwar an Pilatus, der kurzen Prozess mit ihm macht, aber es sind nicht die Menschen, sondern Gott selbst ist es, der dies Geschehen bestimmt und Jesus an Leiden und Tod ausliefert. Erst die späteren Evangelien, die um die erste Jahrhundertwende geschrieben wurden, stellen die Juden als die eigentlich Schuldigen am Tod Jesu heraus, indem sie zugleich Pilatus, der seine Hände demonstrativ in Unschuld wäscht und sich schließlich dem Druck der Juden beugen muss, zum Fürsprecher Jesu machen. Diese Darstellungsweise wurde von den apokryphen Pilatus-Akten aufgenommen und erreichte ihren Höhepunkt, als Pilatus in der äthiopischen Kirche unter die Heiligen aufgenommen wurde.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Die Mehrzahl der christlichen Gemeinden verblieb in der frühen Zeit im Synagogenverband, der zu jener Zeit noch ganz unterschiedliche jüdische Glaubensrichtungen vereinte, und genoss damit ein nur den Juden vom römischen Kaiser gewährtes Privileg; denn wer die Tempelsteuer entrichtete, von der die Opfer bezahlt wurden, die täglich in Jerusalem für das Wohl des Kaisers dargebracht wurden, war von der Pflicht befreit, öffentlich dem vergöttlichten Kaiser selbst Opfer darbringen zu müssen. Aber nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 reorganisierte sich das Judentum unter dem bestimmenden Einfluss der Pharisäer und duldete fortan die Christen nicht mehr in der Gemeinschaft ihrer Synagogen. "Die Juden hatten beschlossen", so erfahren wir aus dem Johannesevangelium, dass jeder aus der Synagoge ausgeschlossen werde, der Jesus als den Christus bekenne (Johannes 9,22). Damit verloren die Christen auch den Schutz, der den Angehörigen der Synagoge von Rom gewährt wurde, und da sie den allen Bewohnern des Reiches abverlangten Loyalitätsbeweis, nämlich das Opfer vor dem Bild des Kaisers zu bringen, nicht bereit und imstande waren, begann die Zeit der Christenverfolgungen.

Justizmord oder Aufruhr?

Die Synagogen waren gehalten, sich von ihren ehemaligen Mitgliedern zu distanzieren und die Grenze zu den christlichen Gemeinden deutlich sichtbar machen, um nicht selbst des Aufruhrs verdächtigt und in die Verfolgung verstrickt zu werden, und so kommt es zur öffentlichen Verleumdung und Anklage der Christen durch die Juden. Noch um das Jahr 200 nennt der Apologet Tertullian die Synagogen den "Quellort der Verfolgungen", und der Bericht vom Martyrium des Bischofs Polykarp schildert eine Generation zuvor den Eifer, mit dem die Juden in ihrem Hass gegen die Christen die Heiden noch übertreffen. Im Rahmen solcher Vorwürfe spielte die Tatsache eine herausragende Rolle, dass Jesus durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus zum Tode am Kreuz verurteilt worden war, konnte dieser Hinweis doch als Erweis dessen dienen, dass die Christen von Anfang an politische Aufrührer gewesen sind.

Gegen solche Vorwürfe vonseiten der Juden setzen sich die Verfasser der Evangelien zur Wehr. Sie kontern mit der Erklärung, dass die Juden schon immer die Christen verleumdet hätten, wenn sie zum Beispiel Pilatus gegenüber behaupteten, Jesus habe das jüdische Volk zum Aufstand gegen Rom angestiftet, sich selbst zum König gemacht und verboten, dem Kaiser Steuern zu zahlen (Lukas 23,2). Pilatus aber habe, so lesen wir in den Evangelien, solchen Verleumdungen keinen Glauben geschenkt. Immer wieder habe er öffentlich erklärt, dass er Jesus mehrmals verhört habe, ohne irgendeine Schuld an ihm zu finden. Wenn er Jesus trotzdem habe kreuzigen lassen, dann nur, weil die Juden gedroht hätten, ihn beim Kaiser zu denunzieren: "Läßt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht mehr; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser" (Johannes 19,12). Es handele sich also bei Jesu Kreuzigung um einen von den Juden verschuldeten Justizmord.

In den Passionsdarstellungen der Evangelien lagern folglich zwei historische Ebenen übereinander. In der ersten Ebene, den Jerusalemer Ereignissen um das Jahr 30 nach Jesu Geburt, spiegelt sich die zweite Ebene, der Konflikt zwischen Juden und Christen zur Zeit der Evangelisten und der beginnenden Verfolgungen um das Jahr 100 nach Christus. Über den jüdischen Anteil an den historischen Ereignissen, die um das Jahr 30 zu dem "gelitten unter Pontius Pilatus" führten, können wir nur mit großer Zurückhaltung Aussagen machen. Er war jedenfalls sehr viel kleiner, als er in der Darstellung der Evangelien erscheint, man kann aber auch nicht ausschließen, dass er ohne Bedeutung gewesen ist.

Die ersten Christen waren Juden